Fragen Sie Reich-Ranicki

Überraschend bieder und betulich

14. Mai 2008 Am 28. Februar 1937 schreibt Klaus Mann in sein Tagebuch: „K(urt) H(iller) findet, ich sei als Kritiker, Polemiker, Essayist viel wichtiger, besser, unentbehrlicher denn als Erzähler . . . Stimmt es?“ Was meinen Sie? Dr. Eckhard Schmidt, Bonn

Reich-Ranicki: Die drei Romane, die als Klaus Manns Hauptwerke gelten - neben dem „Vulkan“, der autobiographischen Darstellung der Leiden eines Drogensüchtigen, der Tschaikowsky-Roman „Symphonie Pathétique“ und der Gründgens-Roman „Mephisto“ -, hinterlassen einen zumindest zwiespältigen Eindruck. Klaus Mann hat von Literatur viel verstanden. Seine Aufsätze beweisen es. Indes gehört er zu jenen Essayisten und Kritikern, deren Geschmack und Qualitätssinn sich nur dann bewähren, wenn sie über die Arbeiten anderer Autoren urteilen.

Er bewunderte André Gide, Virginia Woolf und Cocteau, Kafka, Benn und Horváth. Er schrieb über diese Schriftsteller treffend und geistreich. Aber sie hatten, so will es scheinen, nicht den geringsten Einfluss auf seine eigene Epik. Keiner seiner Romane lässt sich von argen Geschmacksentgleisungen freisprechen, bisweilen geriet er auf die Ebene der Trivialliteratur. Vor allem: Klaus Mann erzählte in den dreißiger Jahren, als habe es die moderne Prosa überhaupt nicht gegeben.

Er liebte, verständlicherweise, heikle Themen, er fürchtete keine Tabus, in den Mittelpunkt stellte er haltlose, verzweifelte Menschen, Homosexuelle, Rauschgiftsüchtige, Selbstmörder. Doch hat seine Epik oft einen etwas juvenilen Tonfall, ihre Diktion mutet - zumal angesichts der behandelten Motive - überraschend bieder und betulich an.

Geradezu erstaunlich ist Klaus Manns hartnäckige Vorliebe für gängige Wendungen, für Klischees. Die in der Sprache aller seiner Romane auffallende Nachlässigkeit hat gewiss mit seiner Mentalität zu tun. Er konnte bisweilen mit wenigen und einfachen Worten viel ausdrücken und viel anschaulich machen. Aber er war zu unruhig und zu ungeduldig, um an einem Absatz oder gar an einem einzigen Satz sorgfältig zu arbeiten: Meist schrieb er die Worte hin, die er gerade zur Verfügung hatte. An anderen, besseren und genaueren, war ihm offenbar wenig gelegen: Er hatte keine Lust, sie zu suchen.

Ist es verwunderlich, dass dieser Schütze, der immer nervös und hastig zielte, häufig seine Objekte verfehlte? Eher sollte man sich wundern, dass es ihm mitunter gelang, ins Schwarze zu treffen. Leid und Glück waren im Leben Klaus Manns untrennbar miteinander verquickt. Noch in seinen trostlosesten Monaten und Wochen schrieb er Briefe voll Frohsinn und Glückseligkeit. Und noch in seinen beschwingten und jubelnden Briefen bilden drohende Akkorde ein düsteres, ein acherontisches Ostinato.

Ein Sonntagskind war er, aber das unglücklichste, das man sich denken kann. Er liebte das Dasein, fieberhaft wollte er es genießen. Und doch war er von Anfang an ein Selbstmordkandidat: Kein Weltkind war je vom Tode stärker fasziniert als er, Klaus Mann.

Ihre Fragen schicken Sie an Sonntagsfrage @faz.de oder Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Stichwort „Sonntagsfrage“, Mittelstraße 2-4, 10117 Berlin.



Text: F.A.S.
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa

 
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