TÜRKEI

16. Dezember 2006 Offenbar trägt die Verleihung des diesjährigen Literaturnobelpreises an Orhan Pamuk dazu bei, die Türken endlich zu stärkeren Lesern ihres stärksten Autors zu machen. Pamuk erhielt den Preis nicht zuletzt für seine Jugenderinnerungen unter dem Titel "Istanbul", die immer besseren Absatz in seinem Heimatland finden. Das Werk ist zwar kein klassisches Sachbuch, enthält jedoch Kapitel, die diesem Genre nahestehen, so etwa die Passagen über europäische Autoren, die - wie Nerval, Flaubert, Lamartine oder Pierre Loti - die Stadt am Bosporus besuchten und beschrieben. Oder jenes Kapitel, das Resat Ekrem Koçu, dem Enzyklopädisten Istanbuls, und anderen Historikern wie Literaten der Stadt gewidmet ist. Die Istanbuler werden manches Neue über ihre Stadt erfahren. Die erste romanhafte Gestaltung des Lebens und Wirkens von Muhyi al Din Ibn Arabi, dem berühmten andalusischen Mystiker, stammt aus der Feder des Fernsehjournalisten Sadik Yalsizuçanlar, der bisher mit acht Romanen hervorgetreten ist. In "Gezgin" (Der Wanderer) gibt der Autor in teilweise neuartiger, expressiver Sprache Einblicke in die religiös fundierte Welt dieses islamischen Sufi-Denkers, der 1240 in Damaskus starb und heute bisweilen als "Freidenker" und Anreger surrealistischer Vorstellungen rezipiert wird.

WOLFGANG GÜNTER LERCH



Buchtitel: Istanbul
Buchautor: Pamuk, Orhan

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.12.2006, Nr. 293 / Seite Z3