Die Rache des Elefanten

19. November 2004 Im Grunde scheint es eine einfache Geschichte, die der norwegische Schriftsteller Niels Fredrik Dahl uns erzählt: Ein kleiner Junge, Vilgot mit Namen, zu Hause in einem Außenbezirk Oslos, streift abends durch die Straßen. Eigentlich ist er auf dem Weg zu seinem Freund Simen, jedenfalls sagt er das immer wieder, zu sich und zu anderen. Nur läßt er sich dauernd ablenken, schlüpft in alle möglichen Winkel, hält an bei Leuten, die er kennt, gibt ständig seiner Neugier und einem seiner krausen Gedanken nach. Anscheinend dient Vilgots Ausflug dazu, uns in die Welt hineinzuziehen, in der er und die Seinen leben, ein Viertel der Bürger und Kleinbürger, wie es das auch anderswo geben könnte, auch bei uns. Abgesehen natürlich von lokalen und nationalen Eigenheiten. So zum Beispiel dem Umstand, daß in dem eindrucksvollen Turmhaus der Wohnlandschaft, dem lange Zeit einzigen Großbau Oslos, auch Trygve Lie sein Quartier hat, erster Generalsekretär der Vereinten Nationen und Norwegens Stolz. Aber je länger Vilgot unterwegs ist, desto dunkler, undurchschaubarer wird die Szenerie. Daß er bei Simen nicht ankommen wird, ahnen wir längst. So sind wir darauf gefaßt, daß ihm etwas zustößt, aber was, das wird lange Zeit nur angedeutet.

Der kleine Wanderer ist ein einsamer Junge. Sein Vater, Geschäftsführer in einer Brotfabrik, hat wenig Zeit für den Sohn, der Beruf nimmt ihn in Anspruch und mindestens genauso die Sorge um seine Ehefrau. Auf Vilgots Mutter lauert offenbar der Krebstod, genau wird uns das nicht gesagt. Die übrigen Erwachsenen haben vergessen, wie Kinder denken und fühlen; wenn sie mit ihnen reden, dann ermahnend oder albern leutselig. Sämtliche Eltern drillen ihren Nachwuchs im Zeichen der beschränkten Bürgerlichkeit, die für sie Anstand und Sitte verkörpert. Die Schul- und Spielkameraden können Vilgot nicht helfen, sie verstehen nicht, was ihn plagt. Er versteht es ja selber nicht. Außerdem ist keiner besser dran als er.

Das Ganze trägt sich in den sechziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts zu, was darauf hindeutet, daß der kleine Romanheld ein Generationsgefährte des Autors ist, der 1957 geboren wurde. Aber es bleibt nicht beim Blick zurück, zwischen die Kindergeschichten schieben sich immer wieder Abschnitte, in denen der erwachsene Vilgot sich offenbart. Was hat er uns zu bieten? Genaugenommen nicht mehr als die Fortsetzung dessen, was uns die Serie der Kindheitsbilder gelehrt hat. Der Mann Vilgot entpuppt sich als geschädigt, offenkundig unheilbar, von jenem Unternehmen, das den Jungen einst auf die Straße führte. So ist es denn höchste Zeit zu sagen, was ihm damals widerfuhr, und der Autor rückt endlich damit heraus: Das Bübchen wurde Opfer eines Kinderschänders.

Der Schluß des Romans läßt die Vermutung zu, daß der erwachsene Vilgot die Schändung zu rächen vermochte. Sicher ist aber auch das nicht. Die angedeutete Strafaktion wird von einem Elefanten ausgeführt, dem Hinterbliebenen eines russischen Zirkusunternehmens, das aus Geldmangel seine Tour durch Norwegen abbrechen mußte. Vilgot nahm das Tier auf, fütterte es mit den Brotresten aus der Fabrik, in der sein Vater arbeitete. Der Elefant und er werden eins, verschmelzen sozusagen ihre Seelen. Eines Tages durchschneidet Vilgot die Fesseln seines Gastes, das riesige Grautier trabt auf die Straße und richtet ein fürchterliches Chaos an. Unter anderem zertrümmert es ein Auto und verletzt den Fahrer tödlich. Das Auto gleicht dem des einstigen Schänders. Doch ist es das tatsächlich, ist das Opfer der böse Mann? Gewißheit erlangen wir nicht, sowenig wie der Romanheld. Der aber braucht auch keine Gewißheit, ihm reicht der Film, den seine Phantasie ihm vorspielt.

Eine sonderbare Geschichte, die uns zwiespältig zurückläßt. Zum einen hält sie uns in immerwährender Erwartung, die uns bis zur letzten Seite nicht so recht erfüllt scheinen will. Zum anderen bestrickt uns, je länger, desto mehr, die feine Zeichnung der Persönlichkeiten, in deren Innerstes wir geführt werden. Der Autor Dahl tastet sich mit zarten Fingerspitzen durch Wahrheiten, die wir schwer in Besitz nehmen, denen wir uns aber träumend hingeben können.

SABINE BRANDT

Niels Fredrik Dahl: "Auf dem Weg zu einem Freund". Roman. Aus dem Norwegischen übersetzt von Ina Kronenberger. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2004. 224 S., geb., 17,90 [Euro].



Buchtitel: Auf dem Weg zu einem Freund
Buchautor: Dahl, Niels Fredrik

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.11.2004, Nr. 271 / Seite 38

 
Mehr als 30.000 Rezensionen
Buchtitel Buchautor Im Beitrag
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche