Interview

Flucht und Verteidigung

Autorin, Germanistin, Holocaust-Überlebende: Ruth Klüger hat den zweiten Teil ihrer Autobiographie geschrieben

Autorin, Germanistin, Holocaust-Überlebende: Ruth Klüger hat den zweiten Teil ihrer Autobiographie geschrieben

21. August 2008 Man fährt eine ganze Weile den an diesem Nachmittag zum Glück gar nicht verstopften Freeway 405 Richtung Süden, um von Los Angeles ins kalifornische Orange County nach Irvine zu kommen, zu jenem Universitäts-Campus, auf dem die Germanistin und Autorin Ruth Klüger lange Jahre unterrichtet hat. Sie wohnt immer noch hier, in der kleinen Akademikersiedlung auf dem Hügel, auch wenn sie schon eine ganze Weile keine Kurse mehr gibt.

Die alte Fluchtbereitschaft, die sie, die als Kind die Konzentrationslager Theresienstadt, Auschwitz-Birkenau und das Arbeitslager Christianstadt überlebte, Anfang der neunziger Jahre in ihrem so wichtigen autobiographischen Buch „weiter leben“ beschrieben hat; ein Fluchtreflex, der sich in Friedenszeiten in einem permanenten Umzugsdrang fortsetzte, in der Bereitschaft, Begonnenes aufzugeben, Dinge, an die sie sich gewöhnt hatte, wegzuschenken oder sich bereitwillig scheiden zu lassen: all das scheint im Alter gewichen zu sein. Ruth Klüger, 76, fühlt sich in Irvine zu Hause. Es ist ein heißer Tag, gerade war sie beim Schwimmen. Sie öffnet die Tür mit schnörkellos freundlichen, österreichisch eingefärbten Worten, eine kleine, sehr zierliche Frau mit verstecktem, lakonischem Humor, die Kekse und Kirschen zum Tee serviert, selbst auf die Kekse aber lieber verzichtet.

Gerade hat sie den zweiten Teil ihrer Autobiographie geschrieben: „unterwegs verloren“ (Zsolnay, 240 Seiten, 20,50 Euro). Es ist ein feministisches Bekenntnis - nicht zornig, da sie ihren Beruf, die Literaturwissenschaft, liebt, aber oft unerbittlich. Wie war es, in Amerika als eine der ersten Professorinnen zwischen lauter Männern zu unterrichten? Welchen Anfeindungen war sie als Jüdin ausgesetzt? Und warum ist es so schwer, die eigenen Kinder zu verstehen? Ruth Klüger legt Zeugnis ab und teilt nachträglich auch da aus, wo sie sich im Leben manchmal wort- oder kampflos zurückzog.

Als Sie Ende der achtziger Jahre zu Gast an der Universität in Göttingen waren, hatten Sie einen Verkehrsunfall und mussten lange ins Krankenhaus. Der Unfall wurde zum Auslöser für Ihr Buch „weiter leben“: Sie begannen einen Bericht zu schreiben, weil Sie auf den Kopf gefallen waren, sagten Sie. Gab es auch diesmal ein Ereignis, das Sie veranlasst hat, die Autobiographie wieder aufzunehmen? Den Tod Ihrer Mutter? Oder die Entfernung der tätowierten KZ-Nummer in einer Laserklinik, die Sie am Anfang des neuen Buchs beschreiben?

Das hat alles eine Rolle gespielt, aber es gab keinen bestimmten Auslöser. Es war eher kumulativ, vieles hat sich angehäuft, und so ist das Buch ja auch geschrieben: Es ist keine lineare Erzählung, sondern wie eine Reihe von Essays über verschiedene Dinge, die sich, wie ich hoffe, zu einem Bild zusammenfügen.

Das komplizierte Verhältnis zu Ihrer Mutter spielt, wie schon in „weiter leben“, eine große Rolle. Wie hat Ihre Mutter damals auf Ihr Buch reagiert?

Ich habe „weiter leben“ auch deshalb auf Deutsch geschrieben, damit sie es nicht lesen wird. Eine Bridgepartnerin von ihr hatte eine Nichte in der Schweiz, die ihr das Buch unfreundlicherweise geschickt hat, und da hat sie es doch durchgeblättert und war einigermaßen böse, aber sie wäre noch böser gewesen, wenn ich es auf Englisch geschrieben hätte. Übersetzt habe ich es erst nach ihrem Tod. Und da habe ich für die englische Ausgabe ein Kapitel hinzugefügt, das ich in „unterwegs verloren“ nun übernommen habe. Es ist das zweite Kapitel: „Das Ende einer Mutter“.

Sie schreiben inzwischen unverschlüsselter. Martin Walser, den man in dem ersten Teil Ihrer Autobiographie in der Figur Ihres Kommilitonen Christoph erkennen konnte, heißt jetzt Martin Walser. Gibt es dafür einen bestimmten Grund?

Ich habe die Verschlüsselungen schon in der englischen Fassung aufgegeben, auch weil meine Pflegeschwester mich damals fragte, warum sie denn nicht mit ihrem eigenen Namen genannt werden soll. Im Fall von Martin Walser war es so, dass ich als unbekannte Autorin nicht mit dem Namedropping eines der bekanntesten Schriftsteller Deutschlands kommen wollte. Das erschien mir nun nicht mehr richtig. Ich habe es über den Haufen geworfen und in meinem neuen Buch zunächst zu viele Namen genannt, die ich, auf dringendes Anraten meiner Freunde, zum Teil wieder herausgenommen oder als Initialen abgekürzt habe.

Einige der ehemaligen Universitätskollegen, denen Sie deutlich Ihre Meinung sagen - einen haben Sie in einer Auseinandersetzung mit Weißwein begossen -, werden sich sicher wiedererkennen. Rechnen Sie mit Reaktionen?

Von den diversen Herren werde ich keine Reaktionen bekommen, aber sie werden sich ärgern. Ich habe das Buch nicht geschrieben, um sie zu ärgern, aber es macht mir nichts aus. Ich habe es geschrieben, damit Frauen, die in einer ähnlichen Situation waren, sich erkannt fühlen. Das ist überhaupt ein durchgehendes Thema in dem Buch, dass ich aufzeigen wollte, wie es mit der Frauenbewegung gegangen ist und wie weit wir gekommen sind. Die Beschreibung der Schwangerschaft und Geburt zum Beispiel, da bin ich mir sicher, interessiert Männer überhaupt nicht. Mein Verleger hat gegähnt, glaube ich. Aber ich bin neugierig, wie Frauen darauf reagieren und ob sie etwas Ähnliches erlebt haben.

Wer weiß, ob es Männer nicht doch interessiert. Inzwischen werden Schwangerschaften und Geburten eher gefeiert, als dass man sie versteckt.

Gewiss! In den fünfziger Jahren in Amerika war es aber noch etwas, für das man sich schämen sollte, als ob es eine Krankheit wäre. Die Umstandsmode bestand aus einem riesigen Loch im Rock und darüber einer weiten Bluse oder einem Oberhemd. Es war, als sollten Schwangere so hässlich wie möglich aussehen. Meinem Mann, der aufs Sparen versessen war, fiel es damals auch nicht ein, dass ich während der Schwangerschaft zum Arzt gehen müsste. Ich war seit meiner Studienzeit nicht mehr krankenversichert. Ich dachte, ich bin ja gesund, habe drei KZs überstanden, wozu brauche ich einen Frauenarzt, nur weil ich ein Kind kriege? Als ich dann im siebten Monat in Connecticut einen Arzt aufsuchte, war der entsetzt.

Die Diskriminierung von Frauen und von Juden fällt in Ihrem Buch oft in einem Atemzug.

Ja, und eine Reaktion darauf ist: Diese beiden Dinge sind inkommensurabel, man sollte sie nicht vergleichen. Dahinter steckt: Den Juden ist es viel schlechter gegangen als den Frauen. Wenn man aber das eigene Leben beschreibt, stellt man fest, dass die Herabsetzungen, denen man ausgesetzt war, von beiden Seiten gekommen sind. Eine meiner besten Anekdoten - ich habe sie im Buch nicht erzählt, wahrscheinlich weil sie mir gerade nicht einfiel - ist die von einem Abend in Wien, wo ich einen Vortrag über Schnitzler gehalten habe. Da gab es einen Professor, mit dem wir im Anschluss noch essen gegangen sind, und er sagte: „Sie sehen ja so gut aus!“ Ich fragte ihn, was er denn erwartet habe? Und er antwortete: „Sie hätten ja auch eine hässliche Jüdin sein können!“ Ein Wiener Professor. Sie haben aber recht, dass die Frage der verschiedenen Diskriminierungen und der Ansprüche, die damit verbunden werden, grundsätzlich interessant ist, gerade jetzt in Amerika.

Sie meinen mit Blick auf die Präsidentschaftskandidaten?

Ja, denn es ging mit Hillary Clinton und Barack Obama um eine Frau und einen Schwarzen. Der Rassismus, wurde da gesagt, sei eine viel ernstere Geschichte als die Diskriminierung von Frauen, weil Frauen nicht so brutal behandelt worden seien wie die Schwarzen als Sklaven. Dagegen lässt sich einiges einwenden.

Sie waren also für Hillary Clinton?

Ich habe sie in der Vorwahl gewählt. Aber es sind beides gute Kandidaten, und ich bin überzeugt, dass Obama es schafft.

Ihr Buch erzählt auch von Ihren Söhnen und von der Frage, wie viel Sie, als Holocaust-Überlebende, Ihren Kindern von den Lagern erzählen wollten. Vermuten Sie wirklich, dass Ihr älterer Sohn „weiter leben“ nicht gelesen hat?

Er hat es wahrscheinlich gelesen, aber er redet nicht davon. Mit dem Jüngeren ist es anders, er hat freundliche Dinge darüber gesagt und es verschenkt. Das ist ja auch eine der Fragen im Buch, dass man nicht genug über seine eigenen Kinder weiß. Ich weiß nicht, was im Kopf meines Älteren vorgeht, und habe keine Lust zu fragen.

Sie gehen streng mit ihm ins Gericht. Wenn ich das als Ihre Tochter lesen würde . . .

. . . aber meine Kinder sind nicht die Adressaten des Buchs! Sie können ja gar kein Deutsch! Ich habe die ganze Zeit gedacht, wie gut, dass sie es nicht lesen können. Jetzt werden Sie sicher sagen, na ja, irgendjemand wird es ihnen übersetzen. Aber ich bitt' Sie, sie sind alt genug, das auszuhalten, sie sind in ihren Fünfzigern.

Sie haben sich in Ihrem Leben immer wieder von Orten und Menschen getrennt. „Unterwegs verloren“ liest sich auch wie eine Verlustanzeige.

Man sagt, dass der Reflex der Verteidigung entweder Flucht oder sich zur Wehr setzen ist. Meiner ist Flucht. Ich habe mich im Grunde selten mit Menschen richtig gestritten, ich bin eher weggegangen.

Martin Walser haben Sie Ihre Freundschaft allerdings öffentlich aufgekündigt, als sein Roman „Tod eines Kritikers“ erschien.

Das ist einer der ganz wichtigen Verluste, die eben auch nicht reparabel sind. Wenn Sie ein Buch eines Freundes für antisemitisch halten, dann war es das. Er hält sein Buch nicht für judenfeindlich. Weiß der Kuckuck, für was er es dann hält. Ich habe früher immer an die Dauer von Beziehungen geglaubt und musste feststellen, dass es so nicht ist. Ich dachte, dass es gewisse Dinge gibt, die bis zum Ende des Lebens halten.

Interview Julia Encke



Buchtitel: Unterwegs verloren
Buchautor: Ruth Klüger

Text: F.A.S.
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa/dpaweb

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