21. Mai 2007 Im Roman Hundstage von 1988 gönnt Walter Kempowski seinem Alter Ego ein besonderes Vergnügen: Sowtschick sieht sich die Feuerzangenbowle an. Der an sich harmlose Vorgang wird vom Erzähler so eingeleitet: Und nun tat Sowtschick etwas, das niemand wissen durfte. Der Abspann hält Worte bereit, die Sowtschick zum Weinen bringen - deshalb sieht er sich den Film ja heimlich an: Wahr sind nur die Träume, die wir spinnen, und die Erinnerungen, die wir in uns tragen. Damit müssen wir uns bescheiden.
Anfang 1990 macht Kempowski sich auf in die alte Heimat. Das Tagebuch Hamit vermerkt unter dem 5. Januar 1990 eine der vielen uns zunächst nicht weiter tragisch erscheinenden Begebenheiten: Der späte Besucher bekommt Einsicht in eine Literaturgeschichte, in der auch Tadellöser & Wolff vorkommt. Die Autorin mokiert sich darin über Kempowskis Unverständnis für die revolutionäre Umgestaltung im Osten Deutschlands und der DDR, kleinbürgerliche, antikommunistische Tendenzen. Wusste sie nicht, dass Kempowski der Umgestaltung acht Jahre Haft zu verdanken hatte? Kempowski erwähnt das selber gar nicht erst und schiebt in einer Notiz das eigentlich Ungeheure nach: Diese Hochschullehrerin veröffentlicht neuerdings das Buch ,Gemütlichkeit. Erinnerungen an Kindheit und Jugend'. Hätte mir eigentlich einen Brief schreiben können, dass es ihr leid tut.
Wiedergutmachung an dem Gedächtniskünstler
Es tat auch anderen nicht leid, was man mit Walter Kempowski gemacht hat. Eine Öffentlichkeit, die sich nicht darüber wundert, dass Autoren aus dem linken Lager jetzt selber gemütlich geworden sind, die es ihnen vielmehr als Tabubruch gutschreibt, wenn sie sich mit Heimat, Flucht und Vertreibung befassen - eine solche Öffentlichkeit hat an Kempowski etwas gutzumachen.
Die Ausstellung Kempowskis Lebensläufe wurde am Samstag in der Berliner Akademie der Künste in dem Bewusstsein eröffnet, wie nötig dies in der Tat ist. Während Bundespräsident Horst Köhler den Schriftsteller noch ebenso gutgemeint wie gönnerhaft zu vereinnahmen versuchte - Wir sind stolz auf Walter Kempowski - und Martin Mosebach in seiner fabelhaften Laudatio, die wir nebenstehend dokumentieren, das Abgründige bei Kempowski in den Blick rückte, wies Klaus Staeck, Akademie-Präsident, in einer etwas selbstbezüglichen Rede die Richtung, in der Wiedergutmachung (auch) geschehen könnte: indem man den Gedächtniskünstler, den größten zweifellos, den Deutschland hervorgebracht hat, ernst nimmt, indem man ihm seine Gefühle bei der Erinnerung, die ja meistens schmerzliche sind, lässt und nicht als kleinbürgerliche Distanzlosigkeit abtut.
Häftling, Schriftsteller, Archivar
Wie sehr Kempowski gelitten haben muss, während Kollegen für literarisch unerheblichere Erinnerungsleistungen gefeiert wurden, ließ noch das Grußwort erkennen, das der Sohn Karl-Friedrich für den abwesenden, schwerkranken Vater verlas: Die Ausstellung lasse vieles vergessen, nicht alles. Kempowskis Lebensläufe also: Die von Dirk Hempel kuratierte Ausstellung verfährt nach dem Eisbergprinzip - die unter rund dreieinhalb Millionen Dokumenten ausgewählten 1600 Exponate bringen uns auf erwartbare, aber schlüssige Weise unter wohltuendem Verzicht auf Multimediaschnickschnack den Häftling, Pädagogen, Schriftsteller und Archivar nahe. In Holzzellen sieht man die alten Treter, die Kempowski trug, als er 1956 aus Bautzen freikam; eine erstaunlich niedrige Zellentür aus dem Untersuchungsgefängnis; Zeichnungen, die Talent verraten; Briefe.
Die Haupträume zeigen übersichtlich und kompakt den Werdegang: Studium in Göttingen, der von Fritz J. Raddatz bei Rowohlt betreute Haftbericht Im Block, die Dorfexistenz des gewissenhaften, theoriefernen Pädagogen, das Nartumer Haus Kreienhoop; dann die von Akademiemitgliedern gelesenen Tagebuchstellen vom 1. Januar 1943 aus dem Echolot, die hier, anders als im Buch, etwas beiläufig wirken; dazu die nicht minder manisch gesammelten Fremdbiographien und Fotos. Auch der Rest ist Geschichte - bis hin zum jüngsten Roman Alles umsonst.
Archiv wollte er werden
Irgendwann stößt man auf den Ausspruch des Zehnjährigen und ist gerührt: Archiv wollte er werden! Das ist ihm, wie fast alles, was er sich vorgenommen hat, gelungen. Die aus dem gewaltigen Kempowski-Archiv, also aus dem Vollen schöpfende Ausstellung beweist es handgreiflich; sie ist das Material gewordene Gedächtnis eines Jahrhundertautors.
Kempowski hält im Tagebuch vom 5. Januar 1990 noch etwas fest, das im Roman niemand wissen durfte: Man sieht sich gemeinsam die Feuerzangenbowle an, Kempowski spricht auswendig mit. Dann kommt der Epilog. Sein Kommentar: Wem da nicht die Tränen fließen, dem ist nicht zu helfen.
Kempowskis Lebensläufe, Berliner Akademie der Künste, bis 15. Juli. Der Katalog von Dirk Hempel kostet 19,90 Euro.
Text: F.A.Z., 21.05.2007, Nr. 116 / Seite 39
Bildmaterial: Akademie der Künste, Roman März