Rezension: Belletristik

Oblomow auf Speed

07. November 2002 "Isländischer Humor ist einfach yesss!" Eine Bemerkung wie diese kann nur in einem isländischen Roman stehen. Auf der Insel gibt es ungefähr "600 Fjorde, voll schneidender Winde, mit einer Good-for-nothing-Brandung", es gibt infolgedessen den isländischen Humor, und es gibt Reykjavík. Wenn das Wort von der Stadt, die niemals schläft, irgendwo wirklich zutrifft, dann hier. Reykjavík ist das nordische Synonym für Sex, Drugs und Rock'n'Roll.

Im Herzen dieses polaren Babylon lebt Hlynur. Er lebt zu Hause bei seiner Mutter, verbringt die meiste Zeit im Bett, zappt sich weltweit durch Musik- und Pornosender und schaltet gelegentlich die pakistanischen Nachrichten ein, um zu sehen, ob dort Island auf der Weltkarte eingezeichnet ist. Wenn er mit anderen Menschen redet, dann am liebsten im Chatroom; auf die Frage nach seinen Verbindungen zu Frauen antwortet er: "Nur schnurlos." Das ist etwas übertrieben, denn wenn Hlynur nachts doch noch das Haus verläßt, dann um sich, von Drugs und Rock'n'Roll beflügelt, auf die Suche nach einem irgendwie überraschenden One-Night-Stand zu machen - was in Reykjavík dadurch erschwert wird, daß hier schon jeder mit jedem im Bett war. Wenn er endlich einschläft, dann nur vor laufenden Pornos; seine Blaue Stunde sind die Blue Movies.

So zappen sich seine Erzählungen durch Comedy und Drama, bis die Soap Opera zum Horrortrip gerät. Während sein Vater mit dem Alkohol kämpft, verliebt sich seine Mutter in die lesbische Hausfreundin ("Sohn einer Lesbe. Klingt wie Welpe einer Seeschwalbe"); der Sohn wiederum, ohnehin ständig "geil wie ein Pfaffe", läßt sich in einer betrunkenen Silvesternacht von derselben Lesbe verführen, und sein Ehebruch mit der Frau der eigenen Mutter hat prompt eine Schwangerschaft zur Folge. Gleichzeitig gerät, infolge seines heimtückischen Pillen-Diebstahls, auch Hlynurs gutbürgerliche Schwester in andere Umstände; und während der so Überforderte zu einem schwulen Freundespaar flieht, überrascht ihn auch eine Exfreundin mit der Nachricht ihrer Schwangerschaft - der dritten in dieser Geschichte um Sex, Lügen und Videotapes. Für alle drei Fortpflanzungserfolge fühlt sich ausgerechnet der menschenfeindliche Hlynur verantwortlich, der doch als fideler Zombie in seiner Matrazengruft zappen, rappen und fortschwadronieren wird bis ans mutmaßliche Ende seiner Tage.

Hlynur ist ein Stand-up-Comedian in der Waagerechten, ein Oblomow auf Speed, ein Possenreißer, unter dessen Zoten ein scheues Herz schlägt. Als Running gag durchzieht den Roman seine Marotte, alle ihm begegnenden Frauen auf ihren potentiellen Geldwert hin zu taxieren; den resümierenden Anhang bildet eine fünfseitige Preisliste von der "Sachbearbeiterin auf dem Arbeitsamt (750)" bis zu "Pamela Anderson (4,700,000)". Soviel zu Hlynurs Triebwelt. Sein Herz hingegen gehört Tarantino und Woody Allen und dem klassischen Porno aus jener fernen Zeit, als es noch richtige Spielfilme gab. Hlynur, der sich einen "Hamletterman" nennt, ist ein Held unserer Zeit, die Verkörperung jenes Autismus, der eine Zeitlang als sehr cool und nineties galt. Sein Reykjavík ist die amerikanisch-europäische Metropole in nordischer Miniaturausgabe; und es hat etwas unheimlich Symptomatisches, daß in diesem 1996 zuerst erschienenen Roman einmal auch der Einsturz des World Trade Center durch einen Terrorakt als Horrorbild aufblitzt.

Vor vier Jahren hat diese Geschichte vom Identitätsverlust in der Medienwelt den Literaturpreis des Nordischen Rates erhalten, eine Auszeichnung immerhin, die zuvor Autoren wie Inger Christensen oder Per Olov Enquist zuteil geworden ist. In der Tat knüpft der Autor an große Traditionen an. "Holy Laxness!" ruft sein Held, wenn es ihm ausnahmsweise die Sprache verschlägt. Wenn man Einar Kárasson mit seinen Reykjavíker Slum-Geschichten als Laxness' Enkel apostrophiert hat, dann ist Halgrimur sein hübsch mißratener Neffe.

Weil es aber so rasant beginnt, ist am Ende die Enttäuschung doch beträchtlich. Denn Hlynurs Tragödie erweist sich zunehmend auch als die seines Textes. Den Doppelsinn der Einsicht, daß das Leben nur eine kurze Auszeit vom Tode sei ("man kann ja nicht ewig tot sein"), hat der Leser schneller durchschaut, als dem Autor lieb sein dürfte. Auch der Witz läuft sich tot, aber er kann nicht sterben; ein lebender Toter auch er. Und daß all die Gags und Trips und schnellen Orgasmen etwas zu tun haben mit der Unfähigkeit zu trauern, hat man nach hundert traurig-turbulenten Seiten begriffen; das ist aber erst ein Viertel des Buches. Gerade daß Halgrimur fortwährend alle Register zieht, macht seinen Sound so dröhnend monoton.

Das einzige, was ihn am Ende rettet, ist die grandiose Übersetzung. Karl-Ludwig Wetzig hat Halgrimurs Sprachkapriolen derart souverän und wortschöpferisch ins Deutsche gebracht, daß man zuweilen argwöhnt, seine Version sei noch etwas schlauer als das Original. Wenn Hlynur die Songs von Police nicht mehr hören mag, sagt er: "Mir stingt's"; daß ein Präservativ nicht dichthält, erwägt er als "eine Mögleckheit"; und das sind bloß die Kalauer. Die Eleganz, mit der sich Wetzig durch die Sounds und Stilebenen swingt, ist der beste Grund, dieses Buch zu Ende zu lesen. Der zweitbeste sind ein paar Menschheitsfragen, die am Schluß doch noch beantwortet werden. Warum haben manche Zigaretten in den USA weiße Filter und in Europa gelbe? "Damit Keith Richards weiß, auf welchem Kontinent er sich gerade aufhält."

HEINRICH DETERING

Hallgrímur Helgason: "101 Reykjavík". Roman. Aus dem Isländischen übersetzt von Karl-Ludwig Wetzig. Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2002. 440 S., geb., 22,- [Euro].



Buchtitel: 101 Reykjavík
Buchautor: Helgason, Hallgrímur

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.11.2002, Nr. 259 / Seite 34

 
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