Die Zeit ist aus den Fugen

03. September 2005 Es hätte jeden treffen können. Besuche im Cern bei Genf, dem größten europäischen Forschungszentrum für Teilchenphysik, sind kostenlos und stehen jedem offen. Doch der Preis, der an diesem Tag für den Blick in die Zukunft der Menschheit zu zahlen ist, übersteigt jede Vorstellungskraft: Als Adrian Haffner, ein freier Wissenschaftsjournalist, Mitte Dreißig, mit etwa siebzig anderen Besuchern nach der Besichtigung der unterirdischen Detektoranlage Delphi am legendären Elektronen-Positronen-Beschleuniger wieder ins Freie tritt, bleibt die Zeit stehen.

Um 12 Uhr 47 Minuten und 42 Sekunden gefriert jede Bewegung, verstummt jeder Laut, hält jedes Auto an und versteinert jedes Lebewesen - mit Ausnahme jener siebzig Menschen, die in einer Art Zeitblase überleben oder besser: überdauern. Denn ihre Umgebung ist nicht tot, sondern jedem Werden und Vergehen entzogen, ewige Gegenwart. Die Welt wird zum riesigen Skulpturenpark, zum Wachsfigurenkabinett, zu einem betretbaren (und nie mehr zu verlassenden) Tableau, dessen menschliche Bewohner sich in zwei Gruppen teilen: die "Chronifizierten" oder "Zombies", wie sich die von der kosmologischen Katastrophe Verschonten bald selbst bezeichnen, und die "Fotografierten" und schon bald respektlos "Fuzzis" Genannten, die in der Haltung versteinerten, die sie in der zweiundvierzigsten Sekunde jenes Augusttages zufällig einnahmen.

Womit haben wir es hier zu tun? Mit Science-fiction, jenem Literaturgenre, das dem Kind im älter gewordenen Mann den Chemiebaukasten ersetzt? Oder einer romanhaften Kopfgeburt, die pünktlich zum Einstein-Jahr die Relativitätstheorie und Zeitphilosophie zu einer eingängigen Story mit "human touch" trivialisiert? Ernstzunehmende deutsche Gegenwartsliteratur kann das doch wohl kaum sein? Denn daß diese ein so hohes Risiko eingeht, sich so angreifbar macht, sich auf das dünne Eis naturwissenschaftlich-philosophischer Spekulation begibt - das scheint fast so unwahrscheinlich wie ein Zeitleck im Teilchenbeschleuniger. Jedenfalls, solange man nicht mit einem Autor wie Thomas Lehr rechnet, einem unserer klügsten und brillantesten Schriftsteller, der 1999 mit "Nabokovs Katze" einen der wichtigsten Romane des vergangenen Jahrzehnts geschrieben und seither nur die schmale Novelle "Frühling" nachgelegt hat.

In seinem lang erwarteten neuen Roman stellt Lehr nun den Begriff des literarischen Experiments vom Kopf auf die Füße: Nicht die Erzählweise, sondern die beschriebene Welt gehorcht plötzlich unbekannten Gesetzen. Aus einem schlichten Einfall, der in allen nur denkbaren Konsequenzen und in aller Radikalität durchgespielt wird, ergibt sich eine kaum auszumessende Romanwelt. Wie die Wissenschaftler an ihren Überwachungsmonitoren schaut der Leser der Entstehung eines Paralleluniversums aus sprachlicher Antimaterie zu, wo Kunst und Technik, geistige und naturwissenschaftliche Traditionen kollidieren. Denn überall bieten Philosophie und Kunst - von den Vorsokratikern über Augustinus bis zur Laokoon-Debatte und zur Theorie der Fotografie - den Bezugsrahmen dieser wissenschaftlich-technischen Dystopie.

Die Chronifizierten versuchen sich nach dem ersten, heftigen Schock in der erstarrten Welt einzurichten. Rasch bilden sich Fraktionen, Splittergruppen, Zweckgemeinschaften. Adrian hält sich zunächst an ein befreundetes Journalistenpärchen, Anna und Boris, erkundet jedoch bald allein die so bekannte und doch völlig fremde Eiswelt. Ein Nationalrat samt Familie und Leibwächtern gehört zur Besuchergruppe, auch viele renommierte Wissenschaftler und hochspezialisierte "Cerniten" aus aller Welt, die allerdings trotz abenteuerlichster Theoriebildungen keine Erklärung für das Geschehene bieten können, die den Spekulationen der Laien wesentlich überlegen wäre: War es ein Cern-Unfall? Ein fehlgeschlagenes Experiment? Oder gar der Eingriff einer außerirdischen, technisch höher stehenden Intelligenz?

Der Stillstand der Zeit ist irrwitzig genug, noch mysteriöser allerdings sind die Ausnahmen, die merkwürdigen Axiome der "Neuen Physik", unter denen fortan zu leben ist: Jeder einzelne der Überlebenden ist von einer individuellen, eng begrenzten Zeitblase umgeben, die sich mit ihm fortbewegt, aber deren Kraft nicht einmal ausreicht, um eine Maus durch Berührung wiederzubeleben oder ein Fahrrad zu benutzen. Mehrere Blasen können sich zu größeren zusammenschließen, so daß immerhin Gespräche in einer ansonsten schallwellenlosen Atmosphäre möglich werden. Daß dies nicht auch für Lichtstrahlen gilt und man stets unter der stechenden Mittagssonne des Katastrophentages lebt, gehört zu den physikalischen Geheimnissen der neuen Weltordnung. Kommt man einem "Fotografierten" zu nahe, entlockt man ihm immerhin trügerische muskuläre Reaktionen, was Gelegenheit zu allem möglichen Mißbrauch bietet. Elektrische Geräte dagegen geben augenblicklich den Geist auf, während mechanische Uhren, in Genf keine Mangelware, bald unentbehrlich werden. Denn neben dem eigenen Herzschlag sind sie Beweis der fortschreitenden Eigenzeit ihrer Träger.

Zu Beginn des Romans liegt die Katastrophe bereits über fünf Jahre zurück. Rückblickend bilanziert der Ich-Erzähler Adrian die bisherige Geschichte der reduzierten Menschheit, die einer der Wissenschaftler in fünf idealtypische Phasen eingeteilt hat: "1. Schock; 2. Orientierung; 3. Mißbrauch; 4. Depression; 5. Fanatismus". Nach ersten Versuchen einer notdürftigen Infrastruktur - ein handkopiertes Bulletin bietet eine Chronik der laufenden Ereignisse und den neuesten Stand der Ursachenforschung, eine improvisierte Arztpraxis und eine Bar werden zu gesellschaftlichen Treffpunkten - zerfällt die Gruppe fast vollständig. Ethische Differenzen über den Umgang mit "Fuzzis", sektiererische, ans Wahnsinnige grenzende Erlösungshoffnungen, Ausstiegsphantasien, Selbstjustiz und perverse Verbrechen - im Mikrokosmos der Überlebenden wiederholen sich sämtliche Ab- und Irrwege der Menschheitsgeschichte. Geworfen in eine Kreuzung zwischen spätmodernem, dekadentem Schlaraffenland und vorzivilisatorischen Naturzustand, sind Kultur und Moral erst wieder mühsam zu erarbeiten. Die Staatstheorien der frühen Neuzeit von Hobbes bis Rousseau werden im Modellbaumaßstab ausagiert; schon zwei Jahre nach der Stunde Null sind Landminen und Handfeuerwaffen wichtiger als Uhren geworden.

Geschickt webt Lehr in sein apokalyptisches Panorama die Fäden von Einzelschicksalen, mit denen er trotz aller Statik die Spannungskurve hoch hält. So ist Adrian auf der Suche nach seiner in der gefrorenen Restwelt gebliebenen Frau durch Mitteleuropa hin und her gewandert, um sie schließlich beim Ehebruch - für immer in flagranti - in einem Florentiner Hotelzimmer zu finden. Zugleich verzehrt er sich nach der fernen Anna, die mit Boris eines der wenigen Paare bildet. Die materiellen wie sexuellen Verführungen der Situation, deren Gewalt auch Adrian nicht fremd ist, werden an der thrillerhaften Handlung um den irren japanischen Wissenschaftler Hayami vorgeführt, der sich aus den wehrlosen Puppenmädchen einen eigenen Lusttempel errichtet hat und die ganze Rumpfgesellschaft ins Verderben stürzen will.

Nachdem ein drei Sekunden andauernder "Ruck" die Hoffnungen auf ein definitives Ende der Zeitstarre genährt hat, begegnen sich die drei auf der Reise nach Genf, dem inoffiziellen Treffpunkt, wieder. Als sich den Wissenschaftlern nun scheinbar ein Ausweg eröffnet, treibt die Dynamik der Erzählung ihrem überraschenden, auf der letzten Seite eine weitere Wendung nehmenden Höhepunkt zu, der weniger eine Auflösung der Widersprüche als eine weitere Komplizierung der Fragestellung ist.

Das Kopfzerbrechen, das der Leser mit den Romanfiguren teilt, ist nun bei Lehr nicht einfach die Veranschaulichung relativitätstheoretischer Paradoxien, sondern zugleich ein metafiktionales Spiel, das sich aus ganz anderen Quellen speist. Die Fülle der Verweise - schon der Name der Hauptfigur erinnert an Leverkühn aus dem Doktor Faustus, und Lehrs großes Vorbild Vladimir Nabokov hat einen ironischen Auftritt als lebensgroße Statue (diesmal eine echte!) im Palace Hotel von Montreux - macht die Geschichte durchsichtig als erzählerisches Palimpsest. Die Gesetze der "Neuen Physik" gelten allein im Kosmos des Romans. Es sind Bedingungen, die der Wissenschaftler für sein Gedankenexperiment definiert hat. Daher verblaßt auch die Frage nach der physikalisch-logischen Wahrscheinlichkeit der Handlung vor der verblüffenden Vorstellungskraft, mit der Lehr die Kontaktflächen zwischen Stillstand und Bewegung für originelle Sprachbilder und erzählerische Volten nutzbar macht.

Thomas Lehrs Roman ist vieles zugleich: Wissenschaftssatire, Zukunftsroman, eine Parabel auf die Aufklärung, ja auch die Geschichte einer männlichen Midlife-crisis von kosmischen Dimensionen. Vor allem aber ist er eine beeindruckende Demonstration dessen, was Kunst leisten kann, wenn sie sich mit der Macht ihrer Vergangenheit auf Augenhöhe mit der Gegenwart begibt.

Thomas Lehr: "42". Roman. Aufbau-Verlag, Berlin 2005. 368 S., geb., 22,90 [Euro].



Buchtitel: 42
Buchautor: Lehr, Thomas

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.09.2005, Nr. 205 / Seite 46

 
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