Sei kein Zwerg

Urs Widmer erzählt aus der skurrilen Welt der Wichtel

29. April 2006 Ich erzähle lieber eine gute Geschichte als eine schlechte", sagt der Grünsepp, "ich kann nicht anders." Grünsepp ist einer der Zwerge in Urs Widmers Buch. Als Ich-Erzähler tritt der acht Zentimeter große "Vigolette alt" in Erscheinung - er steht schon am längsten auf dem Regal. "Vor meinen Augen und dennoch hinter meinem Rücken", behauptet der Schriftsteller auf dem Umschlag, hat Vigolette "Ein Leben als Zwerg" geschrieben, "und ich werde den Teufel tun, auch nur ein einziges Komma daran zu ändern." Was dem Leser sonst noch mitgeteilt wird: Der Schweizer Schriftsteller und seine Schwester spielten mit Gummizwergen - im Roman werden die Kinder, denen sie gehören, von den Wichteln Uti und Nana genannt. Das Haus, unter dessen Dach die Wesen ihre nicht immer konfliktfreie Koexistenz führen, ist Lesern früherer - autobiographischer - Werke von Urs "Uti" Widmer bekannt. Eines Tages trieb hier ein richtiger Fenek sein Unwesen. Papi brüllte, der Wüstenfuchs heulte - auf der Verfolgungsjagd zerschlug der Vater nicht nur Geschirr. "Uti weinte, Nana auch. Mami saß starr und biß in ihre Finger. Grünsepp, in Nanas Faust, glotzte blöd." Sogar das Aquarium war umgestürzt.

Eines anderen Tages ging bei einem Wettschwimmen, das Uti und Nana mit ihren Zwergen in einem Bach veranstalten, der Grünsepp verloren - die Strömung war zu stark und riß ihn mit. Seine Odyssee wird wortgewandt beschrieben. Der Schriftsteller tritt keineswegs nur als Kind in Erscheinung. "Uti, das war ein nick-name, den sich der größer werdende Bub später verbat." Der Zwerg Vigolette aber nennt auch noch den berühmten Urs Widmer hartnäckig stets Uti - diese Freiheit nimmt er sich heraus - und sieht, wie der Autor die Blätter aus der Maschine reißt und wegwirft. Er beobachtet seinen Besitzer und nimmt an dessen Schriftstellerexistenz teil, die er aus ureigener Perspektive erzählt. Manchmal, wenn Ordnung herrscht, vom Büchergestell herab. Dann wieder aus einer Augenhöhe von acht Zentimetern über dem Parkett. Stets hält er ein wachsames Auge auf Uti und entpuppt sich als guter Zwerg des Dichters.

Gemeinsam wird man älter. Während die Lichtung in der "Putzwolle" auf dem Manneshaupt immer größer wird, bekundet der Wicht Probleme mit der Hitze, zumal, wenn er in Nähe der Heizung aufgestellt wird. "Zwerge haben keinen Gott", klagt Vigolette einmal, ihr irdisches Schicksal jedenfalls ist das Zerbröseln. Mit bangen Worten verabschiedet sich zunächst der Grünsepp: "Wir werden uns nicht mehr sehen?" Trotzig maulen die Zwerge: "Uti, an den denken wir schon lange nicht mehr. Aus. Schluß. Fertig." Am Ende weiß man nicht genau, ob es eine gute oder eine böse Geschichte war. Das mag mit ihrer metaphysischen Überhöhung zu tun haben, die auch gebietet, die Erzählung nicht einfach als witzig, skurril, harmlos zu loben. In einem letzten Perspektivwechsel beschreibt Vigolette, wie er über den Hallenboden geht und in den Augen der anderen zum "kleinen Punkt" wird. Er verschwindet - aus dem Leben, aus dem Buch - in einer Türe, "durch die auch Grünsepp gegangen war". Was ihn dahinter erwartete, wissen Zwerge sowenig wie Menschen.

Urs Widmer: "Ein Leben als Zwerg". Erzählung. Diogenes Verlag, Zürich 2006. 177 S., geb., 16,90 [Euro].

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Ein Leben als Zwerg
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Buchtitel: Ein Leben als Zwerg
Buchautor: Widmer, Urs

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.04.2006, Nr. 100 / Seite 48

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