Onettis früher Roman, erstmals übersetzt

Als letzter Fluchtweg bleibt der Traum

Von Richard Kämmerlings

01. Juli 2009 Wer als Künstler am dunkelsten Punkt der Weltgeschichte steht, wird ganz von selbst auf die Frage gestoßen, in welchem Verhältnis seine Fiktionen zur Wirklichkeit stehen. Geht er von der Welt aus, einer Welt voller Katastrophen, Niedertracht, Zerstörung und Unheil, werden seine Werke Dokumente der Hoffnungslosigkeit sein, der vollständigen Verfinsterung, der unerreichbaren Horizonte. Der Ausweg, sich in der Kunst und Literatur Gegenwelten, Nicht-Orte und Phantasie-Orte zu konstruieren, liegt nahe, zu ihrer Realisierung aber bedarf es literarischer Meisterschaft, um nicht in den Verdacht des billigen Eskapismus zu geraten.

Als Juan Carlos Onetti 1942 seinen Roman „Für diese Nacht“ schrieb, lag der Erdball in tiefster Finsternis. Der Faschismus beherrschte fast ganz Europa, Japan triumphierte in Fernost, und man konnte als Liberaler oder Linker ernsthaft mit der Möglichkeit einer Weltherrschaft des Bösen rechnen. Den Stoff für den Roman lieferten Onetti Augenzeugenberichte aus den letzten Tagen des Spanischen Bürgerkriegs, der für viele Intellektuelle ein Entscheidungskampf war und, nach der Niederlage der Republikaner, als Menetekel galt. Das Chaos in der Hafenstadt Valencia bei der Evakuierung der letzten Kämpfer, die Selbstzerfleischung von Kommunisten und Anarchisten, hatte Onetti, der einmal selbst mit dem Gedanken gespielt hatte, sich zu den Internationalen Brigaden zu melden, zutiefst bewegt.

Unklare Fronten

Einer der Großen der lateinamerikanischen Literatur: Juan Carlos Onetti

Einer der Großen der lateinamerikanischen Literatur: Juan Carlos Onetti

„Für diese Nacht“, Onettis dritter Roman, der zum hundertsten Geburtstag des Schriftstellers nun erstmals auf Deutsch vorliegt, spielt in einer ungenannt bleibenden Hafenstadt (die man eher nach Lateinamerika legen möchte) in der bitteren Endphase eines Bürgerkriegs mit unklaren Fronten. Ossorio, die Hauptfigur, ein offenbar einst mächtiger politischer Kommissar oder Agent, ist auf der Flucht vor den zukünftigen Machthabern, die die Stadt bereits infiltriert haben und die Opposition gnadenlos ausschalten. Die Handlung setzt des Abends ein, als Ossorio die Möglichkeit einer Passage auf dem letzten noch im Hafen liegenden Schiff in Aussicht gestellt wird. Zunächst noch hin- und hergerissen zwischen den beiden Optionen, heroisch bis zur letzten Patrone zu kämpfen oder sein Heil in der Flucht zu suchen, wird die Lage immer aussichtsloser.

Schon die erste Szene, eine Bar, in der sich die demi-monde der Stadt einem zynischen Verdrängen hingibt, erfährt einen für Onetti charakteristischen Einbruch schockierender Gewalt. Im Hinterzimmer liegt ein Toter, die Geheimpolizei taucht auf und verhaftet eine Frau (die später gefoltert wird), Schüsse fallen. Ossorio entkommt nur mit Glück, zunehmend resigniert, körperlich und seelisch todmüde, nur noch angetrieben durch einen Rest von Pflichtbewusstsein und antrainierte Überlebensreflexe. Zugleich flüchtet er sich in Erinnerungen, denkt an frühere Liebschaften, beschwört rare Momente des Glücks in einem schier endlosen Kampf herauf.

Der Täter wird zum Opfer

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Für diese Nacht
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Halbwelt in einem höheren Sinne ist die Bühne des ganzen Geschehens, das trotz seines Settings im ideologischen Weltbürgerkrieg sich nicht zu einem politischen Roman fügt. Die Standpunkte der erbittert ringenden Parteien werden gar nicht erörtert; auch sind die Fronten nicht klar, die Gewalt auf allen Seiten und der Verrat haben sich von Zielen und Überzeugungen längst gelöst. Gefoltert wird hier aus Langeweile oder Sadismus – oder aus einer psychologisch höchst komplizierten Motivation, eine Art Selbstbestrafung des Folterers durch Vergrößerung seiner Schuld ins Unermessliche. Die interessanteste Figur ist der Geheimpolizist Morasán, Ossorios Gegenspieler, ein Sadist und Machthaber, der glaubt, alle Fäden in der Hand zu halten, doch am Ende selbst Opfer einer Intrige wird. Mit dem Verlust seiner Macht wird er auf eine private Tragödie zurückgeworfen: Seine Frau, traumatisiert von Misshandlungen, ist in eine geistige Umnachtung entkommen.

Immer wieder zerreißen Bilder der Gewalt den Erzählzusammenhang und heben jede mögliche Begründung für das Geschehen auf in einer Plötzlichkeit, die an Ernst Jüngers „Ästhetik des Schreckens“ erinnert. Auch mag man an den jüngsten Roman von Christian Kracht denken, „Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten“, der ja auch in einer entideologisierten und zum Spielfeld privater Obsessionen verkommenen Politkommissar-Welt spielt. Eine andere Fährte führt in die Populärkultur. Onetti war, wie Mario Vargas Llosa in seinem kenntnisreichen und tiefgründigen Essay bemerkt, zeitlebens ein begeisterter Leser von Kriminalromanen, vor allem der hartgekochten Sorte. „Für diese Nacht“ erinnert in seiner Atmosphäre und in den vorherrschenden Motiven, der Welt der Prostituierten und der abgebrühten Polizisten, mehr an die Romane von Raymond Chandler und Dashiell Hammett als an William Faulkner, der Onettis großes literarisches Vorbild war.

Realitäts- und Lustprinzip

Vargas Llosa, der „Für diese Nacht“ als „besten der ersten drei Romane Onettis“ einschätzt, gleichwohl aber für nicht „vollkommen gelungen“ hält, stört sich vor allem an den „labyrinthischen Sätzen voller Rückbezüge“, den „Metaphern und poetischen Bildern, von denen die Handlung häufig gebremst und überdeckt“ werde. Das ist ein etwas merkwürdiger Vorwurf, weil ja gerade das latent Tagtraumhafte, diese überbordende Präsenz der Innenwelt, die das Realitätsprinzip außer Kraft zu setzen droht, schon vorausweist auf Onettis Hauptwerke, auf „Das kurze Leben“, in dem ja aus dem imaginierten Doppelleben ein Paralleluniversum namens Santa María geboren wird, einer der großen fiktiven Orte der Weltliteratur.

Die Gegenwelten sind in diesem frühen Roman noch spontan, prekär und instabil, während die reale Fluchtmöglichkeit, die Schiffspassage, zur Obsession wird. Tatsächlich aber ist das Schiff eine weitere Falle, was Ossorio nicht weiß. Die einzige Flucht, die wirklich gelingen könnte, ist die in die Imagination.

Fluchttunnel des Bewusstseins

Gerade die weitschweifigen Satzgebilde des Gedankenstroms sind daher die geheimen Pfade und Tunnel, auf denen sich das Bewusstsein davonstiehlt, etwa in der Erinnerung an die ermordete Geliebte: „Und von der Pflicht, sie lebendig zu halten, sie allein, die vorgestellte Szene ihres einsamen Todes, ging er zum Gedanken an sich selbst über, gleichfalls als eine Pflicht, der unverzüglich nachzukommen war, als einzige Form, sich zu retten und über die Nacht hinaus zu bestehen, über diese Nächte hinaus und über eine endlose Nacht danach, lind, ländlich, erdig und bewachsen, in Frieden unter den Schritten und der Hacke, allein ausgestreckt unter der Nacht mit ihrem sturen Zirpen, und Schweigen über alles gelegt.“ Die Übersetzung von Svenja Becker macht Onettis Verfahren äußerst sinnfällig.

Onetti hat die inneren Konflikte seiner Hauptfigur dann durch einen Kunstgriff zugespitzt; und in dieser sehr unwahrscheinlichen Konstruktion könnte man eher eine Schwäche des Buches ausmachen: Als letzten Dienst an der Partei hat Ossorio den Auftrag übernommen, Barcala, einen alten, zum Mythos gewordenen und nun abtrünnigen Kämpfer, auszuschalten. Ossorio verrät den alten Gefährten aus einer längst hohl gewordenen Parteiräson an die Gegenseite, die wie erwartet kurzen Prozess mit ihm macht. Doch dann wird ausgerechnet die dreizehnjährige Tochter Barcalas Ossorios Schutz anvertraut. An der Seite dieses Sinnbilds der Unschuld stapft der Mörder des Vaters fortan durch den Schmutz und das Blut. Das verleiht dem Geschehen bis zum apokalyptischen Ende eine sehr klischeehafte Melodramatik, die nicht zum sonst so kalten und mitleidslosen Blick passen will.

Verhältnis von Fiktion und Wirklichkeit

Wer verfolgen will, wie aus diesen schriftstellerischen Anfängen sich eines der bedeutendsten Werke der lateinamerikanischen Literatur entwickelt, sei auf die neue und sorgfältige Werkausgabe bei Suhrkamp verwiesen, in der die wichtigsten Werke des Santa-María-Zyklus bereits vorliegen. Zum Einstieg kann man das ebenfalls pünktlich zum Geburtstag erschienene Buch von Vargas Llosa lesen, das weniger eine Biographie ist als eine Studie über das Verhältnis von Fiktion und Wirklichkeit am Leitfaden von Onettis Werk. Vargas Llosa deutet darin von einer anthropologischen Grundlage aus den Hang zur Fiktion als Quelle der Kultur und entwickelt ein Konzept des erzählerischen Realismus, „dessen allumfassende Vision der Wirklichkeit Geträumtes und Phantasiertes als wesentlichen Teil menschlicher Erfahrung einschließt“.

In „Für diese Nacht“ kann man den überaus düsteren Urgrund dieser Maschinerie der Einbildungskraft deutlich erkennen. „Soldiers are dreamers“ heißt es in einem berühmten Gedicht des Briten Siegfried Sassoon, der die Geburt der Phantasie aus der Angst der Schützengräben des Ersten Weltkriegs beschrieben hat. Bei Onetti weitet sich dieses Motiv schließlich zu einer Grundhaltung gegenüber dem Leben und der Wirklichkeit aus, in dem die erdachten und selbsterschaffenen Welten schließlich der Realität den Rang streitig machen. In den Worten von Mario Vargas Llosa: Bei Onetti trete „das Phantastische nicht an die Stelle des Lebens, sondern fügt ihm eine Dimension hinzu, die es intensiver oder subtiler und damit für die Menschen erträglicher macht“.

Juan Carlos Onetti: „Für diese Nacht“. Roman. Suhrkamp Verlag. 232 S., geb., 22,80 €.
Mario Vargas Llosa: „Die Welt des Juan Carlos Onetti". Suhrkamp Verlag. 224. S., geb. 24,80 €.



Buchtitel: Für diese Nacht
Buchautor: Onetti, Juan Carlos

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Suhrkamp, Verlag

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