Joachim Walther: Himmelsbrück

In einem deutschen Dorf

Von Wolfgang Schuller

04. Juli 2009 Es ist eine Legende, dass für den westlichen Leser die Lebenswelten in dem, was früher die DDR war, immer noch fremd und gleichgültig seien. Die zahlreichen Bücher, die das Leben in der DDR zum Gegenstand haben und im ganzen nun bald zwanzig Jahre wiedervereinigten Deutschland gelesen werden, bezeugen das Gegenteil. Die Aufnahmebereitschaft ist groß, Verständigungsschwierigkeiten gibt es nicht, oder sie treten hinter dem Bedürfnis zurück, sich in diese anderen Formen des menschlichen Lebens und Zusammenlebens hineinzuversetzen – Lebensformen, die für einen großen Teil der Deutschen existentielle Bedeutung hatten. Zu diesen Büchern gesellt sich jetzt Joachim Walthers „Himmelsbrück“.

Der Roman erzählt eine alte Geschichte, aber wie alle alten Geschichten ist sie jedes Mal wieder neu, und wem sie gerade passiert, der kann an ihr zugrunde gehen. In einer großen Stadt finden Ria und Matthias zueinander, und obwohl beide vorher böse Erfahrungen gemacht hatten, ist diese Liebe jetzt endgültig. Sie ziehen aufs Land, nisten sich in einem verlassenen Bauernhof ein, er ist als Maler produktiv, sie richtet sich und ihn auf dem Hof ein, Tiere aller Arten und Größen kommen hinzu und werden gepflegt. Es ist das Glück. Es kann nicht zu Ende gehen.

Eine schwierige Reise nach Amerika

Es geht zu Ende. Es kommen Missverständnisse, Diskussionen, Eifersucht, allmählich werden trotz großer Selbstbeschämung heimlich Briefe und Tagebücher gelesen; fast immer gegenwärtig ist Rias Freundin aus früheren Bohemetagen, die nicht müde wird, Freiheit von der Männerherrschaft und besonders der Herrschaft dieses Mannes zu predigen. Ein Amerika-Aufenthalt verschärft alles nur noch, sie zieht aus, stirbt an einem Unfall, er zündet das Haus an, und als er zu sehen meint, wie sie ihm aus dem brennenden Haus zuwinkt, geht er hinein.

Lohnt es sich, das alles zu erzählen? Die Kunst Joachim Walthers besteht darin, das Auf und Ab dieser Beziehung in plastischer Sprache allmählich auf das Ende hin zulaufen zu lassen. Die Schlinge zieht sich immer fester zu. Aber auch das wären nur Variationen der alten Geschichte, so eindringlich sie erzählt ist – wenn es nicht die Schauplätze und das Umfeld gäbe, mit denen die Geschichte unlösbar verbunden ist. Die Stadt ist Berlin, genauer die „Hauptstadt der DDR“, und das Künstlermilieu, in dem alles beginnt, ist der Prenzlauer Berg, lange bevor es schick wurde, dort zu wohnen. Ria und Matthias ziehen nicht irgendwohin aufs Land, sondern nach Mecklenburg, und das Dorf ist eine Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft. Schon auf der dritten Seite erscheint die Geheimpolizei mit einem „Operativvorgang ,Künstler‘“, Angehörige dieses Organs beobachten sie auch in ihrer Einsamkeit, erst recht, als sie amerikanischen Besuch bekommen und nach Amerika eingeladen werden. Um die Reiseerlaubnis muss gebettelt werden, erteilt wird sie erst in letzter Minute und nur, weil der Parteiführer gutes Wetter für seinen Staatsbesuch machen will.

1989 kommt dem Leben in die Quere

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Himmelsbrück
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Der findet nun nicht mehr statt, die Revolution kommt ihm dazwischen. Ria und Matthias sind mittendrin, gehen zur Riesendemonstration am 4. November, fahren glücklich über die geöffnete Grenze, die Diktatur wird abgeschüttelt, auch die Funktionäre des Künstlerverbandes müssen weichen. Und doch ist die äußere Befreiung kein Deus ex Machina, der alles wieder einrenkt zwischen den Liebesleuten, genauso wenig, wie ihr Auseinanderleben von außen gemacht war. Ihre Liebe, das Ende der Liebe, die schließliche Vereinigung in der Katastrophe kommt aus ihnen selbst. Aber alles ist kunstvoll miteinander verflochten.

Das Buch ist erfüllt von lebensvollen Schilderungen von Personen, Landschaften, Ereignissen – und wenn das zu sehr nach dem klingt, was man sich schon immer vorgestellt hatte, dann hatte man es sich eben richtig vorgestellt. Die ziemlich abscheuliche Verwandtschaft Rias, ihre fatale Freundin Lilith, die mecklenburgischen Bauern, die Natur um den einsamen Bauernhof, die stumpfen Funktionäre, die fröhliche amerikanische Bekanntschaft, Rias verspielte Traumwelt, Matthias’ schwerfällige Ernsthaftigkeit, die ausgelassene Fahrt nach Hamburg über die plötzlich geöffnete Grenze: das alles gibt dem Buch Relief und Tiefe.

Wiedervereinigt dank Lektüre

Es ist keine Utopie mehr, dass die Deutschen in West und Ost dabei sind, ein gemeinsames, die unterschiedlichen Erfahrungen zusammensehendes und respektierendes Geschichtsbewusstsein zu entwickeln. Die Literatur hat an dieser Entwicklung einen entscheidenden Anteil. Die zahlreichen in den letzten Jahren erschienenen Bücher, von denen auch Karsten Dümmels „Nachtstaub und Klopfzeichen“ besonders genannt werden soll, sind lebendige Zeugnisse dafür. Jetzt tritt Joachim Walthers ernster Roman neben sie.

Joachim Walther: "Himmelsbrück". Roman. Mitteldeutscher Verlag, Halle 2009. 279 S., geb., 19,90 €.



Buchtitel: Himmelsbrück
Buchautor: Walther, Joachim

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Verlag

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