25. August 2001 Die Begegnung Rilkes mit Rodin gehört zu den rätselhaften oder besser: den verrätselten Episoden der Kulturgeschichte. Der aufstrebende deutsche Dichter und der greise französische Künstlerheros haben selbst dafür gesorgt, daß sich um ihre Beziehungen Probleme und Theoreme ranken konnten, welche die Literatur- und Kunstgeschichte gleichermaßen in Bann gezogen haben. Wahrscheinlich war es in Wirklichkeit eine recht einfache Grundlage, auf der sich ein pragmatisches wechselseitiges Interesse entwickelte.
Die Quellen zu der Beziehung, die von 1902 bis 1914 währte, waren fast alle veröffentlicht, doch jetzt hat Rätus Luck zu diesem Briefwechsel nahezu alle Aussagen Rilkes über Rodin aus Tagebüchern, aus Briefen an Dritte und aus Äußerungen von Beobachtern zusammengetragen, chronologisch geordnet und knapp erläutert, wo es ihm nötig erschien. Jetzt also müßten sich bequem jene zu Bildungsklischees geronnenen Erträgnisse feststellen lassen, die Rilke als Rodins Saat in sich hat aufgehen sehen: wie Rodin den jungen Dichter zu einem "sachlichen Sagen" und Sehen, die zu seinen "Dinggedichten" geführt hätten, befähigt und wie der Bildhauer ihn zu einem neuen Arbeitsethos, zu dem "Immer-arbeiten-Können" diszipliniert hat. Zu den hier ausgebreiteten Materialien sind die beiden Fassungen der Monographie Rilkes über Rodin von 1903 und 1907 und Rilkes Vortrag über Rodin, den er öfter gehalten hat, sowie Aufzeichnungen aus dem Nachlaß hinzuzuziehen; sie sind in der Gesamtausgabe des Rilke-Archivs zusammen abgedruckt.
Trotz der verdienstvollen Auffüllung und Ergänzung der Korrespondenz bleibt der Eindruck einer ungleichen Anteilnahme und Beflissenheit, den man schon aus den Briefeditionen von 1928 und 1955 gewinnen konnte, erhalten: Den über hundert oft langen, überschwenglichen, in ihm wenig vertrautem Französisch geschriebenen Briefen Rilkes stehen gerade neunzehn trockene Bescheide und Erwiderungen Rodins gegenüber, von denen kaum einer über zehn Zeilen hinausgeht. Mit einem einzigen Satz scheint Rodin am 30. November 1908 die weitschweifigen Auslassungen des deutschen Adepten abschütteln zu wollen: "Dank für Ihre Briefe, die immer die Farbe der Wahrheit haben, was verhindert, daß sie banal sind wie andere." Die Asymmetrie der Begegnung und des überlieferten Austausches vergrößert sich noch durch Lucks reichhaltige Kompilation von Rilkes ausführlichen Schilderungen und literarischen Ausmalungen einer jeden Phase der Begegnung gegenüber anderen Adressaten.
Von der Einleitung des Herausgebers erhält man die Erklärung, daß der Briefwechsel durch die Entwicklung von einer "Bindung" zu einer "Emanzipation" gekennzeichnet sei, von einer anfänglich intensiven Nähe zu einer allmählich kühleren Distanz. Das entspricht eher einer Lebensregel als einem historisch relevanten Befund. Die neue Zusammenstellung erlaubt eine Rekonstruktion der Interessenlagen - vor allem, wenn man berücksichtigt, was alles nicht zur Sprache kommt.
Rilke war in geschäftlicher Absicht nach Paris gegangen: für eine Buchreihe Richard Muthers, der als einer der ersten im deutschsprachigen Raum Rodin enthusiastisch gewürdigt hatte, einen Band über den Bildhauer zu schreiben. Der Student der Kunstgeschichte und reimselige Poet, der soeben die Bildhauerin Clara Westhoff geheiratet hatte, suchte die Chance, seine dichterische Entwicklung, aber auch das Werk seiner Frau von einem weithin berühmten Künstler abgesegnet zu erhalten. Bald wird er von dem Bildhauer für zweihundert Franc im Monat als "eine Art Privatsekretär" eingestellt, der "Neujahrsbriefe an den König von Sachsen, an den Herzog von Mecklenburg und lauter solche erlauchte Sachen" zu schreiben hatte. Für Rodin wird der praktische Nutzen der Beziehung ausschlaggebend gewesen sein. Rilke vermittelt ihm manchen Handel nach Deutschland. Anton Kippenberger meinte sicher zu Recht, Rodin habe "das größte Interesse an einer Verbreitung seiner Kunst in Deutschland" gehabt, wobei Rilke als "eine Art Türwächter an der Rodinschen Pforte" gedient habe.
Beide hatten jedoch auch den gleichen Ehrgeiz, am Anfang des neuen Jahrhunderts den zukunftsträchtigen Typus des modernen Künstlers zu verkörpern, ein Wesen also, das nur aus dem Innen zu leben und permanent in einem Ausnahmezustand, in der Wahrheit zu stehen hatte. Der biographische Gehalt dieses Briefwechsels besteht aus einer Kunstfigur, bei der alle zufälligen Anlässe und Umstände ausgeblendet sind. Geflissentlich übersieht Rilke, daß Rodin, den er als Arbeitstier schildert, dessen "Schlag fernher wie aus eines Gebirges Mitte kommt", längst keinen Meißel mehr in die Hand nahm, also nicht mehr "den Marmor im Blocke angriff"; daß der als eigen und einsam geschilderte Bildschöpfer, der "versenkt in sich selbst voller Säfte steht", einer Reproduktionsfabrik mit etwa fünfzig Mitarbeitern vorstand; daß Rodin, "der nichts ersehnte, als ... in das harte Dasein seines Werkzeugs einzugehen", in einer wilden Promiskuität lebte. Rilke berichtet kaum einmal über Störungen und Irritationen, obwohl er sie reichlich erlebt haben muß.
Lediglich als Rodin ihn im Mai 1906 brüsk wegen vermuteter Geschäftsschädigung entläßt, fühlt sich Rilke "unversehens weggejagt wie ein diebischer Diener". Als sie wieder ins reine gekommen waren, konnte Rodin erneut die unbefleckte Kunstfigur werden. Rilke fühlte Rodins "haltenden und tragenden Blick" auf sich ruhen, er preist Rodins Gesundheit und Sicherheit, vergleicht ihn mit dem Wald und dem Meer: "Es rauscht von Kräften, die in einen einströmen, es kommt eine Lebensfreude, eine Fähigkeit zu leben über einen, ... seine Größe steigt so vor einem an wie ein ganz naher Turm, und dabei ist seine Güte, wenn sie kommt, wie ein weißer Vogel, der einen schimmernd umkreist, bis er sich zutraulich auf der Schulter niederläßt."
Rilke redet Rodin gerne als seinen "lieben großen Meister" an. In dem Meister-Schüler-Schema treffen sich am ehesten die Zwecke, die beide miteinander verfolgen, denn in ihm konnte man an damalige Gipfelverbindungen anschließen, an Nietzsches Dienste für Richard Wagner oder an den in den "Briefen eines ästhetischen Ketzers" (1873) von Karl Hillebrandt ersehnten "großen Regenerator" und "Kunst-Messias". Er wird dann bald in Gestalt des "Rembrandt-Deutschen" Julius Langbehn nebst seinem "Knappen", dem Maler Momme Nissen, durch die Lande ziehen. Rilke hat den Bestseller "Rembrandt als Erzieher" (1890) damals, 1902, zur Kenntnis genommen und wohl die Proselytenkultur Stefan Georges im Auge, wenn er feststellt, den Rembrandt-Deutschen hätten "heute schon die Schnecken überholt". Doch diesem Milieu entstammt die Adorationsprosa, die Rilke in seinen Briefen an Rodin weidlich einsetzt.
Immer wieder taucht jedoch auch das Motiv auf, daß Rilke Rodin um die Realitätshaltigkeit seines Tuns beneidet, um seinen "ins Wirkliche gestellten Weg". Daß Rodins Arbeiten im wirklichen Raum stehen, ihren Ausdruck unmittelbar und ihre Wirkung sichtbar entfalten, diese Erfahrung bleibender Präsenz des Werkes scheint Rilke beunruhigt und inspiriert zu haben - ein Impuls, der manches seiner Gedichte in das moderne zwanzigste Jahrhundert getragen hat.
Rainer Maria Rilke/Auguste Rodin: "Der Briefwechsel und andere Dokumente zu Rilkes Begegnung mit Rodin". Herausgegeben von Rätus Luck. Insel Verlag, Frankfurt am Main und Leipzig 2001. 426 S., geb., 64,- DM.
Buchtitel: Der Briefwechsel und andere Dokumente zu Rilkes Begegnung mit Rodin
Buchautor: Rilke, Rainer Maria; Rodin, Auguste
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.08.2001, Nr. 197 / Seite V