Von Brey
04. September 2008 Als Film wäre dieses Buch ein Musical. Überdimensionierte Glastüren gleiten seitlich aus dem Blickfeld hinaus wie der Vorhang einer Bühne. Es beginnt eine reichlich absurde Shopping-Center-Choreographie: Von links überholt ein Hybridgefährt aus Rennauto und Einkaufswagen, rauscht vorbei an einem strammen Wald von Dosen in die schockgefrorene Glashausarktis aus dichtgeschichteten Nahrungsziegeln. Und während vor der Tür die Gedanken des Obdachlosen Anton darum kreisen, warum seine Gedanken immer im Kreis gehen, kreisen drinnen die Gedanken des einen um die Frage, was man ohne Aufwärmen essen kann, die des anderen um die unappetitliche Operation seiner krebskranken Ehefrau. Doris versucht, sich mit Hilfe ihrer Kalorientabellen alltagstauglich zuzurüsten, und die PR-Beraterin Luise singt sich ihre persönliche Ballade von der sexuellen Hörigkeit in Endlosschleife vor. Als Morgan zu einem Hindernislauf durch die Regalschneisen des Produkt-Dickichts aufbricht, ruft der erfolglose Lokalreporter Erich in heller Begeisterung den Angriff der Islamisten aus. Kollateralschaden, der dritte Roman der Grazer Autorin Olga Flor, beschreibt den konzertierten Ausnahmezustand einer ökonomisierten Menschheit, in der vor lauter reibungslosem Funktionieren alles zu Bruch geht. Die Figuren sind Jelineksche Klischeecollagen, aber ohne jeden galligen Beigeschmack. Eine mitleidslose Studie über den Endverbraucher in seinem natürlichen Lebensumfeld.
Buchtitel: Kollateralschaden
Buchautor: Olga Flor
Bildmaterial: Marko Lipus