09. Mai 2008 Er sei ein Story-Schreiber, der gelegentlich Romane verfasse, nicht umgekehrt, sagte William Trevor über sich selbst. Was ihn an den Kurzgeschichten am meisten reize, sei die Tatsache, dass er sie beim Scheiben mit einem Blick umfassen könne. Trevor war Bildhauer, bevor er zur Schriftstellerei fand. Vielleicht verdankt er dieser Arbeit seine Gabe des Beobachtens und den Blick fürs Detail. Mit "Geborgtes Glück" erscheint ein Band mit vier Kurzgeschichten. Darin gibt es keine farblosen Protagonisten. Allen Personen verleiht Trevor unverwechselbare Eigenschaften, macht sie zu Unikaten. Dennoch sind es keine Heroen. Sie alle sind Briten oder Iren und somit Landsleute Trevors, der in diesen Tagen achtzig wird. In der verarmten irischen Provinz lässt er "Die Handtasche von Colette Nervi" spielen. Im Zentrum steht die behinderte Dolores, die fürchtet, dass ihr die körperliche Nähe zu einem Mann verwehrt bleibt. Der Bauernsohn, der sie schließlich doch heiratet, beschenkt sie mit Diebesgut, wozu sie schweigt - ebenso wie der britische Tourist Normanton in der Erzählung "In Isfahan". Von der Britin, die er auf einer organisierten Stadtrundfahrt in Persien kennenlernt, bleibt ihm nur die Erinnerung. Es gibt bei Trevor keine plötzlichen Wendungen, erst recht nicht zum Guten. Dadurch überrumpelt er den Leser. (William Trevor: "Geborgtes Glück". Die schönsten Erzählungen. Aus dem Englischen übersetzt von Hans-Christian Oeser und Thomas Gunkel. Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg 2008. 128 S., geb., 12,- [Euro].) amue
Buchtitel: Geborgtes Glück
Buchautor: Trevor, William
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.05.2008, Nr. 108 / Seite 38