All die schmutzige Wäsche dieser Welt

31. Januar 2009 Den Sanftmütigen mag das Erdreich versprochen sein, aber bislang haben sie hienieden nicht viel zu melden. Das heißt nicht, dass sie nicht viel zu sagen hätten. Womöglich reden sie sogar unaufhörlich, es hört ihnen aber niemand zu. Diese Art von Kommunikation bedarf keiner Worte, um zu misslingen. Bei Wilhelm Genazino wird ihr Scheitern zur Kunst.

Dieses Scheitern entscheidet sich bereits am Blickwinkel. Der Blick, der im Betrachten einer Sache immer auch das Nichtbeachtetwerden dieser Sache durch alle anderen wahrnimmt, ist der befremdete Blick. Es ist der Blick, der dem Betrachter alles fremd werden lässt, die Sache, die anderen und am Ende auch sich selbst. Das führt, wenn alles gutgeht, zu den Genazinoschen Hauptempfindungen Schuld, Scham, Melancholie und Peinlichkeit. Wenn es nicht gutgeht, führt es in die Katastrophe.

Genazino folgt in seinen Büchern gewiss nicht Friedrich Dürrenmatt, der seinen Geschichten gern die schlimmstmögliche Wendung gab. Eher hält er es mit Kleist, über dessen Arbeitsmethode er einmal gesagt hat: "Ist ein Unglück eingetreten, schiebt er gleich das nächste nach." Auch Genazinos Helden, all die Flaneure und Gesellschaftsbeobachter, Schuhtester, Controller und Wäschereiangestellten, die seine Werke durchziehen, gleiten in bedächtigster Arglosigkeit von einer Unbill in die nächste. Aber verglichen mit der Wucht Kleistscher Katastrophen, geht es bei Genazino um Schicksalsschläglein. Aus denen freilich gibt es keine Erlösung.

Bei Kleist ist es ein Engel, der dem Käthchen von Heilbronn den Grafen vom Strahl als Geliebten verkündet, und auch in Genazinos neuem Buch spenden bereits nach wenigen Seiten geflügelte Wesen, allerdings gänzlich anderer Natur, Trost und Zuversicht. Gerhard Warlich, promovierter Philosoph, der seit seinem Abschluss in einer Wäscherei arbeitet, zunächst als Fahrer, schließlich als Geschäftsführer, sitzt in einem Straßencafé, beobachtet seine Umgebung und lauscht dem Wehklagen seiner ratlosen Seele. Sein Problem: Er möchte gerne etwas erleben, was der Zartheit seiner Seele entspricht, aber stattdessen ist er immerzu "dem Zwangsabonnement der Wirklichkeit ausgeliefert".

Buchshop
Das Glück in glücksfernen Zeiten
von Genazino, Wilhelm
Kaufen bei
amazon.deLibri.de

In seiner Not fällt sein Blick zufällig auf einige geflügelte Ameisen, die zu seinen Füßen über den Betonboden laufen: "Trotz der Flügel können die Ameisen nicht abheben. Vermutlich sind die Flügel zu lang und zu schwer für die kleinen Körper." Geflügelte Wesen, die nicht fliegen können, eigentlich deprimierend. Aber nicht für Gerhard Warlich: "Mit diesem Anblick gelingt mir die Tröstung meiner Seele. Schau dir diese kleinen Wesen an, sage ich zu mir . . . sie schleppen ihre unnützen Flügel durch die Gegend und klagen nicht!"

Dabei entspricht ein solcher Stoizismus eigentlich nicht Warlichs Ideal. Warlich ist ein Glückssucher. Mit seiner Lebensgefährtin Traudel, die eine Sparkassenfiliale in der Provinz leitet, führt er ein unauffälliges, äußerlich anspruchsloses Leben, weitgehend ereignisfrei, materiell sorglos, in metaphysischer Hinsicht jedoch ein absolutes Notstandsgebiet. Warlich leidet am zwangsläufig misslingenden Leben, und vor allem leidet er daran, dass außer ihm niemand daran zu leiden scheint. Das macht einsam. Auf der Suche nach einem Talent, um nicht zu sagen einer Berufung, der er folgen könnte, verfällt er auf die Idee, eine "Schule der Besänftigung" zu eröffnen. Weil allein schon die Glückserwartung die Formkraft zum Schönen in sich trage, träumt der Philosoph davon, Vorlesungen in seinem Spezialgebiet zu halten: dem "Aufbau des Glücks in glücksfernen Umgebungen". Die von Warlich empfohlene Methode: "Wir müssen uns das Außerordentliche selber machen, sonst tritt es nicht in die Welt."

Wäre damit der Kern von Genazinos Poetik beschrieben, hätten wir es mit einem vorsätzlich naiven Autor zu tun. Aber davon ist Genazino weit entfernt. So lässt er das Vergnügen an der eigenen Empfindsamkeit zwar Trost spenden, im nächsten Moment aber bereits an seine Grenzen stoßen. Die Reflexion der Dialektik von Erfolg und Misserfolg der Warlich-Methode zur Glückserzeugung gehört zu den vornehmsten Beschäftigungen ihres Erfinders.

Die Reflexion über Schuld, Scham, Melancholie und Peinlichkeit, die Genazinoschen Hauptempfindungen, ist bei Kleist kaum anzutreffen. Reflektieren Kleists Figuren auf der Ebene ihrer Gefühle je über die Katastrophen, die sie treffen? Man könne meinen, so Genazino vor zwei Jahren in seiner Dankesrede zum Kleist-Preis, Kleist selbst nehme "den Standpunkt der Katastrophe ein, nicht die Empfindung derer, die sie erleiden". Besinnungspausen sind hier nicht vorgesehen. Denn Kleists Figuren, so Genazino, "sitzen im Schleudersitz ihres Glückszwangs, der ihnen Besinnungspausen nicht gönnt. Das Glück am Glück ist seine Aufschiebbarkeit. Auch wer das Glück verfehlt hat, darf es wieder neu suchen, ohne sich von seinem Scheitern beeinträchtigt zu fühlen."

Die Melancholie wird an sich irre.

Aber genau dies, die Aufschiebbarkeit des Glücks, funktioniert bei Warlich noch weniger als bei allen früheren Figuren Genazinos. Deshalb ist sein Scheitern größer, seine Niederlage schmerzhafter, sein Ton galliger, giftiger, aggressiver. Das Komische ist hier stärker als sonst bei Genazino vom Tragischen untermalt, ohne je gravitätisch zu werden. Auch die Tragik ist hier schwebend wie eine Feder, die ein zufälliger Windhauch davonweht, bevor wir ihr Gewicht verspüren können. Aber in Büchern weht kein Wind, den nicht ein Autor aus seinen Backen geblasen hätte. Und so ist auch das Tragische von Genazino so genau und überlegt bemessen wie das Komische, das Absurde, das Satirische, das Lächerliche, das Rührende und alles andere, was auf diesen 150 meisterhaft komponierten Seiten zusammenfindet.

Am Ende landet Warlich in der Psychiatrie, eingeliefert von der eigenen Lebensgefährtin, deren Kinderwunsch ihn überfordert hatte. Den Job in der Wäscherei hat er da längst verloren, und auch die Eingabe an das städtische Kulturamt blieb erfolglos. Zwar wurden ihm mietfreie Räumlichkeiten für sein Projekt in Aussicht gestellt, aber statt der Schule der Besänftigung wünscht sich der Kulturamtsleiter von Warlich eine kommunale Hölle der Zerstreuung in Form einer Akademie für Popkultur. Seine Glücksvorlesungen werden künftig seinem Therapeuten gelten.

Auch wenn Genazino Warlich mit einem vage aufzitternden Glücksgefühl in der Klinik zurücklässt, kann von einem versöhnlichen Ende keine Rede sein. Außer der Pathologisierung des Melancholikers, die in der Einlieferung in die Klinik zum Ausdruck kommt, spricht auch das letzte Bild des Buches dagegen. Denn noch einmal verweist Genazino hier auf ein geflügeltes Geschöpf. Es kann nicht fliegen, gilt als dumm und als nützliches Haustier. Auch ein Identifikationsangebot.

Wilhelm Genazino: "Das Glück in glücksfernen Zeiten". Roman.

Hanser Verlag, München 2009. 160 S., geb., 17,90 [Euro].

Buchtitel: Das Glück in glücksfernen Zeiten
Buchautor: Genazino, Wilhelm

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31.01.2009, Nr. 26 / Seite Z5

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben