Nennt mich Walfisch

Deutscher Comic in Frankreich: Jens Harders "Leviathan"

07. Januar 2004 "Und Gott schuf große Walfische." So hebt der Prolog des Comics "Leviathan" aus der Feder des Berliner Zeichners Jens Harder an. Das Zitat entstammt ursprünglich der Genesis, doch Harder entnahm es - zusammen mit vier weiteren einschlägigen Passagen prominenter Autoren zu Walen - jenen Auszügen, die, von einem fiktiven Hilfshilfsbibliothekar zusammengestellt, Herman Melvilles "Moby Dick" eröffnen. Und aus der Romanhandlung selbst stammen wiederum die Zitate, die die einzelnen Kapitel von "Leviathan" einleiten und den Comic auch beschließen. Es spricht nicht eben für Philologenfleiß, daß Harder sich für die wenigen Textpassagen in seinem Album einer einzigen Quelle bediente - so einschlägig sie beim Thema Walfisch auch sein mag.

Doch das ändert nichts daran, daß "Leviathan" ein bemerkenswerter Comic geworden ist. Nicht nur, weil er Harders Diplomarbeit als Graphiker darstellt, sondern mehr noch, weil dieses Album seine Erstpublikation in Frankreich erlebt. Warum das für einen deutschen Zeichner etwas Besonderes ist, muß man erklären.

Der kulturelle Austausch zwischen Frankreich und Deutschland verlief bei Comics bislang als Einbahnstraße. Der eigenständige graphische und narrative Stil der französischsprachigen Abenteuercomics (deren frühe Meisterwerke wie "Tim und Struppi", "Spirou und Fantasio", "Blake und Mortimer" oder "Jeff Jordan" sämtlich aus Belgien stammen) verschaffte ihnen auf dem deutschen Comicbuchmarkt lange Zeit eine Monopolstellung: Die teuren großformatigen Alben erforderten im Gegensatz zu billigen Heften anspruchsvolles Material, und nur aus dem französischen Sprachraum wurde so etwas auf breiter Basis angeboten. Selbst ein italienischer Zeichner wie Hugo Pratt kam nur durch Vermittlung über französische Verlage nach Deutschland. Erst in den letzten fünfzehn Jahren wurden auch andere Comic-Kulturen als Lieferanten für den Albenmarkt entdeckt: die amerikanische vor allem, aber auch die einheimische deutsche.

Davon allerdings kennt man links des Rheins immer noch wenig. Als einziger Deutscher hatte Andreas Martens schon in den späten siebziger Jahren Erfolg in Frankreich (unter dem Pseudonym "Andreas"). Allerdings war der Absolvent der Düsseldorfer Kunstakademie bereits unmittelbar nach Studienabschluß nach Brüssel gezogen und hatte sich ganz dem frankophonen Markt verschrieben. Nur Ralf König gelang es in den achtziger Jahren, sich als deutscher Zeichner mit übersetzten Comics als marginale, aber feste Größe auf dem französischen Comicmarkt zu etablieren. Allerdings erregten seine Geschichten, thematisch bedingt, vor allem Aufmerksamkeit in der Schwulenszene.

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Erst die neue deutsche Comicwelle der frühen neunziger Jahre stieß im Zentrum des europäischen Comics, in Paris, auf ein gewisses Interesse. Anke Feuchtenberger und Martin tom Dieck verkörperten mit ihren melancholisch-tiefsinnigen Arbeiten das französische Klischee von romantischer deutscher Kunst, und noch der junge Zeichner Ulf K. profitierte mit seinen sonst ganz im französischen Stil der Ligne claire gehaltenen Kurzgeschichten vor allem von einer seiner Hauptfiguren: Monsieur Mort, dem Tod. Ein großes Publikum erreicht man auch in Frankreich mit solchen Themen nicht, aber unter kunstsinnigen Lesern genießt dieses deutsche Trio einen exzellenten Ruf.

Außer den fünf genannten Zeichnern hat bislang kein Deutscher regelmäßige Publikationen in Frankreich vorzuweisen. Jens Harder jedoch wird sich wohl dazugesellen können, denn sein "Leviathan" erscheint bei einem zwar jungen, aber denkbar ambitionierten französischen Verlag: "Editions de l'An 2", gegründet von Thierry Groensteen, dem langjährigen Leiter des Centre national de la bande dessinée und besten Kenner des französischsprachigen Comics. Als Harder im vergangenen Januar beim Comicsalon von Angoulême mit seinem Diplomprojekt herumzog, stellte Groensteen gerade sein zweites Programm zusammen und sicherte sich sofort die Publikationsrechte an "Leviathan". Denn diese Geschichte entspricht nicht nur dem Klischee vom deutschen Tiefsinn, sondern sie ist auch mit Ausnahme der erwähnten Zitate als textlose Erzählung konzipiert - worin Harder dem Vorbild des von ihm bewunderten Buchs "Hundert Ansichten der Speicherstadt" von Martin tom Dieck folgt. Für einen ausländischen Verleger stellt das Album also kein Übersetzungsproblem dar.

"BD muet" (Stummcomic) nennt man dieses Genre in Frankreich, das durch die mehr als zweitausendseitige Anthologie "Comix 2000" des Verlags "L'Association" vor vier Jahren populär gemacht worden ist. In dieser Auswahl fanden sich seinerzeit unter rund dreihundert jungen Zeichnern nur vier deutsche - neben Anke Feuchtenberger, Martin tom Dieck und Ulf K. noch die Berlinerin Lilian Mousli. Das Projekt, eine Leistungsschau des internationalen Comics, kam leider noch zu früh für den damals neunundzwanzigjährigen Harder, der kurz darauf gemeinsam mit Ulli Lust, Kathi Kaeppel, Tim Dinter, Markus Witzel alias Mawil und Kai Pfeiffer die Comicgruppe "Monogatari" gründen sollte. Seitdem haben die sechs Berliner Zeichner eine Reihe von Gemeinschaftsarbeiten publiziert (zuletzt das spektakuläre spiralgebundene Illustrationsset "Monogatari Monsters"), darüber aber auch ihre Soloprojekte nicht vernachlässigt, aus denen nun Harders "Leviathan" als graphisch besonders expressives Beispiel hervorgegangen ist.

Der alte Hase Groensteen hat mit seinem Engagement für das Album bewiesen, daß Harder etwas bislang in Deutschland nicht Alltägliches geglückt ist: Auf opulente und somit zugängliche Weise wird eine komplexe Geschichte erzählt. Es ist eine Parabel auf das rauhe Naturgesetz und den ambivalenten menschlichen Einfluß auf die Welt. Mag diese Botschaft auch etwas schlicht sein, so sind es Harders ineinander verschränkte Bildsequenzen und seine erstaunlichen ganzseitigen Kompositionen keinesfalls. Sie verweisen auf zahlreiche Traditionen der Buchillustration, zitieren etwa Doré herbei und kurz danach frühneuzeitliche Seekarten, variieren - erwartungsgemäß - das Titelkupfer zu Thomas Hobbes' "Leviathan", beschwören aber auch Géricaults "Floß der Medusa" herauf. Bisweilen bringt der Bildungsballast das Projekt fast zum Kentern, doch Harder balanciert es durch elegisch-ruhige Darstellungen und überraschende Volten immer wieder aus.

Es steht indes zu fürchten, daß "Leviathan" als französische Publikation trotz seines Charakters als "Stummcomic" nur schwer den Weg zum deutschen Publikum finden wird. Deshalb ist es erfreulich, daß in der Berliner Galerie Neurotitan im Haus Schwarzenfeld Mitte Januar eine einmonatige Ausstellung eröffnet wird, in der Harder seine Entwürfe und fertigen Seiten für "Leviathan" zeigt. Das wird ihm in Deutschland nutzen. Außerhalb unserer Grenzen wird schon Groensteen alles dafür tun, daß seine Arbeit auf die Schreibtische ambitionierter Comicverleger rund um die Welt gelangt. Jens Harder hat mit "Leviathan" den Grundstein für eine große Karriere gelegt, und seine Monogatari-Kollegen stehen ihm im Niveau nicht nach. Vielleicht werden sich bald auch endlich einige große deutsche Fische im internationalen Comicgeschäft tummeln.

ANDREAS PLATTHAUS

Buchtitel: Leviathan
Buchautor: Harder, Jens

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.01.2004, Nr. 5 / Seite 32

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