Im Nichtschwimmerbecken

10. Mai 2008 Als Simon, elfeinhalb, im Hallenbad des Münchener Sheraton-Hotels das Mädchen im gelben Badeanzug sieht, mit seinem Turm von schwarzen Haaren auf dem Kopf, stockt ihm der Atem.

Eine kleine Ewigkeit vergeht mit Schauen und Drucksen, dann plötzlich - auch bei ihr funkt es! - ist das Mädchen "monstermäßig nah da", sieht er im Spiegel ihrer braunen Augen eine ganze "Heimat", aus der ihn irgendwie noch ihr Name Annalena erreicht. Und dann ist sie verschwunden. Simon selbst hat außer seinem Namen kaum mehr als ein "Wrx" herausgebracht wie Obelix, wenn er verliebt ist, und überhaupt verschlägt es ihm in den folgenden Tagen die Sprache, was zu Problemen in der Schule und zu Hause führt. Nur nicht bei Annalena, die er sucht und flieht, vor der er tumb in sich zusammenfällt, und die doch ihr ermutigendes Werben um ihn nicht aufgibt.

Die erste Liebe und wie es sich anfühlt, wenn man noch gar keine Sprache für sie hat, ist das Thema des neuen Buches von Friedrich Ani, des ersten, mit dem sich der Jugendbuchautor explizit an Kinder wendet. Die Handlung umfasst nicht mehr als drei Tage. Ihre Schauplätze könnten symbolisch stehen für die Herausforderungen des kindlichen Lebens: die Schule, das Elternhaus, das Krankenhaus, in das der Großvater nach einem Herzinfarkt eingeliefert wurde, die verbotene Vogelinsel im Englischen Garten als Locus amoenus für Robinsonaden, schließlich das große Hotel. In ihm ist Simons Mutter als Köchin angestellt, was ihm zu Privilegien verhilft, zu einem Weltort als Abenteuerspielplatz einschließlich der kostenlosen Benutzung des Schwimmbads.

Hier die Insel des Ich, da die Fluchtwege, Geheimnisse und Peinlichkeitsfallen eines Hotelbetriebs: das sind schöne, symbol- und spannungsträchtige Vorgaben für die Geschichte von einem, der lernen muss, sich lieben zu lassen. Wie diskret und komisch im Hin und Her zwischen ihnen ließe die kleine Romanze sich ausspinnen!

Friedrich Ani aber wollte die tiefere Bedeutung als Hauptschauplatz. Und so hat er den Helden ins Nichtschwimmerbecken der eigenen Seele gestupst und zum Ich-Erzähler gemacht. Simons Ahnungslosigkeit ist sprachlich so zugerichtet, dass sie Bände kinderküchenpsychologischen Inhalts spricht. Er ist nie nur er selbst, sondern immer auch Kindermund für das Wehen des Geistes des Autors: "Wegen dem, was unter der Angst war, hatte ich keine Stimme mehr, keinen einzigen Buchstaben. Ich wusste genau, was unter der Angst war. Aber ich wollte es nicht wissen. Das stimmt nicht. Ich wollte es schon wissen. Aber nicht so."

Simon muss seine ihm selbst verborgenen Ängste und intuitiven Entwicklungsfortschritte in eine Sprache zwingen, die verstanden hat, was er noch nicht versteht. Wenn er auf seiner Vogelinsel von der Nymphe Echo angerufen wird, die ihm erzählt, wie sie, zur Sprachlosigkeit verdammt, sich in den hasenfüßigen Narziss verliebte, so verspürt jedes Kind die somnambule Analogie zu Simons Lage. Und das würde vollauf genügen.

Hauptsache, spannend und "müsteriös"! Aber weil er unentwegt zu erklären hat, dass es mit ihm vorwärtsgeht, destilliert er umständlich Lehren aus dem antiken Mythos, der auf die Probleme eines schüchternen Jungen bei genauer Betrachtung nicht passt. Und weil es keine Erzählinstanz gibt, die einen Verstehenskontext schafft für seine eher verdrossene Drei-Tage-Sicht auf die Eltern oder seine mangelnde Teilnahme am Schicksal des schwer erkrankten Großvaters, muss er unentwegt nachbessern und über Randfiguren mildernde Faktoren beibringen, denn natürlich hat er alle sehr lieb.

Auf der Strecke bleibt das Potential der Schauplätze, bleiben Nebenfiguren und Möglichkeiten, seelische Vorgänge in Handlung zu überführen. Gewiss gibt es Wortwitz, charmante Dialoge, zwei, drei markante Familienszenen. Doch was die ganze Bedeutungshuberei drum herum angeht, so könnte in feinfühligen Leserinnen und Lesern von zehn oder elfeinhalb Jahren der Verdacht aufkommen, dass der erwachsene Autor weniger bei ihnen als bei seinesgleichen punkten wollte.

ANDREAS NENTWICH

Friedrich Ani: "Meine total wahren und überhaupt nicht peinlichen Memoiren mit genau elfeinhalb". Hanser Verlag, München 2008.

123 S., geb., 12,90 [Euro]. Ab 10 J.



Buchtitel: Meine total wahren und überhaupt nicht peinlichen Memoiren mit genau elfeinhalb
Buchautor: Ani, Friedrich

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.05.2008, Nr. 109 / Seite 36

 
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