Freuds schlechtester Schüler

29. Mai 2004 Wir fühlen uns alle einmal versucht, unsere früheren Jahre in der Erinnerung als Roman zu lesen, aber nicht alle haben das Talent, diesen Roman, wenn es denn einer ist, auch zu schreiben. Der russische Schriftsteller Viktor Jerofejew, heute siebenundfünfzig Jahre alt und längst ein Veteran kulturpolitischer Konflikte, hat mehr als einen Grund, seine persönlichen Erinnerungen als Roman zu maskieren. "Alle Personen in diesem Buch sind frei erfunden", versichert er uns im Prolog, "auch die realen Menschen und der Autor selbst." Davon ist kein Wort wahr, und Jerofejews Prosa riecht denn auch geradezu nach Authentizität, nach Mamas Chanel No. 5 und den Datscha-Stachelbeersträuchern, welche die in Ungnade gefallenen Sowjetprominenten, darunter sein Papa, in der Frühlingsssonne zurechtstutzen (die Ausgedinge-Datscha ist der GULag der Epoche Breschnews und Gorbatschows).

Jerofejew hat den ungewöhnlichen Mut, nichts zu verschweigen, auch wenn er sich ins eigene Fleisch schneidet, und gelegentlich auch noch damit zu bramarbasieren. Jedenfalls: Der Kohlsuppenmief der verschwitzten Massen bleibt uns erspart. Denn Viktors oder vielmehr Vitjas Vater war Stalins Französisch-Dolmetscher, Kulturattaché der Sowjetbotschaft in Paris, Unesco-Vizepräsident, Botschafter in Afrika und wäre fast "stellvertretender Außenminister" geworden, hätte sein privilegierter Sohn, gekleidet wie ein "Playboy" und gleichfalls mit Diplomatenpaß zwischen Moskau, Paris, Wien und Senegal fliegend, nicht seine literarische "Atombombe" gezündet, die Moskauer Untergrund-Anthologie "Metropol" nämlich, die kräftig alles in sich vereinte, das die amtlichen Stellen damals, nämlich 1978, als fürchterliche Provokation empfanden.

Vitjas Geschichte beginnt mit seinem "Vatermord" (denn der Herr Papa wurde sogleich abberufen), aber er mildert die Selbstanklagen, indem er sich seiner Kindheit zuwendet. Er war ein verwöhntes Sowjetkind mit allem Drum und Dran, das Pioniertüchl um den Hals, ein Komsomol-Pimpf (allerdings in Paris und mit "Seifenopern" statt Marx im Kopf), und später sogar, aber nur sieben Monate und dreizehn Tage lang, Mitglied des sowjetischen Schriftstellerverbandes - weniger aus ideologischem Enthusiasmus denn aus nüchternem Kalkül, denn nur Mitglieder konnten Bücher publizieren (der Weg zum Ruhm), im berühmten Eichensaal des Vereinsrestaurants essen und extra Lebensmittelzuteilungen in Empfang nehmen, "einschließlich der Mangelware Kaviar an Feiertagen".

Vitjas erste Wendung begann, als die Franzosen in den Tagen des ungarischen Aufstandes im Protest gegen die Sowjetintervention Farbeier gegen die Mauern der Botschaft warfen und der Teenager Vitja prompt beschloß, auch ein rebellierender "Ungar" zu werden, an Papas und Mamas Ideen zu zweifeln und in der Epoche der chilenischen Allende-Krise offen gegen den Vater aufzubegehren. Er war also nie ein richtiger "Sowjetmensch", aber er gesteht auch, ein schlechter Schüler Freuds zu sein, denn es war ihm unmöglich, seinen Vater, den er einmal auch als "guten Stalin" bezeichnet, zu hassen (oder sich seiner Mutter zu entfremden, die ihn die französischen Impressionisten lieben lehrte).

Komplizierte Verhältnisse. Als die Behörden fordern, daß er einen "Reuebrief" schreibt, um seine Anthologie-Sünden zu büßen, und sein Vater ihn gar nicht dazu drängt, beginnen die beiden, einander wieder zu respektieren, spielen regelmäßig Tennis. Die Bälle flitzen nur so übers Netz. Good bye, Stalin!

Es fehlt in diesen sympathischen und skeptischen Familienbildern aus dem neueren Sowjetstaat nicht an historischen Figuren oder Filmstars, Stalin selbst (für den Papa ja arbeitete), Picasso, Yves Montand und Simone Signoret (die sich zuerst nach Moskau importieren ließen und sich dann enttäuscht abwandten), Molotow, vor und nach seinem Sturz, Ilja Ehrenburg, ein wenig gelb im Gesicht (Alkohol) und selbst ein geschäftiger Fotograf, der Großmama knipst, entpuppt sich als leibhaftiger Sohn des einst so mächtigen Proletkult-Kulturkommissars Lunatscharskij.

Jerofejew ist ein wunderbarer Erzähler, wenn er nur seine Geschichten auftischt - so die von der "Odyssee" seines Vaters, der mitten im Krieg als blutjunger Attaché nach Stockholm abkommandiert wird, über Murmansk und das Eismeer, gefährlich auf den Schiffen alliierter Konvois und im Schatten deutscher Sturzkampfflugzeuge, oder jene vom Bad-am-Samstag-abend im dampfenden Zuber, mit der Schuldirektorin und dem Kindermädchen, die sich der letzten Hüllen entledigen, und dem Knaben Vitja, der sie waschen soll und dabei schon seinen Mann steht. Jerofejew hat andere Tugenden als die des scharfäugigen politischen Analytikers. Wenn er über den russischen Volkscharakter zu spintisieren beginnt, erinnert er an einen zweitrangigen Dostojewski-Charakter gegen vier Uhr morgens, aber anderswo wieder trifft er den Nagel auf den Kopf. "Das heutige Rußland", sagt er, "ähnelt einer Kuh, die von den Liberalen auf den Markt gezerrt wird, sich jedoch sträubt, da sie glaubt, dort gefressen zu werden."

Jerofejew ist ein ambitiöser Schriftsteller, der sich noch in der Sowjetgesellschaft an Nietzsche und de Sade heranbildete, der alles besser machen will als die Kollegen. Er polemisiert gegen den Formalismus, der keine tieferen Rätsel lösen will als die Machart eines Kunstwerkes, nicht weniger als gegen die "bisweilige Idiotie" der älteren Dissidenten (der in Deutschland berühmte Lew Kopelew kommt gar nicht gut weg). Und gar die Autobiographien der russischen Konkurrenten! Der Klassiker Gorki hat in seinen Erinnerungen vierseitige Dialoge "heruntergehudelt", und der Snob Nabokov denkt nur an seine aristokratischen Paradiese, "ein eitler Herr" - oder, genauer besehen, Jerofejews besondere Haßliebe, denn er hat 1989 die sowjetische "Lolita"-Ausgabe veranstaltet. Deshalb will Jerofejew anders arbeiten und verbindet in seiner Autobiographie das Psychologisch-Romanhafte, das Historische, das Lyrische und das Polemische zu einer produktiven postmodernen Mischung, die man noch vor hundertfünfzig Jahren romantisch genannt hätte. Seine Übersetzerin Beate Rausch bewältigt die plötzlichen Tempowechsel mit Geschick und Eleganz. "Der gute Stalin" fordert in jedem Augenblick zu Widerspruch und Zustimmung heraus, und das kann man beileibe nicht von allen sagen, weder von den Russen noch den anderen.

Viktor Jerofejew: "Der gute Stalin". Roman. Aus dem Russischen übersetzt von Beate Rausch. Berlin Verlag, Berlin 2004. 363 S., geb., 19,90 [Euro].



Buchtitel: Der gute Stalin
Buchautor: Jerofejew, Viktor

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.05.2004, Nr. 124 / Seite 46

 
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