20. Juni 2008 Stephen King mag schon recht haben, wenn er diesen Roman von Stewart O'Nan - es ist der zehnte in knapp fünfzehn Jahren - "ein Buch über das Gute im Menschen" nennt, aber es lässt sich doch noch genauer sagen. Denn was es von dieser "Letzten Nacht" des Restaurants "Red Lobster" in einem mittelstädtischen Einkaufszentrum des Staates Connecticut zu erzählen gibt, ist vor allen Dingen, von der zweiten oder dritten Seite bis zum Schluss, eine herzbewegende, traurige Liebesgeschichte. Alles Weitere an dieser Winternacht vom 19. auf den 20. Dezember - der Schnee, die nörgeligen oder dankbaren Gäste, das Personal, kooperativ oder wütend - bildet im Grunde nur die Szenerie für die alte, immer wieder neue Geschichte von zwei Menschen, die einander lieben und dennoch aneinander vorübergehen. Allerdings ist die Kulisse so passend gewählt und so präzise gezeichnet, dass man sie vielfach schon für das Ganze des Buches genommen hat.
Das unrentable "Red Lobster", Filiale einer Restaurant-Kette, wird von der Geschäftsleitung geschlossen. Manny DeLeon, der Manager, und vier andere werden von einer anderen Filiale übernommen, der Rest - in den besten Zeiten waren es mehr als vierzig Angestellte - wird arbeitslos. Nun gilt es, vor den Gästen die Fassade von Qualität, Freundlichkeit und Tüchtigkeit einen letzten Tag lang aufrechtzuerhalten. Aber der Elan ist so verschlissen wie das Dekor: es ist eben die letzte Nacht.
Mr. Kashynski, der Stammgast, wird seine Mahlzeit erhalten, als sei man auch morgen noch da. Die Mutter mit dem quengeligen Sohn wird ebenso höflich ertragen, wie auch die Launen anderer Gäste hinzunehmen sind. Draußen fällt der Schnee, aber drinnen wird Ty, der "Fels in der Küche", seinem Chef als letztes Abendessen Scampi servieren, und zwar so perfekt, als sei es "für einen Restaurantkritiker, die kopflosen Hälse der Shrimps in die Mitte des Tellers zeigend, die Körper spiralförmig angeordnet, die Schwänze am Rand nach links gebogen, mit Petersilienröschen verziert". O'Nan ist ein Meister detailversessenen Erzählens, bei dem nichts überflüssig ist - ein Stillleben, von dem kein Stück fehlen darf, soll das Ganze nicht unvollkommen wirken.
Aber alle diese Details bereiten letztlich nur die Bühne für jene letzte Nacht zweier Liebender: Es geht um Manny, den Manager, und Jacquie, beide braunhäutig und Amerikaner aus Puerto Rico. Im Frühjahr noch waren sie ein Paar; jetzt hat Jacquie Rodney, den großen, starken Schwarzen, und Manny hat Deena, die von ihm ein Kind erwartet. Und beide wissen eigentlich nicht, warum es so ist, wie es ist. "Du hast mich glücklich gemacht", sagt er am Schluss, und sie antwortet ihm: "Ach, du mich auch. Wenn's mit uns anders wäre . . ." Die endgültige Trennung ist vorprogrammiert. Jacquie gehört nicht zu den vieren, die Manny in die neue Filiale mitnimmt, wo er auch nur stellvertretender Geschäftsleiter sein wird. Einen vollen letzten Tag und einen vollen letzten Abend aber sind die beiden sich noch einmal nahe, im Gastraum, in der Küche oder im Lager, dort, wo ihre Liebe einst begonnen hat, wie wir erfahren. O'Nans sparsame Erzählkunst spürt den letzten Berührungen der beiden Personen vorsichtig und feinfühlig nach. Freilich stellt sich die Frage, warum es denn so gekommen ist, wie es gekommen ist. War es die Bindungsangst des Mannes? Manny ist inzwischen fünfunddreißig. Aber als er Jacquie bat, ihn zu heiraten, hat sie nur gelacht. Eine Woche später, als sie miteinander schliefen, hat sie dann plötzlich geweint. Ist er tatsächlich so hilflos und dumm, wie es ihm vorkommt? Es mag nun aber auch sein, dass Jacquie einfach zu stolz oder zu zaghaft ist, ihn darum zu bitten, sie mitzunehmen in die neue Filiale, in das neue Leben. O'Nans Allegorie handelt so von der alltäglichen Tragödie der verpassten Chancen, der ungewollten Abschiede. Mit teilnehmender Genauigkeit beschreibt der Autor nicht nur das Gute im Menschen, sondern auch das Wankelmütige, Unsichere, Schwache.
GERHARD SCHULZ
Stewart O'Nan: "Letzte Nacht". Roman. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Thomas Gunkel. Marebuchverlag, Hamburg 2007. 160 S., geb., 18,- [Euro].
Buchtitel: Letzte Nacht
Buchautor: O'Nan, Stewart
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.06.2008, Nr. 142 / Seite 38