26. März 2008 Kirschblüten, die auf dem Wasser einen rosa Teppich bilden. Ein Mann und eine Frau in einem kleinen Ruderboot beim Hanami, der Kirschblütenschau. Der Umschlag des Buches erinnert mit dem Blick durch Blütenzweige unwillkürlich an eine der Schlüsselszenen in Doris Dörries gerade angelaufenem Film. Nicht mehr als ein Zufall natürlich, diese jahreszeitengerechte Konjunktur eines für Japan zentralen, alle Generationen begeistert einenden Brauchs. Dabei müssen Japaner von heute die Bäume nicht unbedingt identifizieren können, Hauptsache, sie feiern mit, wenn sie blühen. Erstaunlich, wie nüchtern sie ansonsten damit umgehen: "Sie sind anfällig für Schädlinge, im Herbst liegt der ganze Garten voller Laub, und im Winter hat man nur kahle Äste vor der Nase."
Eine berufstätige Frau Ende dreißig in einer Großstadt, die am Feierabend regelmäßig die Restaurant-Kneipen in ihrer Wohngegend aufsucht, um sich beim Sake oder Bier zu vielen kleinen Speisen zu entspannen. Nichts daran ist ungewöhnlich. So ist das neuerdings in Tokio und anderswo: "Frei, aber einsam", hätte man früher gesagt.
Diese Tsukiko trifft eines Abends per Zufall auf ihren alten Japanisch-Lehrer aus Oberschultagen. Sie hat ihn nur bemerkt, weil er nahezu gleichzeitig dieselben Gerichte wie sie bestellt. Der Sensei ("Herr Lehrer"), wie sie ihn nennt, ist jedenfalls ähnlich wählerisch wie sie: "Thunfisch mit fermentierten Sojabohnen, einmal gebratene Lotuswurzel in süßer Sojasoße und eingelegte Perlzwiebeln dazu", "gegrillte Aubergine und Krake mit Wasabi", "heißer Tofu und Gelbschwanz-Teriyaki", "Oden mit Rettich, Sardinenpastete und Fischklößchen normal" ordern sie, und so geht es weiter, das ganze Buch hindurch, denn, so der Sensei: "Wer sein Essen genießt, ist ein guter Mensch."
Der Gleichklang dieses ungleichen Paares zeigt sich denn auch eher in den Speisen als in der recht belanglosen und spärlichen Konversation der beiden, die sich auch schon einmal über einem im Radio übertragenen Baseball-Spiel entzweien, dann aber wieder in der nächsten Kneipe aufeinandertreffen und es sich gemeinsam in der familiären Thekenatmosphäre gutgehen lassen.
Solche Szenen scheinen aus dem Leben gegriffen, denn viele teilen in Japan die Leidenschaft fürs gute Essen und Trinken, für kulinarische Entdeckerfreuden, die sich in kleinen und kleinsten Bistros und Kellerlokalen ausleben lassen. Zugleich ist dieser beliebte Zeitvertreib wohl auch dem Umstand geschuldet, dass in den verdichteten Städten anders Entspannung und Genuss nur mit wesentlich größerem Aufwand zu haben wären. Und schließlich kosten auf diese Weise die in ihrem Alltag isolierten Großstädter etwas Nestwärme im unverbindlich-jovialen Austausch mit gleichgesinnten Zechern und Genießern. Man verabredet sich vielleicht sogar mit dem Restaurantbesitzer zur gemeinsamen Pilzsuche am Wochenende und zum Kirschblütenfest in der alten Schule. Und während sich in solchen Anlässen der Wechsel der Jahreszeiten abbildet, kommen die Ich-Erzählerin und ihr Sensei einander ganz allmählich näher.
Was diese nicht ganz klischeefreie Geschichte von einer Frau, die nicht wirklich erwachsen werden will, und ihrem verwitweten Lehrer, der immer noch insgeheim seiner Frau nachtrauert, dennoch zur unterhaltsam-vergnüglichen Lektüre werden lässt, sind verblüffend unscheinbar, aber dabei überraschend natürlich und überzeugend wirkende, geradeheraus erzählte Szenen, denen nichts von Gedankenschwere oder Symboltiefe anhaftet. Manchmal streifen die Situationen das Skurrile, etwa wenn die Frau beim ersten Besuch in der Wohnung des Sensei mit seiner Vorliebe für ausgediente Keramikkännchen aus Reisezügen und seiner Abneigung, verbrauchte Batterien wegzuwerfen, Bekanntschaft macht.
Andererseits aber wird er mit seiner allzu weltfremd-steifen Sprache und seiner Sprödigkeit in ein liebenswertes Licht gerückt, etwa, wenn er sich mit den Worten an Tsukiko wendet: "Ich möchte ein Date mit Ihnen machen." Übrigens sind die beiden davor schon gemeinsam auf eine Insel gereist. Doch erst kurz vor Ende des Buchs fällt der denkwürdige Satz: "Würden Sie zum Zweck eines Liebesverhältnisses eine Beziehung mit mir eingehen?" Tsukiko reagiert auf diese verquält-umständliche Formulierung so ungeduldig wie vielleicht der Leser: "Was? Sensei, was wollen Sie damit sagen? Ich bin doch längst in Sie verliebt. Das wissen Sie doch. Was soll dieses komische ,zum Zweck eines Liebesverhältnisses'?"
Als sie ihr Gesicht dann an sein Jackett presst, saugt sie "den herben Geruch nach Mottenkugeln" ein. Die Szene im Park geht natürlich noch weiter - der Sensei geniert sich, weil sich die Frau an ihn schmiegt, und was sich die beiden dann noch zu sagen haben, changiert wie so oft zwischen Komik und anrührender, unmerklich wachsender Offenheit und Vertrautheit. Nicht, dass wir nicht schon genügend Geschichten über jüngere Frauen und alte Männer gelesen hätten, und nicht, dass wir nicht ahnten, worauf diese nur kurz währende Beziehung hinausliefe. Aber hier wird sie in ganz neuem Tonfall serviert. Das hat etwas packend Authentisches und ist von einer erfrischenden Leichtigkeit.
IRMELA HIJIYA-KIRSCHNEREIT.
Hiromi Kawakami: "Der Himmel ist blau, die Erde ist weiß". Eine Liebesgeschichte. Aus dem Japanischen übersetzt von Ursula Gräfe und Kimiko Nakayama-Ziegler. Carl Hanser Verlag, München 2008. 189 S., geb., 17,90 [Euro].
Buchtitel: Der Himmel ist blau, die Erde ist weiß
Buchautor: Kawakami, Hiromi
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.03.2008, Nr. 71 / Seite 34
