Von Mara Delius
22. Januar 2010Geschichten, die hart, brutal und vulgär sind, gibt es viele. Geschichten, die gerade deswegen schön sind, gibt es selten. Es ist halb fünf, am Tag oder in der Nacht, das ist egal, denn alle Konturen und Grenzen sind ohnehin verwischt, als die sechzehnjährige Mifti zu sich kommt. Drei Matratzen entfernt liegt Edmond, ihr Bruder, er schläft, nackt, ein tätowierter Glatzentyp kniet grinsend über ihm und macht Nahaufnahmen von seinen rasierten Genitalien. Aus der Küche dringt die Stimme von Annika, ihrer Schwester, die gerade erörtert, welche drei Songs den Übergang vom Altrock zum Punk markieren, etwas schrill klingt sie, wahrscheinlich wegen eines Restes vom Heroin. Im fahlen Licht des Mac Book Pro sitzt ein Kleinkind, Äneas, und kräht, weil es nicht zum Yoga will.
Es ist also alles wie immer, in diesem Zustand der Wohlstandsverwahrlosung, der Normalität ist, wenn die Mutter tot und der Vater eines dieser linken durchsetzungsfähigen Arschlöcher“ ist, das sein überdurchschnittliches Einkommen mit dem Zusammenkleben von Plattencovern zu expressionistisch melancholischen Kunstwerken verdient, wenn der Bruder Kapuzenpullover entwirft, auf denen in Schwarzrotgold der Slogan Unsere Nationalfarben sind beschissen“ steht, und die Schwester als durchtriebene Marketingbitch“ Raves auf Kornfeldern organisiert. Man vertreibt sich so die Zeit, sieht Dokudramen über belgische Pinguinfetischisten und Vergewaltigungen von Achtjährigen, liest aufgeklärte Belletristik über pakistanische Psychoanalytiker und die gesammelten Klassiker der Poptheorie, schläft mit taxifahrenden Schauspielern und der besten Freundin, fuchtelt kurz mit der geklauten Halbautomatikpistole, kippt auch den achten Wodka Tonic, streitet noch etwas über Foucault, den Feminismus und die Furunkel am Hintern von Karl Marx und verschwindet dann hinter der Stahltür einer Bar oder unter zerkoksten Medienleuten auf vierhundert Quadratmetern Parkettboden irgendwo in Berlin.
Ein Erlebnis fließt ins andere, nichts nimmt eine Wendung, zum Guten oder auch zum Schlechten, weil es nur eine einzige Gewissheit gibt, die alles umfasst: Ich weiß genau, was ich will: nicht erwachsen werden“, so wie das Axolotl, ein nachtaktiver Lurch, der lebenslang im Larvenstadium bleibt und den Mifti in einer Plastiktüte durch ihre Zwischenweltexzesse“ in Prenzlauer Berg, Mitte und Charlottenburg schleppt.
Axolotl Roadkill“ ist ein hartes, brutales, vulgäres Buch. Es ist die Geschichte einer Sechzehnjährigen, der Sex, Gewalt und Drogen die einzige Abwechslung in einem Leben bieten, das schon am Ende scheint, bevor es richtig angefangen hat. Es ist der erste Roman von Helene Hegemann, Jahrgang 1992, die bereits mit Filmen, Theaterstücken und Hörspielen aufgefallen ist. So betrachtet, ist alles gesagt. Axolotl Roadkill“ ist nämlich eines dieser Bücher, auf die gewöhnlich nur mit zusammengekniffenen Augen geschaut wird: auf der einen Seite der Lupenblick des Ethnologen, der ein Exemplar der exotischen Gattung der Jugendlichen erkunden will, auf der anderen Seite die besorgt hochgezogenen Brauen des gutmeinenden Pädagogen, der in jeder radikalen Äußerung nichts anderes hören kann als einen unterdrückten Schrei nach Anerkennung.
Doch in diesem Fall ist es nicht damit getan, der jungen Autorin ein schmissiges Label um den Hals zu hängen wie Wunderkind der Digitalboheme“ oder Fräuleinwunder der Kreativszene“, dann nach autobiographischen Parallelen zu graben und nach kurzer Aufregung wieder zum Alltag des Literaturbetriebs überzugehen, in dem gestandene Familienväter als Nachwuchsautoren durchgehen. So aber entginge einem eine erzählerische Kraft, die ungeheuerlich ist.
Helene Hegemann erzählt die Geschichte einer Flucht. Doch nur an der Oberfläche ist es die Flucht einer Sechzehnjährigen vor den Realitäten ihres Lebens imitten der versnobten Kaputtheit“ der linksresignativen Kulturszenescheiße“, also einer Welt, die sich um Offtheater, Kokain und Biotagliatelle dreht. Hinter ihrer heißen Wut und kühlen Verzweiflung, die diese Höllenfahrt durch all den passierenden Wahnsinn“ antreiben, steckt mehr.
Ich traue mich nicht, an morgen zu denken, ich traue mich eigentlich überhaupt nicht zu denken. Mir wurde eine Sprache einverleibt, die nicht meine eigene ist“, schreibt Mifti in ihr Tagebuch, es sind so viele Gedanken da, dass man seine eigenen gar nicht mehr von den fremden unterscheiden kann.“ Diese Beobachtung führt aber nicht zu einer Nabelschau unter dem Zeichen von teenage angst, sondern zu einer einfachen Einsicht: Ich bin wild aufgewachsen und ich will wild bleiben. Ich bin eine einzige große Wunde.“
In Luis Buñuels Film Un Chien Andalou“ gibt es die berühmte Szene, in der das Auge einer Frau mit einem Rasiermesser zerschnitten wird und eine Wolke vorbeizieht. Einer solchen Bewegung folgt die Geschichte von Mifti. Aus allen offenen Brutalitäten quillt eine einschneidende Verletzung hervor: die Unmöglichkeit, in einer Welt ein Individuum zu sein, in der selbst das Gegen-etwas-Sein schon im behäbigen Fluss des Mainstreamkonsenses eingebettet ist und die mächtigste Konvention diejenige ist, dass es keine mehr gibt.
Helene Hegemann hat mit ihrer Geschichte von der Schwelle zwischen Wahn und Wirklichkeit dieses Gefühl als Atmosphäre eingefangen. Locker die literarische Ahnenreihe aufrufend – von Bonjour Tristesse“ über den Fänger im Roggen“ bis zu Faserland“ –, kühl die Weisheiten der Popkultur gespiegelt, abgemischt mit dem Sound zur Schau gestellter Introvertiertheit und eingerahmt in ironische Lässigkeit: Axolotl Roadkill“ kann man als großen Coming-of-age-Roman der Nullerjahre lesen.
Damit hat Helene Hegemann vor allem eins geschafft: Die plattgeredeten Wörter, die angestrengt alternativen Attitüden in Kunst, Kritik, Kleidung und die dahinter versteckten, vorsichtig eingezäunten Erwartungen, all das, was schon hundertmal gedacht, gesagt, getan und getragen wurde, hat sie aufgesogen, gebündelt und in etwas ganz Neues, Unerhörtes verwandelt, in den Ansatz zu einer Literatur, die nicht trotz, sondern wegen ihrer Härte, Brutalität und Vulgarität schön ist. Helene Hegemann zielt mit ihrem Buch mitten in den Kern unserer Konsenskultur. Ob wir uns treffen lassen, hängt von uns ab.
Die 1992 geborene Filmemacherin und Autorin Helene Hegemann ist die Sensation der ebenfalls noch sehr jungen Literatursaison. Ihr Debüt ist ein wütender Adoleszenzroman, den die Erkenntnis schmerzt, dass alles Entscheidende schon gesagt ist.
Helene Hegemann, Axolotl Roadkill“. Roman. Ullstein Verlag, Berlin 2010. 208 S., geb., 14,95 €.
Buchtitel: Axolotl Roadkill
Buchautor: Hegemann, Helene
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Ullstein Verlag, Verlag