14. Oktober 2008 Es gibt ja jede Menge Leute, die sagen über die Bücher Dietmar Daths: Alles sehr schön und sicher auch sehr schlau, nur leider verstehe ich kein Wort. Und meinen damit: Die Wörter verstehen sie schon. Nur was sie ihnen sagen sollen, all diese Wörter, vereint in einem Text, in einem Buch, das wissen sie nicht. Und wenden sich gleichgültig, verärgert, böse ab. Auch ich bin schon in viele Bücher Dietmar Daths begeistert hineingegangen, habe zu lesen begonnen, staunte über all das Wissen und die Phantasie und die Geschichtsmöglichkeiten, die sich an jeder Ecke neu eröffnen. Und irgendwann kam dann doch meist der Punkt, an dem es eine Geschichtsmöglichkeit zu viel war, und ich dachte mich an einer Geschichte fest, dachte sie weiter, so für mich, und irgendwann war der Faden weg, war eine ganze Weile nicht wieder zu finden, und während ich noch suchte und suchte, war schon wieder ein neuer Dath-Roman erschienen.
Lenin und der Durst
Dietmar Dath schreibt sehr viele Bücher, in diesem Jahr sind es so vier, fünf. Bis vor anderthalb Jahren war er Redakteur im Feuilleton der F.A.Z., schrieb dort über Mathematik, Buffy, Sozialismus, Pop, die Zukunft und ein besseres Leben und lieferte sich mit seinem Kollegen Andreas Platthaus Textmengenwettbewerbe, die er manchmal sogar für sich entschied. Zwischendurch kam er auch immer mal als Geistesblitz mit Bart und Mütze in unsere Berliner Sonntagsfeuilleton-Räume hineingeschossen, eroberte den Computer, belegte mit drei Handgriffen im internen Archiv seine Siegertext-Anzahl, hinterließ einige sensationelle Gedanken und viel Unsinn im Raum - und war wieder weg.
Jetzt trifft man ihn meist auf Buchmessen, unterm Arm die eigenen Neuerscheinungen der Saison. Im Frühjahr war das zum Beispiel das Buch Maschinenwinter, eine Streitschrift für den Sozialismus. Es steht der Satz darin, der eigentlich in allen Dath-Büchern stehen könnte: Ich möchte gern, daß, wer dies gelesen hat, sich entschiedener im Recht fühlt beim Fordern, Streiken, Konspirieren und Untergraben des unvernünftig Gegebenen.
Daths ernsthaftes Beharren auf einem wahren Sozialismus, auf Gleichheit und Freiheit als Freiheit von Not und Ausbildungsschranken, halten in diesen brutalliberalen Zeiten viele Leute für einen Witz, für eine Art Folklore, die letzte ironische Wendung eines Überintellektuellen mit Hang zur Langeweile. Wie etwa Ulf Poschardt, der Dath vor kurzem in der Welt am Sonntag staunend fragte: Sie laden dazu ein, Lenin wiederzuentdecken. Ist das als Provokation gedacht? Und dazu Dath: Ja, genauso wie der Vorschlag ,Trink mal was!' bei schwerem Durst.
Romantisierung als Veränderungsstrategie
Dath will die Welt verändern und darüber schreiben. Und schreibend andere Weltmöglichkeiten entdecken und den Leser entdecken lassen. Darum geht es: um eine andere Welt. Was Literatur kann, ist verspannte Denkmuskeln auflockern, hat Dath einmal gesagt. Wenn Leute sich nichts mehr vorstellen können, können sie drei Dinge machen: Sie können verreisen, dann wird ihnen klar, so wie es bei mir ist, muss es nicht sein. Sie können sich mit der Vergangenheit beschäftigen. Oder sie können ihren Möglichkeitssinn, wie Musil das genannt hat, aktivieren, indem sie Literatur lesen.
Dath ist ein entschlossener Romantiker. Die Welt einfach so lange mit anderen Möglichkeiten konfrontieren, bis sie gar nicht mehr anders kann, als sich nach den neuen Vorbildern auszurichten, das ist sein Plan. Romantisieren hatte Novalis diese ebenso friedliche wie langfristige Weltveränderungsstrategie genannt. Dath romantisiert. Dath aktiviert alle Möglichkeitssinne des Lesers, auch solche, von denen man vor Lesebeginn noch gar nichts ahnte. In seinem neuen Roman Die Abschaffung der Arten so poetisch und gewaltsam wie in keinem Dath-Buch zuvor.
Über das Dilemma der Menschen, das Dilemma der Welt, hier wie stets, heißt es im Buch: Von den anderen Menschen, denen es ja im Grunde allen auch so ging, nämlich völlig anders, aber schlecht, war erkennbar keine Hilfe zu erwarten. Ihr Vorstellungsvermögen hatte einen gefährlichen Knick; sie hielten generell von der Wirklichkeit viel mehr als von der Wahrheit.
Das Zeitalter der Langeweile ist vorbei
Schluss mit der Wirklichkeit! Her mit der Wahrheit! Dabei hilft der Roman. Dath dichtet eben nicht hilflos einer öden Wirklichkeit hinterher, wie die meisten anderen Schriftsteller der Gegenwart. Er dichtet mutig voran. Da ist, im neuen Buch wie in den vorherigen, viel Platz für Schummrigkeiten, Abschweifungen, Dreideutigkeiten. Dem Leser schwirrt der Kopf, und immer wieder wirft es ihn weit, weit aus dem Buch hinaus. Aber - ist es die Anziehungskraft der Hauptgeschichte, die Schönheit der Sprache, die schöner ist, als in den alten Büchern, ist es die Absonderlichkeit der Charaktere, die einen diesmal immer wieder ins Buch zurückziehen? Es ist wohl von allem etwas. Jedenfalls, für all die Leser, die die früheren Daths, abwartend, staunend aus der Ferne an sich vorbeiziehen ließen, ist jetzt der Zeitpunkt einzusteigen. Die Abschaffung der Arten ist ein verrücktes Buch, ist große, spekulative Literatur, mit Phantasie, Kenntnis und Dichtungskunst.
Es geht um: das Ende der Welt. Das Ende der Menschheit. Das Zeitalter der Langeweile, so wird es immer wieder genannt, ist vorbei. Die Tiere haben die Macht übernommen. Dachse zum Beispiel, Raben, Fledermäuse, Laufschweine, Wölfe, ein Luchs, ein weißer Tiger und als Herrscher, natürlich, der Löwe Cyrus Golden. Wir sind im alten Europa, drei letzte Menschenstädte gibt es noch. Irgendwo fern, unbedrohlich, wohl vergessen. Doch auch dieser neu erträumten Welt, der Welt von Cyrus Golden, droht der Untergang, der Angriff einer fremden Macht. Er schickt einen Wolf, Wolf Dimitri, hinüber nach Amerika, ob dort Hilfe ist für ihn und für sein Reich.
Ein Dank an Friedrich ,Gute Laune' Nietzsche
Doch vorher schon lesen wir von den letzten müden Kämpfchen der letzten Menschen, die vor lauter Müdigkeit und Langeweile und Wirklichkeitsglaube verschwinden, sterben; von den Genten, neuen Zwischenwesen, die auch verschwinden werden, vertrieben von der Welt: Was dachten hier die letzten Menschen? Die dachten, weil sie kaputte Köpfe hatten: Kann nicht sprechen. Kann nicht reden. Kann nicht tun, was Gente wollen. Kann mich nicht verstecken. Kann nicht des Löwen Meinung ändern. Muß leben mit meiner Seele, die ist innen festgenäht.
So denken sie fort, die letzten Menschen. (Ein Dank an Friedrich ,Gute Laune' Nietzsche steht ganz am Ende des Buchs.) Festgenäht, die Seele, an einer falschen Wirklichkeit. Da ist nichts zu ändern. Nichts zu retten. Untergang, Ende. Gute Nacht. Gute Nacht. Gute Nacht. Shantih Shantih Shantih.
Es wird nicht der letzte Untergang in diesem Buch bleiben. Wie in einem Computerspiel springt der Autor von Ebene zu Ebene, von Welt zu Welt, und wenn der Leser bereit ist, am Ende eines Levels, springt er mit dem Autor mit.
Der Held des Buchs, das ist der Wolf. Eigentlich ist er nur einer von unzähligen Helden, die auch noch immer wieder unter neuen Namen und - noch schlimmer - in immer neuer Gestalt auftreten. Es wäre herrlich, wenn Dath und Verlag sich einmal entschließen könnten, tolstoimäßig eine Namenstafel der wichtigsten Figuren, ihrer Namensvariationen, ihrer Fähigkeiten und Freundschaftsverhältnisse dem Buch mitzugeben. Das würde schon sehr viel erleichtern. Widerspricht aber wahrscheinlich dem Denkmuskelkonzept des Autors.
Die Löwen-Lehre
Ist aber ja nicht so, dass man nur dem Löwen, seinem Boten Dimitri, ihren Liebschaften und Sonderbarkeiten und ihren Verwandten zu folgen hätte, sondern natürlich auch immer wieder nie gehörten biologischen und mathematischen Weltverbesserungsmöglichkeiten. Und über allem die Löwen-Lehre, die geht so: ,Lebt, als ob ihr auf einer neuen Erde lebtet, die einen neuen Himmel vorhat': Seine alte Weisheit sollte der Löwe selbst, hieß es, bis zum Exzeß befolgt haben. So dass auch Dimitri ihm folgen muss, ihm folgt, aus freiem Willen. Er wird die Experimente der Tiefseeatlantiker ins Auge nehmen für den Löwen. Und sich verlieben, in einen Schwan, ein Feuerchen, Clara Dora, Fiametta. Sie gingen durch verlassene Markthallen; er kannte den Weg zu den Nischen für gutes Essen, die sich wie Muscheln an der inneren Stadtmauer festgesaugt hatten. ,Magst du sprachlose Hasen essen? Oder Spitzmäuse?' Und alles wird schön: Die Unterhaltung zwischen den Neuvertrauten schwebte tänzelnd über den langen Kerzen auf dem Eßtisch. Das Paar wurde von stoischen Chamäleons bekellnert.
Es schallt immer ein großes Lachen durch dieses apokalyptische Buch. Ein wahnsinniger Kulturoptimismus, der, empört über die Gegenwart, sich in den Roman hineinbegeistert. Das Lesen ist einfach und immer wieder ein großer Spaß. Selbst wenn der Faden sich verliert. Es ist so viel Liebe darin, Liebe zur Kultur, zu Büchern, zu Shakespeare vor allem, als einzigem verehrungswürdigen Relikt aus dem Zeitalter der Langeweile - und Liebe als Liebe: Im zerfallenen Palast der Comtesse und an ihrem Teich, im Wäldchen ihrer Katzen und in ihren zerzausten Parks gab es Wichtigeres als den kommenden Krieg: das gute Leben.
Dazwischen rast und liebt und dichtet und weissagt und trauert und phantasiert der Schriftsteller Dietmar Dath in diesem Buch hin und her. Zwischen dem guten Leben jetzt und für den Wolf und der guten Zukunft für alle. Und nichts davon ist wirklich. Aber alles wahrscheinlich wahr.
Buchtitel: Die Abschaffung der Arten
Buchautor: Dietmar Dath
Text: F.A.S.
Bildmaterial: Marcus Kaufhold/Cinetext