Görners Romantik

09. Mai 2008 Anthologien haben die lästige Eigenschaft, dass sie es niemandem recht machen. Zumal der Herausgeber einer Taschenbuchausgabe mit Gedichten einer gewichtigen, schwer begrenzbaren Epoche, der aus vollem Vorrat schöpfen kann, steht immer da wie ein Geizhals. Rüdiger Görner rechtfertigt seine Auswahl aus Gedichten der deutschen Romantik in einem informativen Nachwort. Fünf Themengruppen gliedern das Textmaterial: Sehnsucht und Traum, Naturgefühl und Wanderlust, Klang- und Liebeszauber, Lebenszeit und Alter, Dämmerung und Tod. Zustimmung verdienen der starke Anteil von Gedichten Wilhelm Müllers und die Würdigung der schwäbischen Dichter sowie E.T.A. Hoffmanns. Doch lässt sich fragen, ob die Grenzerweiterungen bis zu Hermann Kurz und Paul Heyse gehen müssen. Ich hätte mir stattdessen ein paar Textbeispiele von Wortführern der literarischen Romantik wie August Wilhelm und Friedrich Schlegel gewünscht (so schlecht sind sie auch als Poeten nicht). Zum Ausgleich für die vielen Gedichte mit Nacht- und Todesmotiven hätte sich Uhlands "Frühlingsglaube" angeboten. Gut hat Görner daran getan, sich im Nachwort an keiner Globaldefinition von "Romantik" zu versuchen, sondern Facetten anzudeuten, Erkennungsmerkmale wie frühe Vollendung, Minnesang ohne Höfe, Lieder von Waldesrauschen und vermählten Jahreszeiten, Entdeckung des Unbewussten und immer wieder Musik in sich tragende und nach Musik rufende Poesie. Manchmal allerdings, so scheint es, musiziert diese Poesie über Erfahrungen hinweg, die etwa im siebzehnten Jahrhundert tiefer erlitten wurden. ("Zu den Sternen fliegen". Gedichte der Romantik. Ausgewählt und herausgegeben von Rüdiger Görner. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2008. 191 S., br., 6,90 [Euro].) WHi.



Buchtitel: Zu den Sternen fliegen
Buchautor: Görner, Rüdiger

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.05.2008, Nr. 108 / Seite 38

 
Mehr als 30.000 Rezensionen
Buchtitel Buchautor Im Beitrag
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche