03. Februar 2004 Manchmal gibt es so etwas wie eine späte Gerechtigkeit in der Literatur, und ein verschollenes oder vergessenes Werk wird wiederentdeckt. Das versäumte Leben eines Buches kehrt freilich nicht zurück, und die späte Rehabilitierung gelingt nicht immer. Wie heikel sie sein kann, zeigt der Fall des rumänischen Juden M. Blecher und seines 1936 erstmals erschienenen Buches "Aus der unmittelbaren Unwirklichkeit".
Blechers "Vorkommnisse aus der unmittelbaren Unwirklichkeit", wie der Originaltitel zu übersetzen wäre, fanden seinerzeit in der jungen existentialistisch gestimmten Avantgarde Rumäniens begeisterte Zustimmung. Blecher wollte Dalís Malerei in Literatur verwandeln, ihren Wahnsinn "lesbar und wesentlich" machen. Eugène Ionesco rühmte die "außergewöhnlichen Erfahrungen", die das Buch vermittelte. Ruhm und Karriere schienen dem jungen Autor zu winken. Doch sein früher Tod - Blecher starb 1938 mit neunundzwanzig Jahren - und die Ereignisse von Faschismus und Stalinismus brachen die Rezeption seines Werkes ab.
Erst 1970, in der kurzen Tauwetterperiode, wurde "Aus der unmittelbaren Unwirklichkeit" in Rumänien wieder verlegt. 1972 erschien, durch Maurice Nadeau veranlaßt, eine französische Übersetzung. Ernest Wichner übersetzte das Buch 1990 für die Berliner Edition Plasma. Ein Echo gab es nicht. Man kann nur hoffen, daß die jetzt erschienene Neuausgabe in der Bibliothek Suhrkamp die Lage ändert. Herta Müller hat dem Band ein leidenschaftliches Plädoyer mitgegeben, das mit der Literaturpolitik der beiden rumänischen Diktaturen abrechnet. "Wahrscheinlich fürchtete man sich vor diesem Buch", schreibt sie, "weil es einer beklemmenden Wahrhaftigkeit das Wort redet."
Es ist ein Dichter, kein politischer Autor, den Herta Müller uns vorstellt. Blecher, der sich in seinen Briefen Max oder Marcel nannte, sich als Schriftsteller aber mit dem Initial M. begnügte, stammte aus einer Fabrikantenfamilie und wurde 1909 in dem Städtchen Botosani in Nordostrumänien geboren. Er ging zum Medizinstudium nach Paris, erkrankte aber mit neunzehn an Knochentuberkulose und verbrachte sein weiteres kurzes Leben hauptsächlich in Krankenhäusern und Sanatorien. Entsprechend kurz war seine literarische Laufbahn.
Durch den großen Lyriker Tudor Arghezi entdeckt, hat Blecher ab 1930 Skizzen und Aphorismen veröffentlicht sowie Essays über Blake und Kierkegaard. Im Umkreis André Bretons erschienen seine Übersetzungen von Guillaume Apollinaire und Richard Aldington. Mit siebenundzwanzig, bereits durch seine Krankheit geschwächt, schrieb er den Text "Aus der unmittelbaren Unwirklichkeit". Voraufgegangen war 1934 ein Gedichtband ("Corp transparent"). 1937 erschien ein zweiter Roman: die an der französischen Kanalküste spielende Sanatoriumsgeschichte "Vernarbte Herzen". Bei seinem Tod hinterließ Blecher Aufzeichnungen und Skizzen mit dem Titel "Beleuchtete Höhlen". In Bukarest erschien 1999 eine Werkausgabe und 2000 die vollständige Korrespondenz. Ein kurzes Leben, aber ein beträchtliches OEuvre.
Blechers Buch gehört in die Reihe jener Romane des Hirns, wie sie mit Benns Rönne und Valérys Monsieur Teste einsetzt. Man könnte es - zeitlich wie strukturell - zwischen Henri Michaux' Exerzitien um "Plume" (1935) und Jean-Paul Sartres "La nausée" (1938) plazieren. Hier die Marionette, mit der Logik: "Ich - ist nur eine Gleichgewichtsposition." Dort der existentialistisch geworfene Antoine Roquentin, der sich durch seinen Ekel definiert. Der namenlose Held von M. Blecher steht zwischen Puppe und Philosoph. Für ihn wird die Frage "Wer bin ich?" "von einer tieferen und essentielleren Klarheit eingeklagt als der des Verstandes". Er ist der Welt schutzlos ausgesetzt, kann seine Befindlichkeit aber immer noch analytisch fassen: "Zwischen mir und der Welt gab es keine trennende Distanz. Alles, was mich umgab, überfiel mich von Kopf bis Fuß, als wäre meine Haut löcherig gewesen wie ein Sieb."
Was bringen diese "Vorkommnisse aus der unmittelbaren Unwirklichkeit"? Nicht so viel Unwirkliches, wie der Leser vielleicht befürchten möchte. Der Titel des Buches ist spröde, das Buch selbst aber ganz und gar nicht. Wir lesen einen kleinen Entwicklungsroman, der die Geschichte einer verschatteten Kindheit und Jugend auf einen Selbstmordversuch und den Tod einer verehrten Frau zuführt. Der große, schlanke und blasse Junge "mit einem dünnen Hals, der aus dem zu weiten Kragen meiner Jacke ragte", ist mit einer enormen Sensibilität geschlagen. Er erlebt die Realität tatsächlich als "unmittelbare Unwirklichkeit", als einen krisenhaften Ablauf von Nervenreizen und Halluzinationen. Benns Rönne sah einst seine eigene Hand als fremdes Objekt. Blechers Protagonist fühlt sich von der Vielfältigkeit der Dinge betäubt: "Vergebens griff ich nach einer Kugel, ließ langsam die Finger darüber gleiten, drückte sie an die Wange, drehte sie um, ließ sie rollen ... Vergebens ... vergebens ... es gab nichts zu verstehen."
Andererseits liebt er die Künstlichkeit der Dinge, empfindet die Welt als reines Theater, besucht Rummelplätze und Varietés und wird beeindruckt von allem, "was nachgeahmt ist". Das Gewöhnlichste und Bekannteste an den Dingen verwirrt ihn am meisten. Er träumt von einem "Inzest mit den Dingen", möchte sich in einen Hund oder einen Baum verwandeln und erlebt Halluzinationen, etwa eine fliegende Marmorstatue oder die Frau ohne Kopf - ein Stück Malerei: "Dort, wo der Kopf hätte sein müssen, war der Schleier sehr gut arrangiert, doch an der Stelle des Kopfes war nichts als ein gähnendes Loch, eine leere Kugel bis zum Nacken." Hier spürt man am ehesten Dalís Einfluß und spürt das Zeitverhaftete von Blechers Surrealismus.
Stark und suggestiv dagegen sind die erotischen Szenen, auch die schwärzesten zeigen einen beträchtlichen Charme. Blechers Sinn für die "Komplizenschaft des Lasters" teilt sich dem Leser mit. Das gilt für die explizit sexuellen Szenen wie für das, was Herta Müller Blechers Erotik der Wahrnehmung nennt.
Blechers Prosa ist tatsächlich Körperprosa. Sie öffnet sich der Welt wie der Protagonist seine als löcherig empfundene Haut. Sein Glück des Protagonisten bleibt begrenzt. Denn da ist immer noch der Kopf; das Kopfproblem eines Rönne. Der Fluch des Denkenmüssens: "Zum ersten Mal spürte ich meinen Kopf eng in den Knochen meines Schädels eingezwängt. Eine grauenhafte und schmerzliche Gefangenschaft." Das Paradox aller bedeutenden Kunst gilt auch hier, in Blechers wunderbarer Prosa: Das so suggestiv beschriebene Unglück wird zum intellektuellen Glück des Lesers.
HARALD HARTUNG
M. Blecher: "Aus der unmittelbaren Wirklichkeit". Aus dem Rumänischen übersetzt von Ernest Wichner. Mit einem Nachwort von Herta Müller. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2003. 154 S. geb., 12,80 [Euro].
Buchtitel: Aus der unmittelbaren Wirklichkeit
Buchautor: Blecher, M.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.02.2004, Nr. 28 / Seite 34
