Wie wahr darf Kunst sein?

03. Juni 2007 Siegfried Unseld hat es später als sein schönstes Treffen mit Thomas Bernhard bezeichnet. Es war am 7. April 1984 in Wien. Bernhard hat das fertige Manuskript eines Romans dabei, den er seinem Verleger erst einen Monat zuvor angekündigt hatte. Es ist das Manuskript des Romans "Holzfällen", jene gnadenlose und gnadenlos komische Abrechnung mit der "Gesellschaftshölle" Wiens, mit den Menschen, den Freunden aus Bernhards Vergangenheit, der ganzen künstlerischen Gesellschaft der österreichischen Hauptstadt. Bernhard ist erregt, seine Freundin seit vielen Jahren, sein Lebensmensch, wie er sie immer genannt hat, die um 37 Jahre ältere Hedwig Stavianicek, liegt im Sterben. Abends, nachts sitzt er an ihrem Bett, am Tag geht er durch die Straßen von Wien, geht in Cafés und meditiert und schreibt, schreibt auf kleine Zettel Ergänzungen des Romans, die er abends in der Wohnung in das Manuskript einfügt. Jetzt ist es fertig.

Autor und Verleger reden, gehen durch die Stadt, immer wieder zwischendurch kehren sie in ein Kaffeehaus ein. Es geht gleich um Details. Bernhard teilt Unseld mit, was für einen Umschlag er sich für das Buch wünscht, welchen Erscheinungstermin, und dann wäre da noch etwas. Unseld hat es später so aufgeschrieben: "Dieses Manuskript sei übrigens durch und durch autobiographisch. Die Hauptprotagonisten, die Eheleute Auersberger, gäbe es in der Tat (sie hießen Lammersberg)." Dass diese Eheleute keineswegs "Lammersberg", wie Unseld hier versehentlich notiert, sondern Lampersberg heißen, das wird der Suhrkamp-Verleger in den nächsten Monaten noch sehr genau erfahren, so genau, dass er es bis an sein Lebensende nicht vergessen wird. Denn nun folgte: der "Holzfällen"-Skandal.

Die Geschichte eines Buchs, das zu autobiographisch war für die Welt, oder zumindest: für Österreich. Die Geschichte eines Buches, das von einem Gericht als so massiv beleidigend eingestuft wurde, dass es von Polizisten aus den Buchläden Österreichs herausgeholt und beschlagnahmt wurde, die Geschichte eines der besten, vielleicht sogar des besten Prosa-Buchs von Thomas Bernhard und der Beginn seines Bruchs mit der Heimat, seines Bannfluchs, den der Autor noch über seinen Tod hinaus über Österreich verhängte.

Weite Teile dieser Geschichte und ihrer Hintergründe kann man jetzt erstmals nachlesen, in dem eben in der Bernhard-Werkausgabe bei Suhrkamp (herausgegeben von Martin Huber und Wendelin Schmidt-Dengler, 32,90 Euro) als Band sieben erschienenen Buch. Über die Strategien des Verlags, die Fehler, die Prozesse, die Frage nach Authentizität und Literatur und - in Andeutungen immer nur - die Geschichte der Gegenseite, die Seite der Beleidigten. Fast alle Protagonisten von damals sind heute tot. Siegfried Unseld, Thomas Bernhard, das Ehepaar Lampersberg, auch Jeannie Ebner, die als Jeannie Billroth im Buch eine besonders unerfreuliche Rolle spielt. Keiner von ihnen lebt noch.

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Werke in 22 Bänden - Bd. 7: Holzfällen
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Haider und der Hass

Doch ein Name taucht im Anhang der neuen Ausgabe besonders häufig auf. Der Name Hans Haider. Literaturkritiker der Zeitung "Die Presse", der Mann, der damals den Skandal lostrat, der mit einem ihm vorab zugestellten Rezensionsexemplar des Buchs zu den Lampersbergs nach Maria Saal fuhr, um sie über die Ungeheuerlichkeit zu informieren, die da in dem neuen Buch von Thomas Bernhard über sie geschrieben stehe. Und der später als Hauptbelastungszeuge und Gutachter in den verschiedenen Prozessen eine wichtige Rolle spielte. "Ich weiß, es ist in Mitteleuropa einmalig, dass ein Literaturkritiker und Leiter der Literaturbeilage einer sogenannten angesehenen Zeitung einen Schriftsteller seines Landes wegen eines Kunstwerks dieses Schriftstellers vor Gericht zerrt. Herr Haider kann nur von Hass gegen mich getrieben sein", schrieb Thomas Bernhard damals in der F.A.Z. und steigerte seine Haider-Wut zu einem wahren Furor.

Hans Haider lebt, er sitzt mir im Wiener Café "Schwarzenberg" gegenüber, grauer Bürstenschnitt, freundliches, rundes Gesicht, 61 Jahre alt, damals wie heute Kulturredakteur bei der "Presse". Vor ihm auf dem Tisch liegt ein altes "Holzfällen"-Exemplar, einzelne Seiten sind mit gelben Klebezetteln markiert. Und er erzählt, wie es kam, damals, dass er zum Bernhard-Feind wurde, zum sogenannten Buch- und Kunstvernichter. Er war lange begeisterter Bernhard-Leser gewesen, hatte oft dessen Bücher rezensiert und dieses neue damals in Windeseile mit seiner Freundin abends im Bett gelesen. Beide kannten auch die Lampersbergs, ihn, den Komponisten Gerhard Lampersberg, und seine Frau, die Sängerin Maya. Haiders Freundin kannte beide sogar gut, sie war damals oft auch auf dem berühmten "Tonhof" gewesen, jenem Anwesen der Lampersbergs in Maria Saal, auf das sie immer wieder junge Künstler eingeladen hatten, an jenen Ort also, an dem der Ich-Erzähler aus "Holzfällen" die Lampersbergs kennenlernt und wo er, wie er sagt, von ihnen "verschlungen worden ist". Seitenlang werden die Auersbergers mit ihrem künstlerischen Abendessen und ihrem ganzen Hang zur absoluten Künstlichkeit, Trunksucht und Verderbtheit verhöhnt, beschimpft und verlacht.

Haider und seine Freundin lasen das und konnten kaum glauben, dass dort so unverhüllt und für jedermann erkennbar das Musikerpaar beleidigt wurde. Lampersberg ("Beppo" nennt Haider ihn im Gespräch), ohnehin ein labiler Mensch, war damals gerade aus der Nervenheilanstalt entlassen worden; dass er außerdem schwerer Alkoholiker war und im Geheimen homosexuell, das konnte man Bernhards Buch entnehmen. Haider nennt es heute einen "Akt der Barmherzigkeit", dass er mit seiner Freundin hinausfuhr, auf den Tonhof, um zunächst Maya das Buch zu zeigen und zu beraten, was nun zu tun sei. Haider sagt, er sei der Ansicht gewesen, man müsse Lampersberg die Möglichkeit geben, sich vor Veröffentlichung mit den Darstellungen im Buch einverstanden zu erklären, zu sagen: Ist eh alles Schmarrn in dem Buch, aber macht doch, was ihr wollt. "Er war ein Mann, der die aristokratische Geste liebte, er wäre dazu bereit gewesen." Ein Anwalt der Familie schrieb in diesem Sinne an den Verlag - wie bei anwaltlichen Schreiben üblich mit Fristsetzung. Unseld reagierte darauf nicht, er hat es später damit begründet, die Auslieferung des Romans hätte schon vor Erhalt des Schreibens begonnen. Und damit nahm die Maschinerie ihren Lauf und war kaum noch zu stoppen, die erste Instanz erließ eine einstweilige Verfügung, den sachverständigen Zusammenstellungen Haiders folgend, das Buch dürfe nicht veröffentlicht, verbreitet, ausgeliefert werden. Doch Unseld hatte Druck gemacht, den Roman besonders schnell ausliefern lassen, und so wurden die Wiener Buchhandlungen dann tatsächlich von bewaffneten Polizisten gestürmt, die das neue Bernhard-Buch beschlagnahmten.

Was für ein Skandal! Das Land ist erschüttert, Bernhard kann es nicht fassen, er verlässt Österreich, reist nach Portugal, kehrt zurück, zieht sich nach Ohlsdorf zurück, verfasst einige Erklärungen, die sich jetzt, nach Kenntnis seiner frühen Worte an Unseld, als reine Schutzbehauptungen lesen: "Ich muss mit aller Deutlichkeit und Entschiedenheit sagen, dass das Ehepaar Auersberger in meinem ,Holzfällen' mit dem Ehepaar Lampersberg überhaupt und also in gar keinem Fall identisch ist. Mein Buch ist ein Kunstwerk. Wie ich selbst mich in Büchern von Dostojewski oder von Tolstoi erkenne, mögen sich andere in meinen Büchern erkennen, aber das ist und kann nicht Gegenstand einer gerichtlichen Klage sein."

Das war jetzt also seine Strategie. Alles leugnen. Alle Vorwürfe total absurd. Dabei hatte er nicht nur seinen Verleger zuvor auf die Romanvorbilder hingewiesen, auch in einem Interview mit Krista Fleischmann, das er vor der Beschlagnahme des Buchs geführt hatte, hatte er zur Frage der Wiedererkennbarkeit der im Roman beschimpften Personen gesagt: "Na, sie sollen sich ja wiedererkennen, obwohl sie alle andere Namen haben. Der Außenstehende weiß nicht, wer es ist, der Betroffene weiß hundertprozentig, dass er's ist, wenn er sich betroffen fühlt." Und er spricht von Wörtern als Kugeln, von Gift, das er in offene Wunden gespritzt hat, gibt sich überhaupt keine Mühe zu verschleiern, dass es von vorneherein als eine Abrechnung geplant war, ein Sich-frei-Schreiben von einem unerträglichen Hass auf Menschen, die ihm einmal sehr nahe waren. Er fühlt sich, als er das Interview gibt, noch sicher, unangreifbar im Reich der Kunst. "Jeder kann sagen, schreiben, tun, was er will, eine völlig freie Welt."

Die Erschütterung für Thomas Bernhard muss fundamental gewesen sein, als ihm dieser Glaube an die Freiheit der Kunst verlorenging. Und dabei ist er sehenden Auges hineingelaufen. Der Verlag hatte ihn im Vorfeld noch auf eventuell justitiable Stellen hingewiesen, und Bernhard hatte sich zur Überraschung aller zunächst sogar einsichtig gezeigt. Doch in der von ihm dann vorgenommenen Umarbeitung hat er eher noch verschärft als abgeschwächt. Keine Verhüllungen, keine Abmilderungen. Nur Friederike Mayröcker hieß jetzt Schreker statt - sehr komisch: Juniröcker in der Ursprungsversion. Es war dann später Mayröckers Gefährte Ernst Jandl, der im Buch auch nicht gut wegkam, der sich um Beendigung des Justiz-Schauspiels bemühte. Die Kollegen Turrini und Artmann, die er zur Vermittlung hinzuziehen wollte, hatten für die Sache nur Spott übrig. Das geschehe dem Bernhard ganz recht. Was er gemacht habe, sei eine Sauerei. Schließlich wandte sich Marcel Reich-Ranicki an Unseld, mit der Bitte, bei Lampersberg um ein Ende des Rechtsstreits zu ersuchen. Dann ging alles sehr schnell. Lampersberg war selbst erleichtert, dass der Streit nun vorbei war. Die Kosten des Verfahrens übernahm ein nicht genannter Privatmann, hieß es. Wahrscheinlich war es aber der Verlag.

Der Rücksichtsloseste

Der Fall "Holzfällen" ist bis heute ein exemplarischer Fall geblieben, über die Freiheit der Kunst, aber auch über Verletzungen, die anderen möglicherweise durch diese Freiheit zugefügt werden. Thomas Bernhard hat rücksichtslos einen großen Roman geschrieben, ein Buch, das von der Freiheit der Kunst lebt und nur durch sie entstehen konnte. "Jeder Mensch, der schreibt", hat Bernhard im Interview mit Krista Fleischmann gesagt, "muss an und für sich überheblich sein, sonst könnt' er's ja nicht machen. Ein Duckmäuser oder einer, der sich was einred', kann ja kein Buch schreiben, außer einem miserablen."

Das alles müssen die Gerichte wissen, die in diesen Tagen wieder über das Verbot von Büchern verhandeln: dass eine Einschränkung dieser Freiheit nicht nur das Verbot eines Buches bedeutet, sondern das Schreiben grundsätzlich einschränkt, den Verlust der künstlerischen Freiheit an sich bedeutet, in der allein ein Werk wie das Thomas Bernhards entstehen kann.

Hans Haider ist Thomas Bernhard noch einmal begegnet. Er erinnert sich, es war im November 1988, er saß im Café "Imperial". Bernhard ging vorbei, sah ihn, grüßte, kam auf ihn zu, die beiden gaben sich die Hand: "Wir müssen über den ganzen Blödsinn einmal reden", habe er gesagt und sei weitergegangen. Drei Monate später war er tot. Über den Blödsinn haben sie nicht mehr reden können.

VOLKER WEIDERMANN

Buchtitel: Werke in 22 Bänden - Bd. 7: Holzfällen
Buchautor: Bernhard, Thomas

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 03.06.2007, Nr. 22 / Seite 35

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