18. März 2003 Am Anfang war der Markenname: Puntigamer. Erst später, sagt der österreichische Autor, Linguist und Werbetexter Wolf Haas, habe er realisiert, daß er auf diese Weise seinem Detektiv, dem Brenner, eine Heimat in der Grazer Vorstadt beschert hatte. Und genau dorthin, zwischen Puntigamer Brauerei, Landesnervenklinik Sigmund Freud und Arnold-Schwarzenegger-Stadion, läßt er den Grantler und Schweiger in seinem voraussichtlich letzten Brenner-Krimi zurückkehren - sechs Romane haben ihm gereicht, sein kriminologisches Glaubensbekenntnis auszuschreiben, von der "Auferstehung der Toten" (1996) bis zu seinem neuen Buch "Das ewige Leben". Amen.
Zunächst sieht es freilich gar nicht nach einem Ende aus, sondern eher nach einem Neubeginn: "Daß es so was gibt! Ist der Hoffnungslose wieder aufgewacht", und zwar auf der Intensivstation der Freud-Klinik. "Lustig samma, Puntigamer!" sind seine ersten Worte, aber da es sich bei diesem Hoffnungslosen um niemanden anders als den Brenner handelt, der nach einem Kopfschuß allmählich - wenn auch mit Teilamnesie - wieder zu sich kommt, ist klar, worum es in diesem letzten Buch gehen wird: um Erinnerung, mit anderen Worten: um Gespenster. "Heute glauben ja die Leute, es gibt keine Gespenster, aber das stimmt nicht, es gibt Gespenster", erklärt uns der Erzähler, der es wissen muß. Nacheinander stellen sie sich denn auch ein, allen voran Brenners Idol Jimi Hendrix (als Zigeuner aus der Klinik-Putzkolonne), dann seine ehemaligen Kumpane von der Polizeischule, die alte Walther vom Dachboden ("quasi Waffe der Kindheit"), alte Sünden, alte Fotos, alte Eric-Burdon-Platten . . . Das kann natürlich nicht gutgehen, zumal die Signatur des Amnetikers, das perfekte X, nicht bloß für "The Jimi Hendrix Experience" steht, sondern auch für die dubiose Bürgerwehr IGS (Initiative Grazer Sicherheit) - vom ebenfalls wiederauferstandenen christlichen Schmerzensmann, dessen Stigmata die Pistolen- und Messerwunden des Helden präfigurieren, ganz zu schweigen.
Zu allem Überfluß mischen sich dann auch noch die professionellen Erinnerer ein: Ein Klinikpsychiater mit Verbrechervisage will den Brenner davon überzeugen, daß seine Verletzung von einem Selbstmordversuch herrührt, und eine handlesende Zigeunerin macht neben verdächtig präzisen Angaben zu Brenners Vergangenheit auch verstörend genaue Voraussagen über seine Zukunft: "Brena abgraz ibermorgen halb finf Uhr frih."
Was ist da zu tun? "Nichts. Das ist die wichtigste Lehre, die uns das Leben gibt. Ohne Pistole, ohne Messer kannst du die meisten Situationen nicht zu deinen Gunsten verändern. Und da verfallen ja viele in der Verzweiflung auf die Idee, daß sie es in so einer Situation mit Worten versuchen. Das ist der größte Fehler, den du machen kannst." Eine typische Passage: Während der Brenner schweigend mit Pistole und Messer operiert, erklärt uns der Erzähler wortreich die elementaren Regeln des Lebens und des Genres. Eine Arbeitsteilung, die sich bewährt hat: Über der musterhaften Kriminalhandlung mit Hard-boiled-Qualitäten entfalten die Erzählerkommentare auch diesmal wieder jenes dichte Gespinst von Sprachspielen und (pop)kulturellen Verweisen, das der Haas-Leser so liebt. Neben der Erstlektüre als spannender Whodunnit belohnt eine solche Prosa auch eine zweite, akribische Lektüre.
Es hat schon Haas-Krimis gegeben, in denen bereits die richtige Exegese des Titels zur Lösung des Falles geführt hätte, so beim unangefochten besten der sechs Bücher, bei "Komm, süßer Tod" von 1998. Aber mit den Erzählerhinweisen ist es wie mit den Erinnerungen und den Prophezeiungen der Zigeunerin: "Du weißt nie genau, wo hat die Handleserin recht und in welchen Punkten hat sie sich getäuscht. Weil alles richtig, das bringt nicht einmal die beste Handleserin zusammen." Und so bleibt es auf allen Ebenen spannend.
Wolf Haas hat inzwischen das ihm gebührende Medieninteresse erlangt, er hat Krimipreise gewonnen, war Star der ersten "Druckfrisch"-Sendung mit Denis Scheck und hat im Schwarzenegger-Stadion gelesen. Doch was bleiben wird, ist sein Erzähler. Dem hat er nicht nur sein eigenes, sehr einprägsames Idiom erfunden, eine eng am Mündlichen und sogar Mundartlichen orientierte literarische Kunstsprache voller Eigentümlichkeiten und unvergeßlicher Floskeln (übrigens ausgezeichnet zum Abfassen von E-Mails geeignet). Sondern es läßt sich ohne Übertreibung sagen: Einen derart beschränkten allwissenden Erzähler, einen, der so eng mit seiner Figur verwachsen ist und doch geradezu ihr Gegenteil verkörpert, so etwas hat die deutsche Literatur überhaupt noch nicht gesehen.
Wo genau sich dieser Erzähler verorten läßt, war von Anfang an ein Geheimnis der Brenner-Romane, wenn auch keines auf der Handlungsebene, auf das man einen Detektiv hätte ansetzen können. Insofern war es der Autor seinen treuen Lesern schuldig, zum Abschluß der Serie auf die Lösung genau dieses Geheimnisses zuzusteuern, denn der Erzähler war das eigentliche Gespenst seiner Prosa. Wenn dieser Hausgeist aus dem Brennerschen Oberstübchen am Ende des Romans überraschend auch körperlich Gestalt gewinnt, ja im Wortsinne in die Schußbahn gerät, dann weiß man: Hier steht eine Entscheidung an, die über die Genretypische, wer nun der Täter war und was mit ihm geschehen soll, hinausgeht. "Weil altes Gaunersprichwort: Wer redet, bleibt. Wer schweigt, geht."
Und so ist es ein konsequenter Zug, daß es am Ende der Brenner-Serie der Erzähler ist, der sich für seinen Detektiv opfert und ihm damit aller Voraussicht nach das ewige Leben beschert. So ist die letzte Pointe dieses Erzählers eine durch und durch poetologische, und gerade weil dies so ist, eignet sich dieser Roman nicht als Erstling für den Noch-nicht-Haas-Leser. Denn erst mit dem nötigen Vorlauf wird man auch den pointierten Abschluß der Serie richtig würdigen und genießen können.
Aufs äußerste gespannt sein darf man nach diesem grandiosen Finale zwischen Detektiv und Erzähler allerdings auf die Zukunft des Dritten im Bunde, des Autors Wolf Haas. Sicher ist wohl nur: Der Brenner wird nicht mehr dabeisein, und da muß man schon aufpassen, daß man nicht selber ein bißchen ding wird bei dem Gedanken. "Traurig samma, Puntigamer."
Wolf Haas: "Das ewige Leben". Roman. Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg 2003. 221 S., geb., 17,90 [Euro].
Buchtitel: Das ewige Leben
Buchautor: Haas, Wolf
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.03.2003, Nr. 65 / Seite L5