Rezension: Belletristik

Täglich sieben trockene Martinis

06. Oktober 1998 Der deutsche Roman des siebzehnten Jahrhunderts bedeutete in der Regel für den Leser harte Arbeit. Nicht nur waren - wie im Fall der "Römischen Octavia" des Anton Ulrich von Braunschweig - bis zu siebentausend Quartseiten zu bewältigen, es galt auch, Personenverzeichnisse und Diagramme anzufertigen, um in der Verschlingung der Schicksale der Gestalten nicht die Übersicht zu verlieren. Trotzdem soll es Leser und noch mehr Leserinnen gegeben haben, die über diesen trockenen geschriebenen Schwarten die schlimme Welt vergaßen und ihre Pflichten verabsäumten.

Alban Nikolai Herbst, der 1995 den Grimmelshausen-Preis erhielt, scheint sich aufgerufen zu fühlen, das "literarische Ödland" (Richard Alewyn) des Barockromans für unsere Zeit wieder zu bestellen. Auf dessen Grund hat er eine Hybridkultur aufgezogen, eine wilde Mixtur der Formen der Desillusionsromantik, des trivialen Großstadtromans und der Kolportage des neunzehnten Jahrhunderts mit Science-fiction, Cyberspace und Phantastik, gedüngt mit einer Brühe aus griechischer Mythologie. Es hebt zeitkritisch und ziemlich gespreizt mit einem Blick auf das Trottoir moderner Großstädte an: "Ist diese, wie im Westen, uniform aufs Marktniveau gebracht, so ist die Stadt selbst nur Äquivalenz und sind es ihre Bewohner. Damit alle Fantasie perdu." Das soll offenbar irgendwie heißen, daß die Seele der Menschen vor ihrer Umwelt beeinflußt wird. Diese alte Einsicht scheint in Frankfurt und Berlin, wo der Autor lebt, derzeit brandaktuell zu sein. Schon Ingo Schramm hatte 1997 in "Aprilmechanik" das Bewußtsein der Bewohner der deutschen Hauptstadt aus der Textur der Stadtlandschaft heraus dargestellt.

Herbsts Erzähler nimmt sich eingangs vor, in der Stadt den "Raum fürs Ungeheure" zu schaffen, und zwar "im Kopf". Die Konstruktion ist auch hybrid: Der Erzähler nennt seine Stadt Buenos Aires, aber nur, weil er es so will und um diese Stadt, die er im vertraulichen Briefstil duzt, "umzuerfinden". Im Mittelpunkt der dargestellten Welt liegt wie ein kultischer Ort und Mysterientempel das Café Samhain, das im diesseitigen Berlin Café Silberstein heißt. Die Basis der Konstruktion ist denn auch deutlich eine Vorstellung der im Erscheinungsbild noch immer zweigeteilten Metropole, jedoch werden diesem Elemente anderer Großstädte der Erde implementiert. Im Computer wird diese Hybride nun zum Cyberspace einer "Anderswelt" transzendiert. Einer Welt, in der die Fantasie herrscht, "gefühlsame Zeit", in der die uniforme Erfahrung der hiesigen keine Gültigkeit hat. Die ist im Kopf von Hans Deters, dem Erzähler, und soll ein Gegenbild werden zu dieser durch Technik und "Controlling" heruntergekommenen, vermüllten und verschrotteten Umwelt, der gegenüber Risse im Trottoir zum poetischen Text werden können.

Jürgen Manthey hat in "Die Unsterblichkeit Achills" zeigen wollen, daß der destruktive und verzogene Sohn der Thetis das Urbild ungezählter Romanhelden der Moderne bis auf Thomas Mann, Arno Schmidt, Kurt Vonnegut und Paul Auster ist. In seinem Narzißmus könne sich auch das moderne Individuum noch spiegeln. Bei Herbst heißt der geheimnisvolle Protagonist Achilles Borkenbrod, und es ist seine Mission, poetische Sätze an Häuserwände zu sprühen. Im heldenhaften Kampf gegen die Ermordung der Städte durch den Kommerz stehen den Graffiti zufolge die Mythen und Verse der alten Sänger und ihr poetisches Sendungsbewußtsein als subversives Potential zur Verfügung. "Und es bleibt der sieche Sehnerv noch für Jahrtausende von fremdartig schönen Wolken umgeben, schimmernden planetarischen Nebeln." Deshalb können dem Kneipengast des Samhain unwillkürlich die wunderbarsten Vorstellungen widerfahren: "Da durchbrach ein winziger Diskus seine Pupille. Als wäre sie ein gespitzter Mund, durch den wer einen Kirschkern spuckt. Komprimierter Schlaf hatte das kosmische Meson beschleunigt, silbernes Nichts, dessen Funkeln hoch in den Äther zuckte. So wütend blau wie Neptun war der Planet."

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Ein Personenverzeichnis braucht man bei Herbst nicht. Höchstens Landkarten, Stadtpläne, Kneipenführer, ein Lexikon der Mythologie und dergleichen. Denn Herbst schmückt seinen dargestellten Raum auf das üppigste mit Straßen- und Platznamen, mit geographischen und geopolitischen Bezeichnungen und mit mythologischen Zitaten und Anspielungen. Aus alldem werden leitmotivisch mehr oder minder vage Bedeutungseffekte gezogen. Manchmal wird das gleich drangeschrieben: "Anspielung, klar, aufs Schildkröten-Paradoxon . . .", Langsamkeit und Beschleunigung, klar, alles claro, irgendwie. Der Autor hat wohl auf eine Selbstorganisation all dieser Elemente gesetzt, aber die will nicht ersichtlich werden. Die Gestalten tragen zwar ausreichend bedeutungsschwangere Namen wie Poseidon, Odysseus und Meroe oder Ungefugger, Radegast, Drehmann und Hausmann. Im übrigen aber bevölkern die üblichen diffusen Verdächtigen die Szene: gepiercte Mädchen, Terroristinnen, Gauner, Bettler, Broker, Dealer, Polizisten und Künstler. Ihre Schicksale sind freilich nicht so interessant, als daß der Leser fürchten müßte, er könne mit ihnen nicht mehr Schritt halten, wenn er keine Liste anfertigt.

Zu Beginn kommt die Botschaft noch auf einem relativ konventionellen Weg als Päckchen an: "00356 Buenos Aires/Berlin Anderswelt". Da wird schon klar, daß die andere Welt nur diese meint, wie schon bei Grimmelshausen. Die Sendung enthält aber, na klar, eine Diskette. Sie spielt die Hauptrolle in der Geschichte, wie überhaupt die Medienobjekte wie im Comic strip Raum und Kopf durchschwirren: "Ich selbst bin Simulation in einem Gehirn. Selbst Tamagotchi, vielleicht eines Gameboys Nintendo, ein Claus Falbin spielt mit mir, der sich die Arbeitszeit verkürzt. Oder ein angewalzter Angestellter, mich unterm Schreibtisch auf den Knien. Die Welt ein Chip, der alle Bios steuert. Deters muß, denkt Deters, den Zentralcomputer finden . . ." Die ominöse Diskette wird der Erzähler so wenig los wie seine Umerfindungsideen. Deshalb ist der Roman so lang.

Es tut gelegentlich not, sich an die schlichte Einsicht zu erinnern, daß die Kunst des Erzählens wesentlich Kunst des Weglassens ist. Weil die Erzähler des Barockromans diese zeitbedingt wenig streng ausübten, blieben sie im Gegensatz sogar zu mittelalterlichen Epen in der Moderne ungelesen. Auch Herbst tut sich wenig Zwang an, suspendiert die künstlerische Disziplin des bürgerlichen Romans, wie sie unzeitgemäßerweise zu Ehren Fontanes gerade gepriesen worden ist. Herbst haspelt, häuft und hubert, was das Material hergibt, und rührt das Heterogenste zusammen: "Keine zwei Minuten nachdem Ungefugger einmal das Boudoir betreten hatte, klingelte das Handy Joachim Radegasts. Der Motivationstrainer nahm da, nicht ganz einen Kilometer von der Calle dels Escudellers und nur vier Häuserblocks von einem der Armenhäuser entfernt, worin paar Franziskaner gegen nichts als Gotteslohn an von Abschiebung bedrohte Mittellose täglich einen artifiziellen Eintopf aus Bohnensurrogaten und chemisch erzeugtem Kartoffelextrakt ausgaben, im Kempinski den ersten seiner täglichen sieben trockenen Martinis." Die Absicht ist wiederum irgendwie klar: die verquaste, verquatschte, alles durcheinandermengende Medien- und Konsumwelt mit ihren sozialen Ungerechtigkeiten soll dargestellt werden, wie sie es verdient. Freilich finden sich bei Herbst immer wieder Sätze, die vermutlich weniger seinem neobarocken Cyberstil als der Erschöpfung seines Lektorats zuzuschreiben sind.

Auch seine Personen läßt Herbst entschieden zu viel quatschen: ",Du bist durchgeknallt, oder? Soll ich 'n Arzt rufen? Hast du keinen Hunger?' ,Hunger? Wie? - Nein. Eigentlich nicht.' ,Du und kein Hunger! Du mußt krank sein!' ,Ich bin überhaupt nicht krank!' ,Aber ich merk doch, wie schlecht es dir geht! Vielleicht ist das auch dieser Virus.'" und so weiter. Wie es nach zwanzig Jahren Ehe bei den Drehmanns zugeht, möchte der Leser nicht nur nicht von Herbst erfahren, er möchte es gar nicht erfahren. Selbst nicht, wenn sich später herausstellt, daß Frau Drehmann wohlmöglich gar nicht Frau Drehmann ist, sondern "eine funktionierende Holomorphe", also eine Cyberspace-Gestalt. Immer wieder geht es dem Leser bei der Lektüre auch nicht besonders, und er hofft, daß Viren sich brav an ihre metaphorische Funktion im Roman und im Rechner halten und nicht auf lebende Personen überspringen.

Spät, sehr spät kommen dem Erzähler Zweifel an der Grundidee: "Ihm hatte gefallen, alles das umzuerfinden. Gefallen? Er erfand es, weil die Diskette wiederaufgetaucht war. Weil sie ihn gefunden hatte heut morgen. Und er war doch so beruhigt gewesen! Hatte sich auf die Schienen bürgerlicher Produktion gehockt und war wundervoll vorangekommen. Was mußte er auch diese Idee aushecken mit Buenos Aires?" Diese Frage kann auch der Leser nicht beantworten. Deters jedenfalls weint daraufhin an der Theke bittere Tränen. Am Ende findet er sich in seiner virtuellen Realität nicht mehr zurecht. Kein Wunder.

Auch den Leser befallen am Schluß programmgemäß Vanitas und Melencolia, und von Gefallen kann keine Rede sein. Vor allem aber deshalb, weil er pflichtgemäß verfolgt hat, wie eine barocke Anstrengung, vor der Respekt geboten wäre, ein in jeder Hinsicht aufgeblasenes Werk zeitigen kann. Dennoch paßt Herbsts Roman in die Zeit der Formierung des Global village. In der sich technische Vernunft so willig mit mythologischem und esoterischem Kappes vermählt, als hätten sie Jahrtausende aufeinander gewartet. Das Buch ist so gehaltvoll wie die Erfahrung eines nächtlichen Streifzugs im Internet. Und so ausgelaugt auch fühlt man sich nach der Lektüre. Es mag sein, daß dieses kühl und hemmungslos kalkulierte Kommunikationsdesaster dereinst, wenn die Arbeit der Alten Welt endgültig ausgegangen sein wird, als Dokument unserer Zeit gelesen werden wird. Vorläufig aber sollte niemand darüber seine Pflichten versäumen.

Alban Nikolai Herbst: "Thetis. Anderswelt". Fantastischer Roman. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 1998. 895 S., geb., 45,- DM.

Thetis - Anderswelt



Buchtitel: Thetis - Anderswelt
Buchautor: Herbst, Alban Nikolai

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.10.1998, Nr. 231 / Seite L18

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