
Der Autor verwechselt Ursache und Wirkung. Nicht der Amazon- oder Blog-Laienkritiker (ich bin selber letzterer) hat angeblich das Niveau der Literaturkritik heruntergezogen, sondern der schöne Schein schwatzender Fernsehkritiker à la Heidenreich und Scheck, die inzwischen alles und jeden mit den fadenscheinigsten und langweiligsten Gründen loben (und zu erkennen geben, mit der Überforderung bestimmter Bücher die Autoren dieser Bücher in Haftung zu nehmen und nicht ihr eigenes Unverständnis). Begründungen? Von gestern! Entweder sie erschöpfen sich in Nacherzählungen oder in Attributen wie "Das müssen Sie lesen", "Meisterwerk" oder – in die andere Richtung "Kitsch". Weitgehende Affekttreiberei beherrschen den Literaturdiskurs in den Massenmedien. Und in den Zeitungen sieht es (bis auf ein paar Ausnahmen) nicht besser aus. Wer mehr als den Klappentext liest, gilt schon als gebildet. Prima. Statt der Akklamationsgesellschaft entgegenzuwirken, sonnen sich viele Kritiker im Ruhm des erfolgreichen Autors - oder stehen an, bei einer Kampagne den grössten Klumpen zu werfen. Über "Feuchtgebiete" habe ich übrigens in vielen Blogs dezidiert Negatives gelesen. Es scheint, dass dort der Zwang zur Konformität noch nicht so ausgeprägt ist.

Buchverlage entlassen ihre Lektoren und stellen dafür Marketing-Jungstars ein, die zuvor Margarine und Kondome erfolgreich verkauft haben; nicht anders verkaufen sie Literatur. Junge Autoren wie früher reifen zu lassen, sie über zwei Flops und gute Lektoren zu ihrer eigenen Handschrift zu führen — Fehlanzeige. Lieber ein paar bekannte Gesichter, die heutzutage werbliche Selbstläufer sind, irgendwelchen Müll schreiben lassen. So kommt es, dass immer mehr bedrucktes Klopapier (Bohlen, Roche et al.) in die Bestsellerlisten eindringt. Richard Wagner hat recht, indem er der Literaturkritik das Aufspringen auf den "Zug der Zeit" (Tucholsky) vorwirft. Allerdings lässt er außen vor, dass Kunstkritik zu allen Zeiten, um es edel auszudrücken, nicht ganz unkäuflich war; doch das ist eine andere Geschichte. Auch in der Musikbranche ist der Sieg des Marketings über die Qualität zu sehen, besser: zu hören. Seit ihrer digitalen Selbstenteignung unterlässt sie jede kreative Arbeit, schließt A&R-Abteilungen, reduziert sich auf Marketing und Vertrieb, kauft fertiges One-Shot-Produkt von freien Produzenten oder von den Machern von "DSDS" — und schreit nach einem neuen Grönemeyer. Doch dessen Durchbruch mit "Bochum" folgte auf 4 LP-Totalflops.

Die Wahrheit ist, dass die neuere deutsche Literatur als solche zu der Welt, in der sie entsteht, nichts substantielles mehr zu sagen hat. Vielleicht ist im Zuge der (Post-)Moderne dem Leben auch jegliche Substanz abhanden gekommen und es gibt überhaupt nichts mehr zu sagen, so dass Literatur zwangsläufig zu einer Beschäftigung mit dem Nichts verkommen ist, der nichtssagenden Ausschüttung privater Kataströphchen mittelmäßiger Existenzen? Vielleicht wäre an der der Zeit für einen realistic turn, einen erzkonservativen Umschwung, dass Literatur mal wieder Probleme zur Debatte stellte, wie Georg Brandes es in seinen Vorlesungen zu den Hauptströmungen der Literatur des 19. Jahrhunderts forderte, heraus aus dem weinerlichen Gesäusel einer vom Wohlstand degenerierten und verweichlichten Single-Lifestyle-Literatur hin zu Texten, die sich globalen und gesamtgesellschaftlichen Themen wieder zuwendet?

Es gibt sie noch, die Leser, die im Djungel dessen, was als Literatur angepriesen wird, unverdrossen nach derselben ausschauen. Chancen haben sie, wenn sie einen Buchhändler kennen, der einst Philosoph oder Zahnarzt gewesen ist, aber aus Liebe zur Literatur nun einen Laden voller Bücher bewohnt. Er ist es, der diese Bücher unschätzbar originär begutachten wird. Literaturkritik leistet genau das zu wenig. Mit relativer Einhelligkeit ist da oft mehr über den Autor zu erfahren als über das Werk, das er geschrieben hat. Da entsteht der fatale Verdacht, dass sich Rezensenten zuerst für den Marktwert des Autors interessieren. Wie viel literarisch Gewagtes ist wohl unter solch oberflächlichen Bedingungen für immer in Schubladen verblieben? Wie viel von dem, was ich gern gelesen hätte! Für Leser, die auch zu Dostojewskij und Stifter greifen, wünsche ich mir Rezensionen, aus deren Analysen differenzierte Beurteilungsfähigkeit hindurchscheint, vor allem aber nahezu leidenschaftliche Faszination für Literatur. Den Autoren wünsche ich Respekt vor ihrem Werk, damit sie den Preisen, die man ihnen in die Hände drückt, wirklich etwas glauben können. Derzeit kommt es noch vor, dass große und spektakuläre Buchpreise ein „Abendland“ übersehen.

Heute wissen ja nicht einmal mehr Deutsch-Lehrer, wie man ein Gedicht liest. Die Schule, das Nadelöhr, durch das die Bündel der Traditionslinien hindurchgeführt werden müssen, vermittelt die Fähigkeit zum Lesen nicht mehr -- wo es sie noch gibt, wurde sie privat vererbt. Daß weite Teile der Bevölkerung zum richtigen Lesen nicht mehr imstande sind, ist eine Armut, die sich in keiner wirtschaftspolitischen Statistik niderschlägt. Das Suchtverhalten, das dieselben Bevölkerungsteile an die audiovisuellen Massenmedien fesselt -- begierig werden allenthalben deren Inhalte aufgesogen --, lenkt die Menschen von dem ab, was einzig wert wäre zur Kenntnis genommen zu werden: jene Kunst, deren Größe im Anspruch besteht, den sie an ihre Rezipienten erhebt. Indem diese sich dazu erziehen, solchem Anspruch gerecht zu werden, lebt ein Rest von Freiheit in der durch Entwertung von der Freiheit befreiten Weltzivilisation.

Bedarf ein solcher Artikel eines Kommentars? Natürlich nicht. Deswegen möchte ich nur meinem Wunsch Ausdruck verleihen, dass er einen Anflug der Wirkung entfacht, den er verdient. Aber das ist wohl ein eitler Wunsch. Die "Feuchtgebiete" wurden ja selbst hier ausgiebig besprochen und gelobt ...

Die Literaturkritik läßt die anspruchsvollen Literaturgattungen im Stich. Essaybände und Gedichtbände, die ein kleines Publikum haben, werden immer seltener rezensiert. Die Kritik entwickelt sich in Richtung Monokultur. Das Feuilleton ist zu einer eine Art von Warentest geworden, der die Künste tatsächlich allein auf ihren Warencharakter festschreibt. Die Literaturkritik hat ausgedient, weil Autoren wie Popstars gehandelt werden. Matthias Hagedorn