Von Richard Wagner
19. Mai 2008 Am 30. April erschien an dieser Stelle eine Polemik von Oliver Jungen gegen die Flut von Literaturpreisen und Förderstipendien für Autoren (siehe: Eine Polemik gegen den Literaturbetrieb) Nur der Selbstbeweihräucherung der auslobenden Instanz dienlich, für die Literatur aber überflüssig, so die zugespitzte These, denn die besten Autoren schrieben ohnehin aus innerer Notwendigkeit. Hier antwortet der Schriftsteller Richard Wagner.
Angefangen hat es damit, dass das Autorenfoto in der Zeitung größer ausfiel als die Rezension. Die Zeit des Castings in der Literatur war gekommen.Trotzdem besteht das Dilemma der Erlebnisgesellschaft nicht darin, dass sie alles am Ego misst, sondern an dessen Anspruch auf Spaß. Das ist, vorsichtig ausgedrückt, ein Missverständnis bezüglich der individuellen Freiheit und eine Missachtung der abendländischen Kanonisierung. Ohne einen Wertehorizont, ohne den Respekt vor diesem, rennt man nur noch irgendwelchen Publikumslaunen hinterher, auch in der Literatur.
So sagt die zum Publikum gewordene Leserschaft, sobald ihr ein Buch nicht passt, mit großem Selbstbewusstsein, sie könne damit nichts anfangen. Sie sagt es anlässlich von Lesungen und schreibt es in sogenannten Rezensionen bei Amazon. Woher bezieht sie dieses Selbstbewusstsein? Früher hätte sie sich gefragt, ob es nicht an ihr liege, wenn sie ein Buch nicht verstand; jetzt macht sie umgehend den Autor dafür verantwortlich.
Kritik nach Maßgabe des Publikumsgeschmacks?
Das Erstaunliche ist, dass die Kritik sich bemüht, dem spontanen Umfrageergebnis zu folgen. Statt das Publikum auf seine gelegentliche Inkompetenz hinzuweisen, haben sich die Kritiker weitgehend zu Moderatoren der Ereigniskultur gemacht. Sie haben ihre Vermittlerrolle aufgegeben, um dem Event zu dienen. So sind sie zu Ansagern geworden. Ist das Strafe genug?
Zu den Eigenheiten der Erlebnisgesellschaft gehört, dass die Egomassage im Kollektiv zu erfolgen habe. Dieses organisiert sich als Akklamationsgemeinschaft. Die Individualisierung, auf die es ankommt, vollzieht sich nur noch emblematisch, und zwar über den Auftritt. Der Auftritt in einer solchen Runde kann jedoch nur ein schamloser sein. Mehr noch, die Obszönität der öffentlichen Äußerung konkurriert mit der Obszönität des Beifalls. Damit ist auch die Thematik der Literatur, ja, sogar ihre Form, der Revue verpflichtet. Selbst ein Oswald Spengler könnte heute nur noch seine Autobiographie veröffentlichen, am besten mit einem Vorwort von Harald Schmidt. Der Populismus der Erlebnisgesellschaft besteht nicht zuletzt darin, dass die gepriesenen Egos von der Stange sind. Alles Pocher, sozusagen.
Lass es nicht seicht sondern edel erscheinen
Das Markenzeichen der Erlebnisgesellschaft ist die Veredelung des Billigprodukts. Früher nannte man das Etikettenschwindel. Der Discount hat, als Kehrseite der Chancengleichheit, auch in die Literatur gefunden. Die Bücher der einzelnen Verlage sind ununterscheidbar geworden und in mancher Hinsicht auch die Texte der angesagten Autoren. Was heute geschrieben wird, wirkt allzu oft wie aus einem einzigen Blog.
Diese Art Discount wird durch die Schreibschulen bedient. Sie bringen den angehenden Schriftstellern im Nachhilfeverfahren das bei, was in anderen Zeiten jedes Gymnasium zu seinen Aufgaben zählte: das Aufsatzschreiben. Damit produzieren sie Diplomdebütanten, Akteure für die Telenovela der Buchmessen. Die Schule kann nur die Regel vermitteln, die Literatur aber lebt von der Ausnahme - von der Ausnahme der Sprache, von der Ausnahme des Blicks.
Die Unabhängigkeit großer Literatur
Literaturförderung gab es zu jeder Zeit, es gab sie in Klöstern, an Fürstenhöfen. Gewiss, sogar dort. Sie, die Fürsten, jene, die etwas für die Kunst übrig hatten, haben weder die Kosten gescheut, noch haben sie sie jemandem vorgehalten. Das macht nur der heutige Spießer, weil er das Geld ausgibt, um sein schlechtes Gewissen zu beruhigen, und so die Angst nicht loswerden kann, es sei schlecht angelegt und sein Ablasszettel damit ungültig.
Bedeutende Bücher sind durch Förderung und ohne Förderung entstanden. Das spricht weder für noch gegen die Literaturförderung. Sie ist schließlich kein Kriterium für das Schreiben und das zu Schreibende, sondern für das Geschriebene und damit Teil des Kanonisierungsprozesses. Warum also sollte das Werk von Autoren wie Felicitas Hoppe und Hans Joachim Schädlich denn nicht mit Preisen ausgezeichnet werden?
Tabubruch ersetzt den Stil
Die Verwischung der Kriterien, ihre Übermalung, führt zu einem irreparablen Verlust des Respekts vor der Literatur, vor dem literarischen Werk. Dieser Respekt ist nur möglich, wenn es die Autorität des Autors, die des Kritikers und den Respekt vor dieser doppelten Autorität durch die Leserschaft gibt. Das Problem entsteht aber nicht dadurch, dass die Leserschaft Charlotte Roche für eine Schriftstellerin hält, sondern, dass im Feuilleton der Eindruck erweckt wird, dass Feuchtgebiete etwas mit Literatur zu tun habe. Damit reagiert die Kritik auf den Marktwert und nicht auf den Text. Es wird ja auch nicht der Stil des Buches verhandelt, sondern seine tabubrechende Rolle. Tabubruch? In einer permissiven Gesellschaft?
Im Ernst: Eine lethargische Gemeinschaft, die mit Hysterien wie mit kollektiven Elektroschocks traktiert wird, um sie zum Leben zu erwecken, entwickelt eine Grundhaltung der Simulation, die sich die Form der moralischen Empörung gibt. Was ist die neuerlich von der Kritik eingeforderte Realitätsverpflichtung in einer Gesellschaft wert, die schon seit Jahrzehnten unter einem Problem zu leiden angibt, das sie grosso modo Konsumzwang nennt? Esszwang, Jugendzwang, Auftrittszwang, Imagezwang, Kosmetikzwang. Wer zwingt hier wen? Ob die Dame Roche stinken möchte oder nicht, sollte das nicht privat sein und auch privat bleiben? Warum ist in den Feuilletons dagegen, bei fortgesetzter Realitätsanmahnung, von Thea Dorns neuem Roman Mädchenmörder über das Stockholmsyndrom kaum die Rede? Und das, trotz der einschlägigen Nachrichtenlage zu Kampusch und Fritzl.
Auch Neugier ist eine Gier
Wer keine Freude mehr an der Erkenntnis hat, dem schrumpft das Interesse zur bloßen Neugier. Wo diese aber zur Geschäftsgrundlage wird, kommt die Verwertung der Entwertung gleich. Der Spaß mag garantiert sein und das politisch Korrekte ebenso wie das politisch nicht Korrekte gesichert, es sind aber auch die stilistischen Grenzen gesetzt, und stilistische Grenzen sind stets auch Grenzen des Horizonts.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: picture-alliance / dpa/dpaweb