Jonathan Franzen

Motel „Zur flüsternden Pinie“

Es gibt eine Art Glück im Unglück, solange es das richtige Unglück ist

Es gibt eine Art Glück im Unglück, solange es das richtige Unglück ist

03. Oktober 2004 Angenommen, Sie haben ein schlechtgehendes Geschäft zu verkaufen - sagen wir, das Motel "Zur flüsternden Pinie", das viel zu dicht an einem ausgebauten Highway steht, unter starkem Schimmelbefall leidet und eine undichte Abwasserleitung hat - dann sollten Sie unbedingt einen Berglund auf sich aufmerksam machen. Beispielsweise George, den Cousin meines Vaters, Hockeystar seiner Schulmannschaft, der schon lange fand, daß es "nett" wäre, ein kleines Motel zu kaufen.

Als George zur Besichtigung der Immobilie kam, sah man sofort, daß die schwierigen Fragen seine Frau Irene stellen würde, also eine Nicht-Berglund. George selbst schien unfähig, dem Motel mehr als einen oberflächlichen Blick zu schenken. Er sah sich ein Gästezimmer an, drehte einen Wasserhahn auf und wieder zu, beobachtete den starken Verkehr vor dem Blue-Ox-Getränkesupermarkt, inspizierte kurz eine Schlucht, in der junge Birkentriebe durch einen verrosteten Einkaufswagen sprossen, und stand dann mit gesenktem Kopf, die Hände in den Hosentaschen, auf dem Parkplatz.

Dieser merkwürdige Geruch in Zimmer 18

Es war Irene, die wissen wollte, warum so viele Fenster offenstanden und was dieser merkwürdige Geruch in Zimmer 18 war. Man antwortete mit ruhiger Stimme, daß einem kein Geruch aufgefallen sei. "George?" sagte Irene. "Riechst du das?" Und George, die Augen zu Boden gerichtet, schüttelte den Kopf. "Riecht irgendwie muffig", sagte Irene und näherte sich dem Feld, in dem sich die Sickergrube befand, auf dem man unlängst mit Schaufel und Spaten unliebsame Entdeckungen gemacht hatte. "Hat hier wer gegraben?" fragte Irene. Indem man mit George auf dem Parkplatz stehenblieb, konnte man so tun, als hätte man die Frage nicht gehört.

George wollte gern wieder in sein Auto steigen, und zwar mit Irene. Er sah natürlich, daß man nervös war und nicht sehr vertrauenswürdig wirkte. Er wußte, es wäre besser gewesen, sich die Zimmer genauer anzusehen, besonders Zimmer 18, in dem dieser merkwürdige Blütenduft lag. ("Es soll einen unangenehmen Geruch überdecken", hatte Irene gesagt.)

Schlechte Geschäftsentscheidungen haben ihre eigene fatale Dynamik

Er wußte, daß er mit etwas Geduld bestimmt ein ansehnlicheres Motel finden würde. Aber schlechte Geschäftsentscheidungen haben ihre eigene fatale Dynamik. Um eine kluge Investition zu tätigen, hätte George viel recherchieren und mühsame Verhandlungen führen und ganz allgemein rücksichtsloser auftreten müssen, da er aber ein Berglund und nicht jemand anderes war, wollte er die Sache möglichst schnell hinter sich bringen, sein Geld ausgeben und dann allmählich vergessen, daß er viel zuviel ausgegeben hatte - buchstäblich vergessen, sich buchstäblich an eine geringere Summe erinnern.

Er wußte, daß er, wenn er sich die Immobilie genauer ansähe, wahrscheinlich einige Dinge finden würde, die nicht in Ordnung waren, und dann würde sich Irene zwischen ihn und die Berglundsche Neigung werfen, ihre Lebensersparnisse für ein heruntergekommenes Motel mit Namen "Zur flüsternden Pinie" herauszuschmeißen.

Und während man am nächsten Morgen noch überlegte, eventuell um weitere zehn Prozent herunterzugehen, da bis auf George Berglund niemand auf die Annonce reagiert hatte, rief George an und sagte mit lauter, hektischer, irgendwie gestreßter Stimme, daß er die geforderte Summe bezahlen werde, knapp die Hälfte davon in bar.

Schließlich gibt es eine Art Glück im Unglück, solange es das richtige Unglück ist

Das Mitleid, das man in diesem Moment für ihn empfand, war fast so groß wie die Erleichterung, das Motel losgeworden zu sein, aber nur fast. Man löste die Schecks ein, zog nach Arizona und überließ die Berglunds der Freude über ihren Fehler. Schließlich gibt es eine Art Glück im Unglück, solange es das richtige Unglück ist.

George, der sofort eine zweite Hypothek aufnahm, um komplett neue sanitäre Einrichtungen einzubauen, brauchte keine Angst mehr vor der großen künftigen Enttäuschung zu haben, da er die große Enttäuschung schon erlebt hatte; das hatte er also hinter sich. Allein die Lösung des Schimmelproblems hielt ihn jahrelang auf Trab.

Und sooft ein neues Malheur passierte - eine Pinie, die durch das Dach des Bürogebäudes krachte, ein Gast in Zimmer 24, der den Bettüberwurf ruiniert hatte -, bestätigte dies für George eine fundamentale Wahrheit über die Welt und den Platz, den die Berglunds in ihr einnahmen. Irene hatte natürlich die ewige Genugtuung, von Anfang an recht gehabt zu haben.

Sie und George setzten sechs junge Berglunds in die Welt, die teure Kurse in der falschen Computersprache belegten, in schwimmenden Casinos ihr Geld verloren, in unerschlossene Grundstücke in Florida investierten, Orange-Julius-Filialen in ungünstiger Lage übernahmen, Mediävistik studierten, gebrauchte Saabs kauften und Kartons mit wertvollen Schallplattenraritäten in den Müll warfen. Als die Kinder alle ausgezogen waren, hätte sie depressiv werden können, wäre da nicht George gewesen, an dem sie herumnörgeln konnte.

George braucht Ihnen nicht leid zu tun

Ich war immer gern bei meinen Cousins zu Besuch, schwamm im sonnenölverschmierten Motelpool und sah zu, wie George und mein Vater eine Art Asphaltbelag auf den Parkplatz auftrugen. Unten in der malariösen Schlucht, unweit der Überreste eines IGA-Einkaufswagens, erzählte mir mein Cousin Leif eine Geschichte, die mich bis heute verfolgt. Und zwar von einem Dreizehnjährigen aus der Gegend, der es irgendwie geschafft hatte, mit einem nackten Mädchen im Bett zu landen und dann, weil er nicht wußte, was als nächstes zu passieren hatte, dem Mädchen über die Beine gepinkelt hatte. Spätabends, wenn der Verkehr nachließ, flüsterten die Pinien tatsächlich.

George braucht Ihnen nicht leid zu tun. Wenn das Motel attraktiver gewesen wäre, würde ihn die Angst vor einem möglichen Verlust wahrscheinlich ganz krank machen.

Aus dem Englischen von Matthias Fienbork.

Jonathan Franzen (45) hat mit seinem Buch "Die Korrekturen" den amerikanischen Familienroman neu begründet. Zuletzt erschien von ihm "Die 27. Stadt".



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 03.10.2004, Nr. 40 / Seite 25
Bildmaterial: A.P.

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