Rezension: Belletristik

Chiffre der beschädigten Welt

22. Mai 2002 Die Konstellation erinnert an den "Vorleser", Bernhard Schlinks Welterfolg. Eine ältere Frau und ein junger Mann bekommen es miteinander zu tun; im Hintergrund der Vergangenheit lauert der Holocaust. Allerdings fehlen in Adolf Schröders Roman "Das Kartenspiel" die Liebe und auch das spektakuläre Element; Markus Hauser, Schröders junger Mann, soll nicht vorlesen, sondern Briefe sortieren; seine Auftraggeberin ist keine Analphabetin, und als Jüdin stand sie im "Dritten Reich" auf der Seite der Todgeweihten, nicht der Täter.

Dennoch fühlt sich Selma Bruhns schuldig: weil sie überlebt hat, rechtzeitig mit einem brasilianischen Visum den Herrschaftsbereich ihrer Verfolger verlassen konnte. Das Schuldgefühl der Davongekommenen ist ein bekanntes Phänomen, auch literarisch, Adolf Schröder (sein Vorname gibt Aufschluß über das Alter des Autors: Er ist 1938 geboren) spitzt es mächtig zu. Denn Selma hatte eine Schwester; wer von beiden das lebensrettende Dokument bekam, ermittelten sie durch Kartenziehen. Almut verlor und kam um, Selma, die Schwester mit den besseren Karten, sah sich schon im Moment der Entscheidung als die eigentliche Verliererin. Sie wußte, wie unermeßlich hoch der Preis des Überlebens sein würde. Die Schiffsreise, die Ankunft in Südamerika, die ersten Eindrücke, Bekanntschaften, eine Arbeit, ein Verehrer: das alles erlebt sie nur für Almut, ihr schreibt sie lange, poetische Briefe, die selbstverständlich nie abgeschickt werden. Die Adressatin ist längst tot, die Briefe verbleiben bei der Absenderin. Deren Gefühle erscheinen - außer in der Mitteilung auf dem Papier - vollständig verkümmert; daß sie heiratet, berührt sie sowenig wie später der Tod ihres Mannes. Der Appell an die gemeinsame Kindheit soll ihr die Schwester näherbringen, schließlich auch die Rückkehr in das Haus, in dem sie aufwuchsen; aber es ist eine Rückkehr in die Fremde und "ins Schweigen".

Wie der Held in Ludwig Homanns Roman "Der weiße Jude" treibt Selma die Selbstbestrafung bis zur Abtötung aller Lebens- und Freudenquellen. Sie läßt das Haus verkommen, von zahlreichen Katzen bewohnen, verdrecken und verpesten; nicht einmal die Kadaver der Tiere räumt sie weg. Kontakt unterhält sie nur mit dem Mann, der Katzenfutter bringt und Dosen mit Fertignahrung. Den jungen Markus holt sie über die studentische Arbeitsvermittlung, er soll die Briefe chronologisch ordnen und verbrennen, Spuren eines Lebens tilgen, das längst keines mehr ist.

Nur mühsam begreift der Mann, was von ihm erwartet wird, denn Selma hat es mehr oder weniger die Sprache verschlagen. Sie gibt keine Erklärungen, nur knappe, meist unvollständige Anweisungen, antwortet auf keine Fragen, taucht unvermutet auf und verschwindet wieder. Sprachzerstörung - eine nicht eben seltene Chiffre für die beschädigte Welt - hat auch andere Personen der Handlung erfaßt. Geschlagen sind sie alle: Der Student, der schon einige Monate in der Psychiatrie verbracht hat, weiß sich mit seiner Freundin nicht auszutauschen; der Kommissar, der nach dem Tod Selmas ermittelt, hat seine Tochter an den Krebs verloren und richtet seine stumme Wut gegen alle, die ihm begegnen.

So geht jeder Gesprächsversuch in diesem Buch ins Leere. Das zu lesen ist mühsam und quälend. Denn Adolf Schröder setzt seinerseits die Leser einer Behandlung aus, die die Vermutung nahelegt, auch sie hätten eine Läuterung nötig. Er arbeitet mit abrupten Zeiten- und Schauplatzwechseln, plaziert Einschübe und Unterbrechungen in einzelne Absätze, ja in die Sätze selbst und erzeugt dadurch eine Art Rütteleffekt, der jedes Sicheinlassen auf Geschehen oder Figuren verhindert. Ganz wie sein verstörtes Personal klammert sich der Autor an Alltagshandlungen fest, zählt sie in allen Einzelheiten und Zwischenschritten auf, als böten sie einen Halt in diesem haltlosen Leben.

Das ist konsequent gedacht und stringent umgesetzt, bis hin zur Zerstörung jeglicher durch die Verhörsituation genährten Hoffnung auf etwas kriminalistische Spannung. Schröder behandelt seine Leser so ruppig wie Selma ihren Markus: Lies mich - laß es doch, tönt es aus diesen Seiten, als gebe es gegenüber dieser Geschichte - und gegenüber einer Welt, die solche Geschichten hervorbringt - keine andere angemessene Reaktion. Weniger motiviert als verunglückt sind aber auch einige sprachliche Schwächen, die der Roman auch hat; vor allem die Unfähigkeit, zwischen indirekter Rede und Irrealis zu unterscheiden.

Das zentrale Motiv des Kartenspiels ist einfach und fürchterlich; es zitiert den Zynismus der Wachmannschaften, das Spiel mit Menschen, die ohnehin verloren waren. Es führt vor, wie die Zerstörungskraft der Mordmaschinerie auch jene erreichte, die ihren Verfolgern scheinbar entkommen konnten: indem es den Opfern suggerierte, sie seien selbst zu Tätern geworden.

MARTIN EBEL

Adolf Schröder: "Das Kartenspiel". Roman. Schöffling Verlag, Frankfurt am Main 2001. 208 S., geb., 19,50 [Euro]



Buchtitel: Das Kartenspiel
Buchautor: Schröder, Adolf

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.05.2002, Nr. 116 / Seite 46

 
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