Bittersüße Symphonie

08. Mai 2008 Eine Zitrone ist außen bitter, innen sauer und bestenfalls scheibchenweise, aber niemals pur zu genießen. Trotzdem karikiert Bruno sich selbst gerne als gelbe Zitrusfrucht, etwa als Widmung in verschenkten Büchern. Persönlicher wird er jedoch selten, auch nicht in seiner Beziehung zu Valérie. Wo sie sich Verbindlichkeit und Nähe wünscht, plädiert er für Distanz und Ungebundenheit. Und das auch nur in den seltenen Fällen, in denen die beiden ungleichen Menschen überhaupt kommunizieren. Denn meist wartet sie vergeblich auf Briefe, Anrufe oder Zärtlichkeiten. Trotzdem verzeiht sie sein unverzeihliches Desinteresse an ihr, heischt um jedes Fünkchen Zuneigung und macht sich selbst klein genug, um zu ihm aufschauen zu können - selbst, wenn sie ihn in Kunstlederslip und Bademantel mit einer anderen erwischt. Wie wohl tut es da, seit der ersten Seite des Romans von Valérie Mréjen bereits zu wissen, dass diese Beziehung nicht von Dauer ist. Fast beiläufig sind die Enttäuschungen, welche Valérie in ihrer unterwürfigen Liebe erleidet. So nimmt der Leser teil an einer aussichtslosen Beziehung. Mosaikartig ist der Text aus einzelnen Impressionen - die kürzeste lediglich zwei Zeilen lang - zusammengesetzt. Dem Alter Ego der französischen Autorin durch diese zahlreichen Tiefen und wenigen Höhen zu folgen, ist Charakter- und Beziehungsstudie in einem. (Valérie Mréjen: "Zitrus". Roman. Aus dem Französischen übersetzt von Doris Nobilia. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2008. 74 S., br., 7,50 [Euro].) scht



Buchtitel: Zitrus
Buchautor: Mréjen, Valérie

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.05.2008, Nr. 107 / Seite 38

 
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