Martina Wildner: Murus

Alicia, wer sonst?

Von Tilman Spreckelsen

15. März 2008 Wenn es um diejenige Literatur auf dem deutschen Jugendbuchmarkt geht, die eine Welt jenseits der unsrigen abbildet, dann ist die Ödnis beim Durchblättern der vielen, vielen Bände nicht selten so ungeheuerlich, dass man sich gleich abwenden möchte: Hier ein Elfenwald als siebzehnter Aufguss aus dem "Herrn der Ringe", dort eine uninspirierte Reise ins Eisland, hier eine mordgierige Barbarenhorde in einer fernen Zeit, dort ein Raumschiff, das unvermittelt im Vorgarten landet, von den allgegenwärtigen Drachen ganz zu schweigen. Und alles, alles tritt mit dem Anspruch auf, der jeweils "erste Band einer neuen, phantastischen Trilogie" zu sein, von der man, wenn man Glück hat, nach diesem ersten Band nicht mehr viel hört.

Drachen, Elfen und Raumschiffe sind in Martina Wildners Jugendroman "Murus" nicht zu haben, und die Zukunft des Jahrs 2371, in der dieses Buch spielt, kommt glücklicherweise ohne allzu viel technischen Schnickschnack aus. Der Nahverkehr ist offensichtlich schneller und effizienter geworden, lernen wir, aber die alten Bahnhofsschließfächer gibt es immer noch, die Bauten gehen in die Tiefe, aber verkommene Kneipen bleiben verkommene Kneipen bis in alle Ewigkeit, und wer liebt, ist auch im vierundzwanzigsten Jahrhundert mit der allergründlichsten Blindheit geschlagen.

Auf der anderen Seite

Nur dass es in dieser Welt einen Kult um jene rätselhafte Mauer gibt, die sie teilt, und um das Prinzip Mauer auch. Das nennt sich dann "Muralistik", besonders Begabte dürfen das Fach studieren oder sogar lehren, allerdings nur in der privilegierten Hälfte der Welt. Die andere, jenseits der Mauer gelegene ist eher eine Art anarchische Spielwiese in den Trümmern einer Zivilisation, die Häuser und Straßen hervorbrachte, zwischen deren Ruinen nun Tiere weiden und Bandenkämpfe ausgefochten werden. Hier lebt der Junge Jojo bei Pflegeeltern, hierhin verschlägt es immer wieder Menschen, die ihr Gedächtnis verloren haben, und einer von ihnen, das Mädchen Lotte, bringt Jojos Welt ins Wanken. Er fühlt sich verantwortlich für sie, entdeckt durch einen Zufall das Geheimnis ihrer Herkunft und findet sich schließlich in den Katakomben unter der Mauer wieder, wo die Zeit stillzustehen scheint.

Wie Martina Wildner ihre Geschichte entwickelt, wie sie die Figuren einführt und charakterisiert, nicht zuletzt, wie sie ihre Dialoge aufbaut: all dies erweist sie als eine der ganz großen Begabungen unter den Jugendbuchautoren der Gegenwart. "Murus" ist ihr viertes Buch für Jugendliche, nach dem schönen Liebesroman "Jede Menge Sternschnuppen", nach "Liebe Isolde" und vor allem "Michelles Fehler" vom Herbst 2006, mit dem Wildner zum ersten Mal zeigte, mit welcher Leichtigkeit sie unsere Gegenwart als Ausgangspunkt eines Verfremdungsspiels zu nehmen weiß, das sie jeweils mit großer Ernsthaftigkeit betreibt.

Schlagkräftige Mädchen

Nur dass sie, anders als all ihre drachenreitenden Kollegen, in dieser Ernsthaftigkeit ein erstaunliches Talent zur Ironie beweist - ihre Bücher sind, so unterschiedlich sie daherkommen und so dramatisch es dort mitunter zugeht, meist ausgesprochen komisch. In "Michelles Fehler" geht es um den atemlosen Lauf der Titelheldin durch eine ihr von Grund auf feindlich gesinnte Welt, und das ist mehr als eine Metapher: Der Schutzengel jedenfalls, der ihr zugeordnet ist, macht sich einen traurigen Spaß daraus, das Mädchen zu quälen, soweit er dies vor seinen Vorgesetzten verbergen kann. Die Boshaftigkeit, die offensichtlich in seinem eigenen grundlangweiligen Leben wurzelt, das er bis zu seinem Aufstieg zum Schutzengel führte, ist das Einzige, in dem er wirklich etwas vermag, und so sind seine hingekicherten Kommentare angesichts der Malaise, in die Michelle immer tiefer gerät, von grotesker Komik, auch wenn man sehr schnell die Partei des Mädchens ergreift. Und man der Autorin dankbar ist, dass sie es dann doch nicht zum Schlimmsten kommen lässt.

Unter Wildners Figuren wachsen einem jedenfalls vor allem die schlagkräftigen Mädchen ans Herz, die mit den ahnungslosen Jungen ihr Spiel spielen und sich die Fäden nicht aus der Hand nehmen lassen. In "Murus" heißt sie Alicia, dirigiert eine ganze Bande von Kleinkriminellen und gibt sich den Nimbus, es komme ihr auf ein Menschenleben nun wirklich nicht an. Dass sie indessen einen Sinn für Jojos schüchterne Verehrung beweist, ist da einigermaßen erstaunlich, und wie sie ihn in äußerster Wurstigkeit immer näher und näher zu sich lenkt, lässt Romantik im Gleichklang mit Raffinesse erkennen. Als freilich Jojo, der unübersehbar an seiner Aufgabe und seiner Fürsorge für Lotte wächst, Alicias Zeichen endlich deuten kann, ist es auch schon wieder zu spät.Es gibt nur allzu selten Jugendbücher, die den Leser durch ihre Originalität und gleichermaßen durch ihr gediegenes Handwerk bestricken. "Murus" ist eines davon, und dies nicht zuletzt, weil es literarischen Ansprüchen gerecht wird, die man billigerweise an Jugendliteratur richten wird. Dass die nicht niedriger, sondern ganz einfach andere sind, dürfte sich ruhig etwas weiter herumsprechen.

Martina Wildner: "Murus". Bloomsbury Kinderbücher und Jugendbücher, Berlin 2008. 400 S., geb., 16,90 [Euro]. Ab 12 J.



Buchtitel: Murus
Buchautor: Wildner, Martina

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.03.2008, Nr. 64 / Seite 38

 
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