07. Oktober 2007 Die Welt sollte dieses Buch niemals zu Gesicht bekommen. Mit allen Mitteln haben die sowjetischen Machthaber versucht, diesen Roman für immer verschwinden zu lassen. Es war 1960, drei Jahre nachdem Pasternaks "Doktor Schiwago" im Westen erschienen war, ein Buch, das die Sowjetunion in ihren Grundfesten erschütterte. Boris Pasternak war danach allen nur denkbaren Repressionen in seinem Heimatland ausgesetzt. Aber das Buch lebte. Keine Macht der Welt würde es je wieder verschwinden lassen können. Das sollte nicht noch einmal passieren.
Wassili Grossman hatte das Manuskript seines Romans "Leben und Schicksal" bei einer Literaturzeitschrift zum Abdruck eingereicht. Der Chefredakteur erkannte sofort, dass dieses Buch niemals erscheinen dürfe, informierte den KGB, und dort entschloss man sich, diesmal nicht gegen den Autor, sondern gegen das Buch vorzugehen. Das Manuskript wurde beschlagnahmt, alle Abschriften wurden beschlagnahmt, das Durchschlagspapier wurde beschlagnahmt, die Notizen für den Roman, ja sogar die Farbbänder der Schreibmaschinen, auf denen der Roman getippt worden war. Ein Buch wurde verhaftet, jede Spur, die an dieses Buch erinnern konnte, wurde verhaftet, plombiert und in irgendwelche Keller gesperrt. Der Autor, Wassili Grossman, der 1905 im ukrainischen Berdytschew als Sohn jüdischer Eltern geboren worden war und der an dem Buch zwölf Jahre gearbeitet hatte, blieb verzweifelt zurück. Zwei Jahre später schrieb er Chruschtschow einen dramatischen Brief, "einem Autor das Buch wegzunehmen ist dasselbe, wie einem Vater sein Kind wegzunehmen", er endete: "Meine heutige Lage, meine physische Freiheit, hat keinen Sinn, wenn sich das Buch, für das ich mein Leben gegeben habe, im Gefängnis befindet, denn ich habe es geschrieben, ich habe mich nicht von ihm losgesagt und ich sage mich nicht von ihm los. Zwölf Jahre sind vergangen, seit ich die Arbeit an diesem Buch begonnen habe. Ich bin immer noch der Meinung, dass ich die Wahrheit geschrieben habe, dass ich es aus Liebe und Mitleid für die Menschen und im Glauben an sie geschrieben habe. Ich bitte um Freiheit für mein Buch."
Chruschtschow antwortete nicht. Grossman bekam einen Termin beim Kulturbeauftragten des ZK, der ihm wie zum Hohn mitteilte, frühestens in zweihundert Jahren könne sein Buch erscheinen. Zwei Jahre später ist Wassili Grossman gestorben. Er starb im Glauben, dass sein Buch für immer verschwunden bleiben würde. Dass er umsonst geschrieben hatte. Umsonst gelebt.
Doch es kam anders. "Manuskripte brennen nicht!", hatte Michail Bulgakow den Teufel in seinem umkämpften, immer wieder zensierten, verbrannten, beschlagnahmten, auswendig gelernten und schließlich diktierten Großroman "Meister und Margarita" 1937 voller Zuversicht ausrufen lassen, und wenn es noch eines Beweises für diese These bedurfte, dass ein lebendiges, wahres Buch von keiner Diktatur zu vernichten ist, dann ist es die Geschichte dieses Buches, die Geschichte von Wassili Grossmans "Leben und Schicksal", einem großen Epos des 20. Jahrhunderts, das in diesen Tagen zum ersten Mal in einer vollständigen Ausgabe auf Deutsch erscheint.
Tausend heimlich abfotografierte Romanseiten, dramatische Verfolgungsjagden im Auto durch Moskau, ein geschmuggelter Film in den Westen, und schließlich konnte der Roman 1980 in einer russischen Exilzeitschrift in der Schweiz erstmals erscheinen. Eine erste, eilig übersetzte, lückenhafte deutsche Fassung erschien 1984. Heinrich Böll war einer der wenigen, die die Bedeutung des Buches schon damals erkannten. Er nannte es "ein gewaltiges Unternehmen, kaum noch ein Buch, mehr als einige ineinandergeflochtene Romane, ein Werk eben, das seine Geschichte hinter sich und eine vor sich hat."
Vieles spricht dafür, dass diese Geschichte jetzt erst so richtig beginnt. Jetzt, mit der vollständigen, von Annelore Nitschke gründlich überarbeiteten Neu-Auflage des Romans, die eigentlich eine Erstauflage ist. Und wer noch lesen kann und lesen will, wer sich erschüttern lassen kann durchs Lesen, wer die Wahrheit sucht im Lesen, Lebendigkeit, Liebe und Geschichte, der muss dieses Buch lesen. Es ist der Roman der russischen Lager, der deutschen KZs, der sowjetischen Gesellschaft der vierziger Jahre, vor allem aber der Schlacht um Stalingrad, sie steht im Zentrum des Romans. Grossman selbst war damals an der Front. Er hatte sich freiwillig gemeldet, sofort nach dem Einmarsch der Deutschen in sein Heimatland. Doch die Armee konnte den schmächtigen Mann mit der großen Brille auch in ihrer größten Not nicht gebrauchen. So ging er als Berichterstatter an die Front, und die Soldaten liebten ihn, ihn und seine Berichte, die die Zeitungen druckten. Aufgrund des Papiermangels gab es immer nur ganz wenige Exemplare. In den Gefechtspausen wurden seine Texte laut vorgelesen. Grossman erfuhr alles, weil alle mit ihm sprachen, auch die schweigsamsten. Er schrieb nie mit während der Gespräche, merkte sich alles, schrieb es später auf, wenn er zum Befehlsstand, wo die Korrespondenten untergebracht waren, zurückgekehrt war. Die Soldaten vertrauten ihm. Grossman schrieb die Wahrheit, das wussten sie. Er hat einmal geschrieben: "Ich liebe die Menschen. Mich interessiert ihr Leben. Manchmal fühle ich mich selbst wie ein Soldat. Ich kenne das Leben in der Armee jetzt durch und durch."
Aber nicht nur das Leben in der Armee. Auch das Leben in den Lagern, in den sowjetischen Gefangenenlagern. Später war er der erste Berichterstatter, der nach der Befreiung das Lager von Treblinka sah und darüber schrieb. Sein Bericht "Die Hölle von Treblinka" wurde bei dem Nürnberger Kriegsverbrecherprozess verlesen. Und auch beim Einmarsch der russischen Truppen in Berlin war er dabei. Grossman war überall, wo große Geschichte stattfand, und im Kleinen machte er sie sichtbar. Er war im zerstörten Führerbunker und im Berliner Zoo. Und auch in diesen Reportagen, die ebenfalls in diesem Herbst erstmals gesammelt auf Deutsch erscheinen, erkennt man die Kunst des Schriftstellers Wassili Grossman, der in den kleinsten Details die ganze historische Wahrheit aufblitzen lassen kann. In den Dienststempeln in Hitlers Schreibtisch - "Der Führer bestätigt", "Der Führer stimmt zu" - oder einem vergessenen Sack mit Haaren im Lager von Treblinka.
Das alles, dieses genaue Beobachten, die Liebe und die Kenntnis von all dem, war die Grundlage für den Roman, den er drei Jahre nach Kriegsende begann.
Am Anfang ist es schwer, sich zurechtzufinden. Scheinbar unendlich viele Menschen treten auf, wie immer in russischen Romanen werden sie mal mit Rufnamen, mal mit ganzem Namen, mal mit den beiden Vornamen genannt. An die zweihundert Menschen kommen auf den 1050 Seiten vor, vielleicht fünfundzwanzig sind Hauptfiguren. Vier, fünf Kapitel lang sind wir an einem Ort, in einem deutschen KZ, dann an der Front in Stalingrad, einmal auf deutscher Seite, dann wieder bei den Russen, sind in dem Labor des Physikers Strum, in der evakuierten russischen Hauptstadt auf der Straße, in den Kellern des Lubjanka-Gefängnisses, in der Wohnung einer verbannten Deutschen in Moskau, in der sich jetzt ein russisches Liebespaar trifft. Im Zentrum des Romans steht die Familie Schaposchnikow, von ihr aus ziehen sich die Romanfäden in die entferntesten Gegenden des Landes und der Zeit, in die Folterkeller, und ins Feld.
Der Vater heißt Strum, genialer Physiker und freier Geist, der im Kreis der Kollegen mutig die Machthaber kritisiert, über die Weltlage philosophiert und plötzlich eine geniale Entdeckung auf dem Feld der Kernspaltung macht. Doch ebenso plötzlich wird ihm die Gunst der Machthaber entzogen. Er verliert seine Arbeit und muss ständig um sein Leben fürchten. Und er weiß nicht einmal, ob es daran liegt, dass er Jude ist - vieles deutet darauf hin, da alle Juden in seinem Betrieb betroffen sind, oder ob es doch mit seinen systemkritischen Äußerungen zusammenhängt.
Fortsetzung auf Seite 40
Doch Strum bleibt standhaft - bis eines Tages das Telefon klingelt: ",Guten Tag, Genosse Strum.' In diesen Sekunden der chaotischen Gedanken, der Gedankenfetzen ballte sich alles zu einem Klumpen zusammen: Triumph, Schwäche, die Angst vor einem Streich, den ihm jemand spielen wollte, die dichtbeschriebenen Manuskriptseiten, das Formular, das Gebäude am Lubjanka-Platz . . . Strum fühlte mit jeder Faser seines Körpers, dass sich sein Schicksal erfüllte, und zugleich empfand er Wehmut über den Verlust von etwas, das ihm ans Herz gewachsen war. ,Guten Tag, Jossif Wissarionowitsch.'" Stalin ist am Telefon, und das Schicksal wendet sich. Kollegen, die sich von ihm abgewendet hatten, umschmeicheln ihn wieder, Strum triumphiert, und Strum hat sich nicht gebeugt. Auch angesichts der größten Gefahr hat er sich nicht gebeugt. Doch der Strum nach Stalins Anruf ist ein anderer geworden. Der neue Strum wird seine Freunde verraten. Ja, er wird Ehrenerklärungen für die Machthaber abgeben. Aus Angst um die neuen Privilegien. Aus Angst, den großen Anrufer zu enttäuschen.
Grossman kennt die Menschen in ihren schwächsten und ihren stärksten Momenten. Und keiner wird je denunziert. Ein gütiger Blick liegt auf dieser Welt, auf diesen Menschen in den Momenten, in denen die größten Katastrophen geschehen, das größte Morden, und die größte Schlacht geschlagen wird. Es geht nicht um "das Gute". Das schreibt Grossman immer wieder, auch Hitler behauptet, "das Gute" zu wollen. "Das Gute" bringt den Terror in die Welt. Es geht um Güte und um die Frage, wie der Mensch handeln muss, um sich in dieser Welt seine Menschlichkeit zu bewahren. Für Grossman war das die Kernfrage des Jahrhunderts. Als Antwort darauf hat er diesen Roman geschrieben.
"In Naum Rosenbergs vierzigjährigem Gehirn wird die gewohnte Buchhalterarbeit geleistet. Er geht die Straße entlang und rechnet: Vorgestern waren es einhundertzehn, gestern einundsechzig . . .", so beginnt das Grauen eines Kapitels, bis es sich dann in einem knappen "Ein erfahrener Brenner erkennt an einem noch nicht aufgegrabenen Hügel, wie viele Leichen in der Grube liegen - Scharführer Elf verlangt, dass die Leichen Figuren genannt werden" entlädt.
Oft ist der Schrecken unerträglich. Wie soll das auszuhalten sein, all das Elend, der Terror und das Sterben auf über tausend Seiten? Doch Grossman trägt ein Glaube: "Der natürliche Freiheitsdrang des Menschen ist unauslöschlich", schreibt er, "man kann ihn unterdrücken, doch ausmerzen kann man ihn nicht. Der Totalitarismus kann nicht auf Gewalt verzichten. Verzichtet er auf Gewalt, so bedeutet das seinen Untergang."
Und an diesen Untergang glaubt Wassili Grossman. Den Untergang der Unmenschlichkeit. Es ist ein Wunder, wie ein Mensch, der all das sah, all das erlebte, sich diesen Glauben bewahren konnte. Wie dieser Glaube in jeder Zeile dieses Buches lebt.
Die erschütterndste Stelle ist ein Brief, den Strums Mutter an ihren Sohn schreibt. Die Deutschen haben ihre Heimatstadt in der Ukraine erobert, in der sie lebt. Sie ist Jüdin. Sie weiß, dass sie bald erschossen werden wird. Ihre Wohnung hat sie schon verloren. "Manche Menschen sind merkwürdig beschaffen", schreibt sie. "Zwei Nachbarinnen fingen in meinem Beisein an, darüber zu streiten, wer sich die Stühle und wer den kleinen Schreibtisch nehmen würde, aber als ich mich von ihnen verabschiedete, weinten beide." Das Massengrab für die Juden der Stadt wird gerade ausgehoben. "Wie soll ich diesen Brief beenden? Woher soll ich die Kraft nehmen, mein lieber Sohn?" Und irgendwann endet der Brief. Grossman hat ihn für sich geschrieben. Es ist der Brief, den seine Mutter ihm nicht mehr schreiben konnte. Die Geschichte der Jüdin in der ukrainischen Stadt ist die Geschichte seiner Mutter.
Und Strums Geschichte ist auch seine Geschichte. Den Verrat, den Strum nach Stalins Anruf an seinen Freunden begeht, den hatte Grossman am Anfang seines Schriftstellerlebens selbst begangen, als er Bücher nach Parteiwunsch umarbeitete. Grossman ging den umgekehrten Weg wie Strum. Er ging den Weg zur Unbeugsamkeit. Nichts an diesem Roman durfte geändert werden. Auf Seite 801 schreibt er: "Es gibt nur eine Wahrheit. Zwei Wahrheiten gibt es nicht. Es ist schwer, ohne Wahrheit zu leben oder nur mit einem Splitter, einem Teilchen, mit beschnittener oder frisierter Wahrheit. Ein Teil der Wahrheit ist keine Wahrheit." Oder wie er in seinem Brief an Stalins Nachfolger Chruschtschow, der sein Buch verhaften ließ, schrieb: "So bekämpft man die Lüge nicht. So bekämpft man die Wahrheit."
Dass die Lüge den Kampf verloren hat, dass dieses grandiose Epos des 20. Jahrhunderts seinen Weg in die Freiheit fand und dass wir es jetzt lesen können, das ist eine Sensation und ein großes Glück.
Wassili Grossman: "Leben und Schicksal". Aus dem Russischen von Annelore Nitschke u. a. Claassen, 1085 Seiten, 24,90 Euro
Antony Beevor: "Ein Schriftsteller im Krieg - Wassili Grossman und die Rote Armee". C. Bertelsmann, 480 Seiten, 24,95 Euro
Buchtitel: Leben und Schicksal
Buchautor: Grossman, Wassili
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 07.10.2007, Nr. 40 / Seite 39
