12. Juni 2006 Der Fall beschäftigt die Gemüter seit hundert Jahren: Wer erschoß am 6. November 1906 in Baden-Baden die vermögende Medizinalratswitwe Josefine Molitor aus dem Hinterhalt? Ein Motiv, eine Gelegenheit und kein stichfestes Alibi hat ihr Schwiegersohn, der junge Rechtsanwalt Karl Hau, ein so einnehmender wie arroganter Blender, der aufgrund zahlreicher Verhältnisse weit über denen seines Einkommens lebt. Trotz ungeklärter Einzelheiten, eines fehlenden Geständnisses und widersprüchlicher Zeugenaussagen wird Hau, der die Tat bestreitet, in einem auf Indizien gestützten Prozeß zum Tode verurteilt; im letzten Moment wird das Urteil aufgrund eines Gnadengesuchs in eine lebenslängliche Haftstrafe verwandelt. Bereits vor Prozeßbeginn hat Haus Frau, Lina Molitor, Selbstmord begangen, was man als weiteren Hinweis für die Schuld des Angeklagten auffaßt. Nach siebzehn Jahren wird Hau wegen guter Führung vorzeitig aus dem Gefängnis entlassen und beschreibt seinen Fall in "Das Todesurteil" und "Lebenslänglich": Beide Bücher waren in den zwanziger Jahren Bestseller und trugen dazu bei, den Mord, der mit geheimen Liebschaften und exorbitanten Schulden in besten Kreisen und an mondänen Schauplätzen aufwartet, im Bewußtsein zu halten.
Bernd Schroeder geht es in seinem Roman "Hau", den wir von heute an im Feuilleton vorabdrucken, nicht um die alte Frage, ob es sich um einen Justizirrtum oder doch um Mord aus Berechnung handelte. Statt einer inkriminierenden Spurensuche hat er das Psychogramm eines in seiner Widersprüchlichkeit so faszinierenden wie abstoßenden Charakters geschrieben. Eingebettet in ein atmosphärisch dichtes Bild der Epoche, erscheint Hau als Herr und Halunke zugleich, der auf seine Ehre pocht und dabei an seiner Verlogenheit erstickt. Die wendige Intelligenz des Protagonisten, die mit Blindheit geschlagene Hingabe von dessen Frau Lina, die die Mutter in einem fort um Geld für das geschäftliche Fortkommen ihres Mannes angeht, die behäbige, von allen Selbstzweifeln freie deutsche Justiz - Schroeder jongliert virtuos mit den historischen Fakten, springt zwischen Orten, Zeiten und Konstellationen und verweigert klug eine eindeutige Interpretation. Nicht auf Schuld oder Unschuld kommt es an, sondern auf Charakter und Verstellung. Dramaturgischer Höhepunkt dieser an überraschenden Wendungen keineswegs armen Geschichte ist der sechstägige Karlsruher Prozeß, bei dem auch Olga, Haus schöne Schwägerin, mit der er ein Verhältnis gehabt haben soll, ihren von Schaulustigen argwöhnisch beobachteten Auftritt hat.
Bernd Schroeder, der sich bereits in den Romanen "Die Madonnina" (2001) und "Mutter & Sohn" (2004) als zurückhaltend glänzender Beobachter erwiesen hat, wird Hau gerecht - was weder Justiz noch Literatur bisher gelungen ist. Souverän beherrscht er die Fülle seines Materials; geschickt streut er zunächst Hinweise auf das noch zu verübende Verbrechen und den mutmaßlichen Täter, um später statt dem Verdacht dem Zweifel zu huldigen. So fragwürdig Haus Charakter erscheint, so gewiß ist die Meisterschaft dieses Romans.
FELICITAS VON LOVENBERG
Buchtitel: Hau
Buchautor: Schroeder, Bernd
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.06.2006, Nr. 134 / Seite 39
