Digitale Literatur

Kunsttheoretische Spielerei mit Bestellfunktion: Frieder Rusmanns „Fabrikverkauf“

Von Roberto Simanowski

27. Mai 2001  Die Idee beginnt mit dem Geld: Wer am Netzkunstprojekt „Fabrikverkauf“ teilnehmen will, muss zunächst zahlen. Für 120 bis 170 Mark können die Nutzer online ein streng limitiertes, signiertes und zertifiziertes T-Shirt bestellen. Zur Wahl stehen derzeit 11 Motive (Bilder 1 und 2), wobei Modelle auf der Website auch gleich zeigen, wie das Produkt getragen - und damit als Kunst - aussieht (Bild 3).

Zur Kunst wird das Kunst-Hemd durch den Willensakt seines Besitzers. Zieht er sein T-Shirt über, wird er zu einer „Walking Exhibition“. So will es Frieder Rusmann, wie sich der Konzeptkünstler Johannes Auer für dieses Projekt nennt. Und er will noch mehr: Auf der Website des Projekts sollen die Besitzer, die zu Performern werden, ihren Auftritt ankündigen oder ihn mit Bildmaterial dokumentieren. Was zunächst etwas eigenwillig anmutet, steht in kunstgeschichtlicher Tradition.

Man denke etwa an Duchamps Konzept des „Ready Made“, durch das Klobecken zu Ausstellungsweihen kamen. Oder an Andy Warhol, der die mystische Einheit von Ware, Werbung und Kunstform in Realpräsenz schuf. Das Ergebnis dieser Avantgarde war die Ästhetisierung des Alltäglichen, Kommerziellen, Banalen. „Die Welt als T-Shirt“ heißt ein Buch des Kunsthistorikers Beat Wyss zum Thema - Johannes Auer ließ sich von dem Titel inspirieren. Seinen „Fabrikverkauf“ versteht er weiterhin als Kniefall vor Andy Warhols „Factory“.

Money, Götter und Parodie

Und noch jemand ist im Spiel: Walter Benjamin. In seinem vielzitierten Aufsatz „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ untersuchte der Schriftsteller und Philosoph den Verlust der Aura eines Kunstwerks durch seine Vervielfältigung. Auer begegnet diesem Verlust mit folgender Lösung: Zwar sind die T-Shirts keine Einzelstücke, dafür aber ihre Träger. Die Aura des reproduzierten Kunstwerks T-Shirt „hängt quasi parasitär an der Infusion der temporären Star-Einzigartigkeit des Trägers“. Denn dieser macht erst die Kunst, wenn er sie als wandelnde Ausstellung zur Schau stellt. En passant verweist Auer auf die „soziale Plastik“ von Beuys und fährt fort: Weil das T-Shirt dabei direkt auf der Haut liege und diese streichele und massiere, sanft mit jeder Bewegung, gelte zusätzlich Stiefonkel McLuhans berühmter Satz: „the medium is the massage“.

Man merkt, Auer setzt hoch an. Er versucht nicht nur, E-Kommerz zur Kunst zu verfremden, er macht sich auch über die Säulenheiligen avantgardistischer Ästhetik und Medientheorie lustig. Indem er die vorliegende Idee durch eine neue toppt, wird daraus - wenn man so will - schon wieder Kunst. Der Künstler ist natürlich ganz klar Auer und nicht der wie auch immer benannte und gewandte T-Shirt-Träger. Hier lautet McLuhan richtig übersetzt: Die Idee, nicht ihr Medium, ist die Message. Und wo bleibt das Internet?!

Webcommunity

Zunächst ist es ja Prospekt und Verkaufsplatz. Auf der Website kann man die Ware besichtigen und erwerben. Der zweite Aspekt ist die Besichtigung der Besichtigungen. Denn auf der Website findet man die Termine der bereits erfolgten und geplanten Ausstellungen und kann die eigenen ankündigen. Da heisst es dann beispielsweise: „Stuttgart/Flughafen // 16.12.00 Abflug 11h nach Atlanta // Olly <worst case> // - am Sonntag, 10. Dezember, 2000 um 23:02:32“. Das bedeutet: Der Kunde Olly trug am 10. Dezember das T-Shirt „Worst Case“ (Bild 4) auf dem Stuttgarter Flughafen. Wer einen genaueren Ausstellungsbericht haben will, klickt auf den Link und schreibt Olly eine Email - er hätte auch selbst hinfahren können, zum Flugplatz, an diesem Dezembersonntag gegen 10. Mitunter sind die Ausstellungen aber auch schon durch Fotos dokumentiert, wie etwa die des „Art is not your Ego“-Shirts durch den Künstler selbst am 5. November 1999 ab 13 Uhr in Berlin-Mitte (Bild 5).

Neben diesem Terminkalender gibt es ein Gästebuch mit Grußworten (darunter am 24. Februar 2000 auch Beat Wyss). Und ein Forum mit solch euphorischen Eintragungen wie der von Laura Wagner am 8. März 2000: „Endlich wieder Innovation, es gibt ja schon fast alles, man muss nur die Lücken finden ... Ich liiieeebe Kunst“. Oder kritischen Tönen wie denen von DJ Myll am 26. November 1999: „kunst und kommerz, das ist das letzte, verkauf deine t-shirts sonstwo aber nicht im web“. Man sieht, die Website ist Verkaufsfläche und Community-Plattform zugleich und macht sich mit dem happigen Eintrittspreis des T-Shirts schon wieder lustig über die Idee der verschworenen Netzgemeinde.

Webkonzeptkunst

Der Stuttgarter Konzeptkünstler Johannes Auer ist inzwischen mit verschiedenen Projekten im Netz bzw. in den digitalen Medien aufgetreten. Genannt seien sein „Pietistentango“, sein „Killerpoem“ oder seine Hypertext-Parodie zum „Arte Liter@turwettbewerb“, „Das Pferd am Handy“. Zu erwähnen ist auch „Worm Apllepie for Doehl“ als digitale Fortschreibung konkreter Poesie, die den Wurm in Reinhard Doehls berühmten Apfel-Gedicht zu digitalem Leben verhilft (Bild 6).

Mit „Fabrikverkauf“ hat Auer ein Netz-Projekt vorgelegt, das über das Reich der Digitalität hinausgeht. Im Real-Experiment klärt er die Frage, was E-Kommerz für die Kunst zu leisten vermag. Da hierbei das T-Shirt (als die Kleidungsform der Moderne) und das Netz (als das Medium unserer Zeit) zusammentreffen, ist dieses Projekt absolut auf der Höhe der Zeit. Eine digital-reale Spielform der Konzeptkunst, deren Parodie auf die stattfindende (und genutzte) Verkommerzialisierung des Internet man eigentlich gar nicht ernst genug nehmen kann.



Text: @kue
Bildmaterial: Johannes Auer

 
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