Designer ABC

„Designer ABC“

W wie Westwood

Von Simone Kaiser

13. Oktober 2005 2004 lief im Kino der Film „School of Rock“, in der ein schräger Rockmusiker zum Musiklehrer einer Musterschule mutiert und die Streber an der E-Gitarre trainiert. Würde Vivienne Westwood diese Hauptrolle spielen, hieße der Film „School of Punk“: Sie stünde im Tweedkostüm an der Tafel, das hennafarbene Haar hochtoupiert, das Gesicht kreidebleich geschminkt. Sie würde die Schüler lehren, wie sie ihre T-Shirts im rechten Winkel zerreißen und wie man „Sex Pistols“ buchstabiert. Vielleicht würde sie ihnen auch beibringen, wie man sich seinen eigenen Schmuck bastelt, was Westwood als Kind selbst gerne gemacht hat.

Besonders abwegig ist diese Idee aber gar nicht. Denn Vivienne Isabel Swire, 1941 geboren in der britischen Kleinstadt Glossop, ist eigentlich Grundschullehrerin: In den Sechzigern unterrichtete sie an mehreren Schulen im Londoner Süden. Auch ihr Ruf als Gastprofessorin an der Wiener Akademie für Angewandte Kunst und der Hochschule der Künste in Berlin (wo sie von 1993 bis im Sommer 2005 tätig war) ist durchweg positiv, sie gilt als engagierte Pädagogin. Und ohne Musik ist ihre Biographie sowieso undenkbar.

„Let it Rock“: Keimzelle der Punk-Bewegung

Westwood hat nicht nur Erstkläßler, sondern auch ihre Kundschaft erzogen: zu Kleidung die auffällig ist und extrovertiert, ungezogen und undiszipliniert. „Mode ist ein Gefühl, und die Menschen wollen das tragen, was sie fühlen wollen“, sagte Vivienne Westwood 1982. Ihre wilden und vulgären Entwürfe treffen den Nerv der Zeit und die Gefühle der damaligen Jugend, der die Angst vor dem Erwachsenwerden und der Hippie-Idylle im Nacken sitzt. Zusammen mit ihrem Lebenspartner Malcolm McLaren eröffnet sie 1971 in der Kings Road 430 einen kleinen Laden namens „Let it Rock“ - es wird die Keimzelle der Punk-Bewegung.

Der Laden wird in den nächsten Jahren noch „Too Fast to Live, Too Young to Die“, „Sex“, „Seditionaries“ und seit 1980 „World`s End“ heißen und eine Pilgerstätte für Punker aus aller Welt werden. McLaren und Westwood verkaufen zunächst Accessoires aus der Sado-Maso-Szene: Es wimmelt von Lack und Leder, Peitschen und Masken. Er bringt die Ideen hervor, sie setzt diese in Kleidung um. Zunächst verarbeitet Westwood Konfektionsware, appliziert Hühnerknochen, färbt, kürzt, zerreißt, verziert die Stücke mit Ketten von Toilettenspülungen, um ihnen einen aggressiven und lieblosen „Do-it-yourself“-Look zu geben. „Man mußte Mut haben, um hinein zu gehen“, erinnert sich eine damalige Kundin. 1976 stürmt McLaren, hauptberuflich Manager der Sex Pistols, in den Laden und läßt die Band von seiner Geliebten einkleiden. Bei jedem Auftritt werben die Punker nun für Westwoods Mode; wer ihre Mode mag, landet unweigerlich bei der Musik dieser Band. Auch die Polizei ist Stammkunde im „Sex“, es gibt mehrere Razzien, einmal werden McLaren und Westwood verhaftet, weil sie „eine unsittliche Entblößung öffentlich zur Schau gestellt haben“. Die Rede ist von einem T-Shirt, das den bezeichnenden Namen „Two Naked Cowboys“ trägt und zwei Westernhelden mit entblößten Penissen zeigt. Die Publicity ist unbezahlbar.

Rocky Horror Picture Show trifft auf Maskenball

Seit dieser Zeit balanciert Westwood, längst „Mutter des Punk“, auf hohen Plateau-Pumps stilsicher am Abgrund des schlechten Geschmacks entlang. Die Autodidaktin beginnt sich für Kostümgeschichte zu interessieren. Wie ein Ingenieursstudent einen Motor, so zerlegt sie Kleidungsstücke in ihre Einzelteile, um die Schnitte zu verstehen und die Kleider dann wieder zusammenzunähen.

Westwoods erste Kollektion unter dem Namen „Piraten“, beworben von McLarens jüngster Band „Adam and the Ants“, ist einige Jahre später der Auftakt einer ganzen Reihe von Themenkollektionen. Mit der „Buffalo Girls“-Show im matschfarbenen Camouflage-Look debütiert sie in Paris.

Westwood bringt selbst Naomi Campbell zu Fall

Bis heute ist jede von Westwoods Modeschauen eine Mischung aus venezianischem Maskenball und Rocky Horror Picture Show. Die Designerin hat viktorianische Klassiker wie die Crinoline neuinterpretiert (ihre „Mini-Crinis“ waren wohl die ersten Ballonröcke), hat das Korsett, Harris-Tweed, Tournüren und napoleonische Zweispitze auf dem Laufsteg präsentiert. Ihre 25-Zentimeter-Absätze brachten selbst eine Naomi Campbell zu Fall. Lange bevor es Alexander McQueen oder John Galliano (siehe auch: „Designer ABC“: G wie Galliano) gab, übersetzte sie den Rokoko-Stil in unsere Zeit. Inzwischen ist es ihre Spezialität, historische Kostüme mit provokanten aktuellen Trends zu kreuzen. Dabei bezieht Westwood ihre Inspiration schon mal aus Watteau- und Boucher-Gemälden - oder auch von Coco Chanel (siehe auch: „Designer ABC“: C wie Chanel).

Menschen sollen mit ihrer Mode „wichtig“ aussehen - und auch sie selbst kostümiert sich gerne. Ob mit roten Ringellöckchen als Elisabeth I. oder hochgeschlossen als „Maggie“ Thatcher: am liebsten verwandelt sich Westwood selbst in ein Kunstwerk, um immer wieder aus dem Rahmen zu fallen. Sie zeigt sich in aufreizender Pose, tief dekolletiert und glaubt: „Fashion is about sex.“ Als sie 1992 von der Königin zum “Officer of the Order of the British Empire“ ernannt wurde, ließ sich die ehemalige Punkerin für die Fotografen etwas besonderes einfallen. Westwood posierte in Marilyn-Monroe-Manier mit hochgewehtem Schottenrock - unter dem sie nichts weiter trug als eine durchsichtige Nylonstrumpfhose.

Das Designer ABC:

Ihre Träume sind aus Samt und Seide und spazieren auf langen Beinen über den Laufsteg: Passend zum Start der Modeschauen in New York, London, Mailand und Paris präsentiert FAZ.NET in einer werktäglichen Serie die großen Designer unserer Zeit. Von A wie Armani bis Z wie Zegna wirft das „Designer ABC“ jeden Tag Licht auf die Biographie eines Klassikers. Spot on!

Buchtipp: „Vivienne Westwood“, von Claire Wilcox, nicolai-Verlag, Oktober 2005.

Lesen Sie morgen im „Designer ABC“: „Y wie Yamamoto“



Bildmaterial: Nicolai-Verlag, picture-alliance / ANSA/EPA, picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa/dpaweb, picture-alliance / dpa/epa, picture-alliance/ dpa/dpaweb

 
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