Von Andrea Schneider
06. Juli 2004 Nach der Spur von Michel Fourniret muß man nicht lange suchen. Hier hatte der französische Mädchenjäger ein Grundstück, dort hat er ein Haus geerbt, und ein paar Kilometer weiter, ja, da hat Fourniret mal gearbeitet. Aber wirklich gekannt haben will ihn im Süden Belgiens und im Norden Frankreichs niemand: "Was heißt schon kennen?" Fourniret sei ein Eigenbrötler gewesen und kontaktscheu. "Korrekt" sei er ihm vorgekommen, brummt ein alter Mann mit Hut, ein früherer Nachbar. Mehr als "Guten Tag"" hätten er und Fourniret sich fast nie einander gesagt, meint ein anderer Nachbar im südbelgischen Sart-Custinne, wo Fourniret mit seiner Frau zuletzt wohnte.
Michel Fourniret, das ist der wegen Sexualdelikten vorbestrafte Franzose, ein früherer Waldarbeiter und Schulkantinenaufseher, der vergangene Woche neun Morde in Belgien und Frankreich zwischen 1987 und 2001 gestanden hat. Fourniret, das ist ein unscheinbar aussehender Zweiundsechzigjähriger, der zugibt, er habe pro Jahr zwei Mädchen - möglichst hübsch und jungfräulich - "gejagt", der also womöglich viel mehr Morde begangen hat, als bisher bekannt. Fourniret, das ist der Mann, der die Ermittler auf sein ehemaliges Schloß zu den vergrabenen Leichen einer Zwölfjährigen und einer Zweiundzwanzigjährigen führte, ohne mehr zu zeigen als Genauigkeitssinn und Geltungsbereitschaft.
Die blühende Gemeinde
Dort, im Ort Donchery nahe Schloß Sautou, ist das Ardennen-Idyll zauberhaft. Madame flaniert mit ihrem Hund die Dorfstraße entlang und grüßt Monsieur, der es mit zwei Baguettes unter dem Arm sehr eilig hat. Donchery, das ist französische Klischee-Provinz. Man nennt sich "die blühende Gemeinde": Rabatten, Töpfen, Blumenampeln überall. Mit seiner Blütenpracht hat Donchery zuletzt von sich reden gemacht - am Rathaus erinnert eine Gedenktafel an den großen Blumenwettwerb des Jahres 2000. Und jetzt Fourniret - und schon ist Donchery mit seiner Nähe zum Schloß des Schreckens in den Schlagzeilen. Die junge Frau hinter der Bäckereitheke seufzt: "So schön friedlich ist es hier normalerweise, und nun das. Ich bin sehr erstaunt."
Im Zeitungsladen von Donchery hat sich der Mann hinter der Theke seine Ansichten zum Fall Fourniret bereitgelegt. Er wartet nur darauf, daß jemand vorbeikommt, der sie hören will: Daß die Gendarmerie auf dem Schloßgelände - "meine persönliche Meinung!" - noch weitere Leichen finden werde, wenn sie nur gründlich genug grabe. Daß er für die Wiedereinführung der Todesstrafe ist. Und außerdem - jetzt ist er in Rage - knirscht er "chrrrk" und macht eine Hackbewegung in Höhe seines Schritts.
Das Haus von Fourniret
Wer von Donchery in Richtung Chateau du Sautou fährt, der hat Mühe, den spärlich beschilderten Weg durch den Wald zu finden. Auf breiten Forstwegen ist die Richtung dann leicht zu finden: Immer dort entlang, wo unzählige noch frische Reifenspuren den Weg geebnet haben. Der Weg endet an einem Absperrgatter. Die Luft ist dumpf und feucht, voll vom Modergeruch des feuchten Sommers. Es ist so still. Jemand hat ein paar Blumen in den Matsch gelegt, rosa und weiß, dazu ein Pappschild in Schönschrift: "Güte und Respekt sollten an diesen Ort zurückkehren können." Gutmütige Worte.
Noch ein paar Fahrminuten weiter, im Ort Floing, wo Fourniret vor seinem Umzug auf das Schloß gewohnt hat, erklären die Leute im Dorf eifrig den Weg zu Fournirets altem Haus: dort hinauf, nah am Feuerwehrhaus. Oben am Hang weist eine Frau den Weg. Sie habe sich gründlich informiert, sagt sie, ihre eigene Untersuchung zum Fall Fourniret gestartet. "Bloß für mich selbst", fügt sie schnell schüchtern hinzu - um besser zu verstehen, was sich da in ihrer Nachbarschaft ereignet hat. Sie marschiert energisch voran, in den Chemin Berilly, zum letzten Gebäude der Straße: "Bitte sehr, das Haus von Herrn Fourniret!" Und nimmt dann das "Herr" schnell zurück. Das Haus von Fourniret also. Auch "Haus" ist fast zuviel gesagt. Es ist ein simples Bauwerk aus groben grauen Quadern, mit einer grünen Lampe über dem Eingang. Sie glaube, es sei auch heute noch bewohnt, sagt die Frau noch im Gehen.
Hatte immer was zu buddeln
Kaum zu glauben, so schlicht ist es, eher eine geräumige Laube als ein Wohnhaus, mit Gardinen an einem der Fenster. Aber Monsieur Cade von nebenan bestätigt: Sicher sei das alte Häuschen bewohnt, seine eigene Mutter lebe schließlich da. Und jetzt wartet Gerard Cade auf den Arzt, denn, so sagt er, die Aufregung der letzten Zeit habe seine Mutter arg verstört: So viele Journalisten, so viele Kameras, das sei alles viel zu viel für eine Frau von 89 Jahren.
Der kräftige Mann hat selbst tiefe Schatten unter den Augen. Er hätte das nie erwartet von seinem Nachbarn: Mit ihm und seiner Familie getanzt und getrunken habe Fourniret, sogar bei der Kommunion einer der beiden Cade-Töchter sei er dabeigewesen. Allerdings, schiebt Cade zum Schluß nach, "ein wenig bizarr" sei Fourniret doch auch gewesen. Fourniret hatte das Häuschen in Floing zwischen 1987 und 1990 bewohnt, während noch Bauarbeiten im Schloß im Gange waren. Schließlich überließ er es dem Sohn der Cades günstig. Angesichts der Vorwürfe gegen Fourniret stockt Gerard Cade kurz, wenn er sich an seinen Nachbarn als überaus eifrigen Bauarbeiter und Heimwerker erinnert, der immer etwas zu buddeln gehabt habe an seinem kleinen Haus.
Wie konnten wir davon wissen?
Daß Fourniret die kleine Elisabeth zuerst in diesem Häuschen, von den Cades nur von einem bißchen Grün und Fournirets Caravan getrennt und gefangengehalten haben soll - Cade, der dreifache Vater, kann es nicht fassen. Freilich, erklärt er und zeigt in Richtung des Waldes gleich hinter dem Grundstück, Fourniret habe sich völlig unbemerkt davonmachen und auch über die Grenze nach Belgien schlagen können, ohne im Dorf gesehen zu werden. Den Hinweis auf den unauffälligen Weg über die Grenze hört man immer wieder in Floing, und fast klingt es entschuldigend: Wie sollten wir da etwas mitbekommen, wenn Fourniret auf die Jagd ging?
Mit dem Wenigen, was sie an Eindrücken von Fourniret haben, reden sich die Menschen in den kleinen Ardennenorten gründlich ihren Schrecken von der Seele. Als könnten sie damit die ganze Wahrheit endlich ans Licht zerren, das unerwartete Grauen gleichzeitig wegschieben, das sich über das Ardennenland gelegt hat wie eine dieser zinngrauen Regenwolkendecken, die eine heitere Landschaft schnell in eine düstere verwandeln.
Anfangs ein freundlicher Nachbar
Auf der belgischen Seite der Grenze, in Sart-Custinne, liegen die Häuser und Höfe still in der Nachmittagssonne. Auch hier, an Fournirets letztem Wohnort, liegt sein Haus am Ende der Straße, der Rue de Vencimont, das drittletzte Haus vor dem Ortsausgangsschild. Graubrauner Naturstein, weiße Fensterrahmen. Das Gartentor am weißen Lattenzaun steht offen. Pfingstrosen und Jasmin blühen. Hier war Fourniret bereits im Sommer vergangenen Jahres wegen der versuchten Vergewaltigung einer jungen Belgierin verhaftet worden. Bis dahin galt er in Belgien als unbescholten.
Das junge Mädchen von gegenüber nennt Fourniret einen "calculateur", einen, der präzise denkt und berechnet. Ein "calculateur" und dabei ganz in sich selbst versunken, das sei Fourniret gewesen, den sie "Michel" nennt. Anfangs ein freundlicher Nachbar. Plaudereien über dies und das, auch wenn er sich immer schon abgekapselt habe: "Immer hat er allein gearbeitet." Nie sei er zu Dorffesten oder anderen Veranstaltungen gekommen, nie in Urlaub gefahren. Und Monique Olivier, seine Frau? "Sehr unterwürfig", sagt die Neunzehnjährige. Ganz klar, meint sie, "Michel war der Chef". Irgendwann dann sei Michel unfreundlich geworden, wann genau, weiß sie nicht mehr - nur, daß er sich zu diesem Zeitpunkt einen bösartigen Hund angeschafft habe.
Ein geputztes, stummes Haus
Irgendwer hat an Fournirets Haus die beiden großen Fenster im Erdgeschoß von außen geputzt, kein Staub ist mehr daran, nur die fettigen Abdrücke von Fingern und plattgedrückten Nasen sind auf dem Glas zu sehen. Hinter der Scheibe ein Eßzimmer, drei Zierkürbisse noch auf dem Tisch, ein Altpapierkarton, ein Drehstuhl. Links an der Wand der Kalender 2003 eines China-Restaurants. Ein paar Schritte weiter, rechts neben der Haustür, das Küchenfenster, Suppenterrinen stehen drinnen auf dem Sims, daneben abgebröckelter Putz. Die Küchenuhr über dem Herd zählt mit ihrem roten Zeiger noch immer jede Sekunde in dem stummen Haus.
Bildmaterial: dpa/dpaweb, F.A.Z.