
In der Singener Kinderklinik wurden letztes Jahr 70 Jugendliche mit einer Alkoholvergiftung behandelt
28. März 2008 Es ist stockdunkel im Reutlinger Stadtpark. Von weitem ist die Silhouette eines kleinen Pavillons zu erkennen. Zwei Zigaretten glimmen in der Nacht. Ralf Brenner und Ulrich Hildebrand leuchten mit ihren Stabtaschenlampen auf eine Gruppe von Jugendlichen, die ihren Freitagabend trotz nasskaltem und regnerischem Wetter im Reutlinger Stadtpark verbringen. Ein Jugendlicher sagt: Jetzt greift wohl die Staatsmacht durch!“ Und Hildebrand antwortet, kaum hat er an einer Plastikflasche geschnuppert: Hey Leute, das riecht nach Jägermeister, das ist keine Brause!“
Brenner und Hildebrand sind Jugendsachbearbeiter der Reutlinger Polizei, mit ihren Streifengängen in Zivil wollen sie versuchen, Jugendliche vom exzessiven Alkoholkonsum abzuhalten und die sich daraus immer häufiger ergebenden Gewalttaten zu verhindern. Brenner leuchtet in die Büsche, der Strahl der Taschenlampe fällt auf eine große Jägermeister-Flasche. Wem gehört die?“ Einige Jugendliche zücken ihre Personalausweise, ein Achtzehnjähriger gibt sich als Käufer aus. Der Jägermeister stand aber bei denen, die noch nicht volljährig sind. Hey, erzählt mir nix“, sagt Hildebrand und kippt den Jägermeister ins Blumenbeet.
Anisschnaps statt Apfelsaftschorle
So ist es oft: Dreizehn- oder Vierzehnjährige schicken einen volljährigen Kumpel in den Supermarkt oder zur Tankstelle. Der kauft Wodka oder Billigschnaps. Auf Schulhöfen, in Parks oder an Tankstellen wird dann aus Red Bull, Pfirsichtee und Schnaps ein teuflisches Zeug gemischt. Wir haben jede Woche einen Jugendlichen, der mit zwei Promille oder mehr ins Krankenhaus eingeliefert werden muss“, sagt Hildebrand. Er notiert sich Namen und Telefonnummern und geht weiter durch den Stadtpark.
Auf einer kleinen Anhöhe stehen fünf Mädchen zusammen. Eine spielt ihren Freundinnen gerade einen Song des Hiphoppers Massiv“ vor. Darf ich fragen, was ihr trinkt“, sagt Hildebrand und hebt eine Plastikflasche vom Boden auf. Apfelsaftschorle“ steht auf dem Etikett, gefüllt ist sie aber mit Anisschnaps. Ich bin nicht die Einzige, die davon was getrunken hat“, sagt die etwas unsichere Diana. Brenner leuchtet in ihre Augen, die glasig und gerötet sind. Den Ouzo will sie von einer Schulfreundin bekommen haben. Diana ist 13. Wären die Polizisten eine Stunde später gekommen, hätten sie Diana nach Hause oder vielleicht sogar ins Krankenhaus bringen müssen, so sagen sie ihr nur, dass sie ihre Eltern anrufen werden.
In Freiburg ist Alkoholkonsum in Teilen der Innenstadt verboten
Reutlingen, eine wohlhabende Stadt mit 110.000 Einwohnern an den westlichen Ausläufern der Schwäbischen Alb, kämpft seit etwa drei Jahren gegen Alkoholexzesse Jugendlicher, die sich mit Fortschreiten der Nacht allzuoft zu Gewaltexzessen ausweiten – wie fast alle Städte in Baden-Württemberg. In den Karlsruher Straßenbahnen müssen die Stadtwerke nachts mehr Sicherheitspersonal gegen alkoholisierte Randalierer einsetzen. In Freiburg ist der Alkoholkonsum in Teilen der Innenstadt verboten, eine Sonderschicht der Polizei kontrolliert die Einhaltung des Verbots. In Konstanz ist das Alkoholtrinken an der Uferpromenade untersagt.
Allein in der Singener Kinderklinik behandelten die Ärzte im vergangenen Jahr 70 Jugendliche mit Alkoholvergiftung, vor zehn Jahren zählten die Ärzte gerade mal fünf Fälle. Vor allem das Vorglühen“, die kollektiven Sauforgien der Jugendlichen an Tankstellen oder auf Parkplätzen vor dem Disko-Besuch, ist zu einem Problem geworden. Die baden-württembergische Landesregierung arbeitet deshalb gerade an einem Gesetzentwurf, mit dem der Alkoholverkauf von 22 Uhr bis fünf Uhr an Tankstellen, Kiosken und sonstigen Verkaufsstellen verboten werden soll.
Auf Parkplätzen wird gefeiert und getrunken
Es ist 21.58 Uhr. Die Polizisten setzen ihre Streife fort. An einer Tankstelle haben sich neben Zapfsäulen und Verkaufskörben mit Motoröl ein paar Jugendliche verabredet. Einer hat mehrere Jack-Daniels-Dosen in der Tasche, ein anderer eine Flasche Cognac. Den Alkohol kaufen wir nicht an der Tanke, der ist zu teuer, wir wollten nur Cola nachkaufen“, erzählt einer. Was macht ihr hier, es gibt doch gemütlichere Orte?“, fragt Brenner. Aber zu antworten haben sie keine Lust.
Hildebrand und Brenner fahren zu einem Einkaufszentrum im Westen von Reutlingen, Problemörtlichkeit“. In einer früheren Spedition finden sich heute die Diskothek M-Park“ und ein Erotik-Shop. Das eigentliche Problem sind aber zwei Parkplätze zweier großer Supermärkte. Selbst bei Nieselregen kommen mehr als 200 Jugendliche am Freitagabend zum Trinken und Feiern auf die Parkplätze. Sie packen ihre Sixpacks aus und drehen ihre Autohifi-Anlagen auf. So sparen sie den Eintritt und müssen für ein Bier nicht 3,50 Euro zahlen wie in der Diskothek.
Ein Freitagabend ohne Ärger im E-Center“ ist die Ausnahme. In der neuen Polizeistatistik von Reutlingen sind erstmals mehr Gewaltdelikte als Diebstähle festgestellt worden. Vor einigen Monaten eskalierte die Situation. Die Geschäftsführung eines Supermarktes heuerte Männer von einer privaten Sicherheitsfirma an. Die treiben die Jugendlichen aus den Alb-Dörfern Engstingen oder Oferdingen nun auf den Parkplatz des benachbarten Discount-Marktes. An der Situation ändert das nichts. Hier sind unsere Freunde, die Disko ist zu teuer“, sagt die 17 Jahre alte Mira. Die meisten, die kommen, haben kein geregeltes Zuhause, das hier ist ihr Familienersatz“, sagt ihre Freundin Linda.
Die Eltern haben sich aus der Erziehung verabschiedet
Brenner und Hildebrand zeigen ihre Dienstausweise und riechen an den Flaschen. Auf dem Asphalt liegt Papier, unter den Schuhen knirschen Glasscherben. Hallöle, ich bin der Bernd aus Stuttgart“, sagt ein Jugendlicher. Du weißt, dass ihr das Schnapszeug erst trinken dürft, wenn ihr 18 Jahre alt seid“, sagt Hildebrand. Das gehört mir auch nicht, ich weiß nicht, wer das mitgebracht hat“, sagt der Jugendliche. Ich bin schon 18, ich pass auf, dass keiner von den Jüngeren was davon trinkt“, sagt Carsten. Die Polizisten klären ihn auf, dass es strafbar ist, wenn er seine noch nicht volljährigen Kumpels mit Alkohol versorgt. Das kann teuer werden“, sagt Brenner. 75 Euro, und die habt ihr doch wahrscheinlich nicht.“
Brenner und Hildebrand erklären, dass sie den Jugendlichen Grenzen zeigen wollen. Die Eltern haben sich aus der Erziehung verabschiedet. Die Schule, die Jugendsozialarbeiter sollen zuständig sein, nur sie selbst nicht.“ Vor wenigen Wochen haben ein Vierzehn- und ein Sechzehnjähriger in Reutlingen einen 30 Jahre alten Mann brutal verprügelt. Er wäre vermutlich gestorben, wenn die Täter nicht unterbrochen worden wären. Nun werden sie wegen versuchten Totschlags angeklagt. Es ist auch die Zunahme der Brutalität der Gewaltdelikte, die uns Sorgen macht. Früher kam es nicht so häufig vor, dass bei einer Prügelei gezielt auf den Kopf geschlagen wurde, auch wenn das Opfer schon am Boden lag“, sagt Hildebrand, der seit 15 Jahren Jugendsachbearbeiter ist.
Die beiden Polizisten haben jetzt fast den gesamten Parkplatz abgeschritten und sind schon wieder ein Stück zurück zu ihrem Dienstwagen gegangen, als ihnen ein Jugendlicher mit einer weit geschnittenen Sporthose auffällt. Es ist Michael, 16 Jahre alt, aus der Hosentasche schaut ein Wodkaflaschenhals. Vor vier Wochen haben wir ihn mit 3,0 Promille angetroffen“, erzählt Hildebrand. Jetzt muss er pusten. 2,0 Promille ist ganz normal für mich, ey, bringt mir noch zwei Wodka, dann habe ich vier Promille und ihr könnt mich mitnehmen“, lallt Michael. Der Alkoholomat zeigt 2,08 Promille. Der Werdegang ist vorgezeichnet“, sagt einer der herbeigerufenen Streifenpolizisten. Hildebrand hat Michaels Mutter angerufen, sie soll ihren Sohn abholen. Ich soll Ihnen von ihm ausrichten, er sei ganz normal“, sagt die Mutter später zu Ulrich Hildebrand. Lassen Sie ihn heute keinesfalls mehr vor die Tür“, gibt ihr der Polizist zurück.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Marcus Kaufhold