Kunstraub

Der Dieb, der mit dem Lastwagen kam

Anonyme “Kunstklappe“ in Köln: Wohl zu klein für die gestohlenen Skulpturen aus London

Anonyme "Kunstklappe" in Köln: Wohl zu klein für die gestohlenen Skulpturen aus London

02. Februar 2006 Scotland Yard steht vor einem Rätsel. Seit Monaten verschwinden in und um London riesige Bronzeskulpturen von öffentlichen Plätzen und aus Parks. „Wir sind sehr besorgt, weil die Täter sich offenbar nicht über den Wert dieser Skulpturen im Klaren sind und sie sicher schwer beschädigen“, sagt Kommissar Vernon Rapley, der bei der britischen Polizei für Kunst und Antiquitäten zuständig ist. Rapley fürchtet sogar, daß die tonnenschweren Kunstwerke nur für ihren reinen Materialwert eingeschmolzen werden.

„Unwahrscheinlich“, winkt dagegen der ehemalige Polizist Dick Ellis ab, der jetzt für eine private Sicherheitsfirma arbeitet. Er wittert Kunsthandel auf globaler Ebene. „Nur für den Schrott würden die Diebe sich nicht solche Mühe geben“, sagt er nach einer Untersuchung der Fälle.

Einzeln „unverkäuflich“

„Reclining figure” von Henry Moore

„Reclining figure” von Henry Moore

Rund 20 riesige Bronzen verschwanden in den vergangenen Monaten in der Großregion London. Jüngstes Opfer der geheimnisvollen Diebstahlserie ist eine Skulptur der Gruppe „The Watchers“ von Lynn Chadwick, die vom Gelände der Universität von Roehampton im Südwesten Londons gestohlen wurde. Die Figur, die zu einer Gruppe von drei Bronzeskulpturen gehört, ist mehr als zwei Meter hoch und muß von mindestens acht Männern weggeschleppt worden sein. Ihr Wert wird auf 600.000 Pfund (872.000 Euro) geschätzt - aber ohne die beiden anderen Figuren der Gruppe „ist das Teil unverkäuflich“, sagt Rapley.

Das dürfte allerdings bei der Figur „Liegender“ (Reclining Figure) von Henry Moore anders sein, die Mitte Dezember vom Gelände der Henry-Moore-Stiftung in Hertfortshire nördlich der britischen Hauptstadt gestohlen wurde. Die Stiftung hat mittlerweile eine Belohnung für Hinweise ausgesetzt, die zur Wiederbeschaffung der Figur führen könnten. Während Rapley fürchtet, daß die Skulpturen längst eingeschmolzen sind, wittern Kunst- und Diebstahlsexperten einen clever durchdachten Coup. „Der Wert dieser Dinge als Kunstgegenstand ist doch viel höher als ihr Schrottwert“, sagt Alexandra Smith, die für eine Internetsuchmaschine für gestohlene Kunstobjekte arbeitet.

Ganz genau geplant

Privatdetektiv Dick Ellis ist sich sogar ganz sicher: „Ich glaube nicht, daß die für ihren Schrottwert gestohlen wurden, dafür ist das Ganze viel zu genau geplant worden“, sagt der Ex-Polizist. Für die Henry-Moore-Skulptur hätten die Diebe sogar extra einen Lastwagen gestohlen, um das schwere Teil bis zu einem anderen Fahrzeug zu transportieren. „Wenn Sie etwas stehlen, um es kaputtzuhauen und einzuschmelzen, würden Sie dann extra eine weitere Straftat begehen, um diesen Diebstahl möglich zu machen?“, zweifelt Ellis. Er vermutet, daß die Skulpturen an reiche Kunstliebhaber in Osteuropa verkauft wurden.

Scotland-Yard-Mann Vernon Rapley schließt derzeit noch keine Variante aus. Doch er ist besorgt darüber, daß so wenig Informationen im Zusammenhang mit den Diebstählen durchsickern. „Normalerweise, wenn es eine Häufung solcher Taten gibt, dann hören wir auch etwas von unseren Informanten.“ Doch diesmal herrsche absolutes Schweigen. „Es ist, als wären die Gegenstände völlig verschwunden. Deshalb fürchten wir, daß sie entweder eingeschmolzen oder ins Ausland gebracht wurden.“

Text: FAZ.NET mit Material von AFP
Bildmaterial: dpa/dpaweb, picture-alliance / dpa, picture-alliance/ dpa/dpaweb

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