Fall Fourniret

Noch lange nicht am Ende

05. Juli 2004 Der mutmaßliche Serienmörder Michel Fourniret hat französischen Ermittlern anvertraut, er habe jedes Jahr zwei Mädchen "gejagt". Das hat Staatsanwalt Yves Charpenel aus Reims in einem am Montag veröffentlichten Gespräch mit der Zeitung "Le Parisien" berichtet. Er gab damit den Spekulationen Auftrieb, daß Fourniret mehr Verbrechen begangen haben könnte, als er bisher zugegeben hat.

Seit Mitte vergangener Woche hat der 62 Jahre alte ehemalige Waldarbeiter zugegeben, insgesamt neun Menschen zwischen 1987 und 2001 umgebracht zu haben. Fourniret hat bisher behauptet, in den Jahren 1990 und 2000 keine Opfer getötet zu haben. Neben den Ermittlern in Frankreich und Belgien interessiert sich offenbar auch die Justiz in Deutschland, Dänemark und den Niederlanden für Fourniret. Auch seine ebenfalls festgenommene Frau Monique Olivier, die inzwischen ihre Beteiligung an der Entführung mehrerer Opfer zugegeben hat, wurde am Montag abermals von der Staatsanwaltschaft im belgischen Namur verhört.

Leichensuche im Schloßpark

In dem Fall sollen nun mindestens 30 Vermißten- und Mordfälle neu geprüft werden. Das teilte die Polizei in Paris am Montag mit. In diesen Fällen soll geklärt werden, ob der Zweiundsechzigjährige als Täter in Frage komme. Fourniret hatte in den vergangenen Tagen in seiner belgischen Haft neun Morde gestanden. Die Ermittler gewannen dabei den Eindruck, daß er für weitere Gewalttaten verantwortlich sein könnte. Die Ermittler wollen feststellen, ob Fournirets Aufenthaltsorte und die bekannten Elemente über den Tathergang in den "mindestens 30 Fällen" auf eine Täterschaft des Serienmörders schließen lassen.

"Wir stehen am Anfang sehr langer Ermittlungen", sagte Staatsanwalt Yves Charpenel. "Wir haben noch weitere Überraschungen zu erwarten." Fourniret sei ein Schachspieler, sagte Charpenel. Er wisse, daß er den Rest seines Lebens im Gefängnis verbringen werde, versuche aber dennoch immer zu zeigen, daß er die Situation beherrsche. Bei der Leichensuche im Schloßpark am Samstag "waren 200 Leute um ihn herum, ein Hubschrauber kreiste über seinem Kopf und man spürte, daß er in seinem Element war". Fourniret spreche nur mit ausgewählten Staatsanwälten: "Er läßt die Informationen nur tröpfchenweise raus und hat ein boshaftes Vergnügen daran, uns verrückt zu machen."

Grenzüberschreitender Datenaustausch

Der auch im Fall Fourniret in der Vergangenheit offenkundig mangelhafte Informationsaustausch zwischen den belgischen und französischen Justizbehörden hat die Diskussion über die Einrichtung eines EU-Strafregisters beflügelt. Daß der seit 1992 in Belgien lebende Fourniret bereits in den sechziger Jahren und achtziger Jahren in seiner französischen Heimat einschlägig vorbestraft worden war, war den belgischen Behörden offenbar bis zum vergangenen Jahr weitgehend unbekannt. Damals war Fourniret bei dem Versuch, ein 13 Jahre altes Mädchen in Südbelgien zu entführen, verhaftet worden. Bis zu diesem Zeitpunkt galt Fourniret, der schon zuvor im Zusammenhang mit mehreren Sexualdelikten in Belgien gebracht worden war, als unbescholtener Mann.

Die Europäische Kommission hatte Ende vergangener Woche angekündigt, sie wolle noch vor Jahresende Gesetzesvorschläge zum besseren grenzüberschreitenden Datenaustausch zu mutmaßlichen Straftätern vorlegen. Als Vorbild soll ein von der Kommission angeregter und von den EU-Regierungen im Grundsatz gutgeheißener Informationsaustausch zur Bekämpfung terroristischer Straftaten dienen. Demnach sollen künftig die den Mitgliedstaaten vorliegenden Daten über schwere Verbrechen den zuständigen Behörden aller 25 EU-Länder zugänglich sein.

Europäisches Vorstrafenregister

Der Vorsitzende der CDU/CSU-Europaabgeordneten, Hartmut Nassauer (CDU), forderte den designierten neuen portugiesischen EU-Kommissionspräsidenten Jose Manuel Barroso auf, sich vorrangig um das Gesetzesvorhaben zu kümmern. "Es kann nicht angehen, daß es in Europa keine Grenzen für Kriminelle gibt, aber sehr wohl für den Datenaustausch", sagte der frühere hessische Innenminister dieser Zeitung. Es sei zwar richtig, daß sich die Datenschutzregeln von Land zu Land unterschieden. Aber alle EU-Länder seien Rechtsstaaten, in denen ein bestimmter Grundsockel an Schutzvorschriften garantiert sei. Nassauer forderte ferner, die Rolle des EU Polizeiamts Europol bei der Zusammenarbeit der einzelstaatlichen Behörden zur Verbrechensbekämpfung zu stärken.

In den Niederlanden wollen Regierungs- und Oppositionsparteien die derzeitige EU-Präsidentschaft ihres Landes nutzen, um entsprechende Pläne voranzubringen; das ergab eine Umfrage der niederländischen Agentur anp vom Montag. Die in Den Haag ansässigen Organisationen Europol und Eurojust könnten als Informationsmakler zwischen den nationalen Polizei- und Justizbehörden fungieren. Dort könne die Grundlage für ein europäisches Strafregister angesiedelt sein. Auch die Briten dringen nach Informationen aus der EU-Kommission auf eine europäische Zusammenarbeit gerade zur Verfolgung von Sexualstraftätern.

Bislang hat die Einrichtung eines europäischen Vorstrafenregisters im zuständigen Justizministerrat nur eine Nebenrolle gespielt. Einen Vorstoß der EU-Kommission aus dem Jahr 2001 verfolgten die Minister bisher nicht weiter. Auch als Spanien das Thema nach einem grenzüberschreitenden Kriminalfall mit Frankreich im vergangenen September abermals auf die Tagesordnung eines Ratstreffens brachte, winkten die meisten Ressortchefs ab: Ein solches Register wollten sie allenfalls für bestimmte Delikte. Vor Ende des Jahres will die Kommission nun einen konkreten Vorschlag vorlegen. Denkbar erscheint, daß in ein Vorstrafenregister alle 32 Delikte eingehen, die auch die Grundlage für eine Anwendung des europäischen Haftbefehls bilden. Dazu gehören mit Vergewaltigung, Totschlag und Freiheitsberaubung die einschlägigen Straftaten in Fällen wie dem des Franzosen Fourniret.



Text: now., Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.07.2004
Bildmaterial: dpa/dpaweb

 
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