18. April 2006 Nach dem Überfall auf einen Deutschafrikaner in Potsdam hat Generalbundesanwalt Kay Nehm die Ermittlungen wegen versuchten Mordes an sich gezogen. Ein Sprecher der Bundesanwaltschaft verwies am Dienstag auf den möglichen rechtsextremistischen Hintergrund der Tat als Grund für das Einschreiten Nehms. Die Polizei hat Stimm-Aufzeichnungen der beiden mutmaßlichen Täter unter der Adresse www.internetwache.de im Internet veröffentlicht und erhofft sich dadurch weitere Hinweise.
Der 37 Jahre alte Ingenieur war überfallen worden, während er seiner Frau eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter hinterließ. In der Aufzeichnung ist zu hören, wie die Täter ihn als Nigger beschimpfen. Potsdams Oberbürgermeister Jann Jakobs äußerte sich entsetzt über die Tat. Der Zentralrat der Juden, Linkspartei und Grüne warfen der Politik schwere Versäumnisse vor. Der aus Äthiopien stammende Wasserbauingenieur liegt nach Aussage seiner Ärzte weiterhin im künstlichen Koma und schwebt in Lebensgefahr.
Zwei Männer oder ein Paar?
Ein Polizeisprecher sagte am Dienstag, bisher hätten die Ermittler acht Hinweise aus der Bevölkerung erhalten. Dabei gehe es um die Personenbeschreibung der Täter. Sie würden ebenso geprüft wie die Spuren vom Tatort. An der Straßenbahnhaltestelle hätten die Ermittler Finger- und Schuhabdrücke sowie biologische Spuren wie Hautabreibungen sichergestellt. Sie würden von Experten des Landeskriminalamtes untersucht. Auch die eher kleine rechtsextreme Szene in der brandenburgischen Hauptstadt werde überprüft. Weiter unklar sei, ob es sich bei den beiden Täter um zwei Männer oder ein Pärchen handele, sagte der Sprecher. Auf dem Band sei eine hohe Stimme zu hören, die einer Frau gehören könne.
Der Deutschafrikaner war in der Nacht zum Sonntag kurz vor vier Uhr an einer Haltestelle in Potsdam zunächst mit fremdenfeindlichen Äußerungen beschimpft und danach zusammengeschlagen worden. Der Vater zweier Kinder erlitt schwerste Schädel- und andere Knochenverletzungen. Ein Taxi-Fahrer fand den Mann, konnte zwei flüchtende Personen aber nicht mehr einholen. Einer der beiden soll eine Glatze und eine kräftige Statur haben und eine Bomberjacke getragen haben. Die andere Person wird als kleiner und kurzhaarig beschrieben. Dem Opfer wurden nach Polizeiangaben auch 200 Euro Bargeld geraubt. Unklar ist nach Aussage der Ärzte, ob der Mann bleibende Schäden davontragen wird. Als Reaktion auf die Tat demonstrierten am Montag etwa 400 Menschen in Potsdam gegen Rechtsextremismus und Neonazis.
Potsdam will Zeichen der Toleranz setzen
Mit großer Bestürzung reagierte die Leibniz-Gesellschaft auf den rassistischen Überfall auf ihren Wissenschaftler. Das Opfer arbeite seit 2001 am Leibniz-Institut für Agrartechnik Potsdam-Bornim, hieß es in einer Mitteilung. Der frühere Präsident der Leibniz-Gesellschaft, Hans-Olaf Henkel, habe aus seinem Privatvermögen die schon ausgesetzten Belohnungen für Hinweise zur Ergreifung der Täter um 5000 Euro aufgestockt.
Der Generalsekretär des Zentralrats der Juden, Stephan Kramer, warf der Politik schwere Versäumnisse vor. Derartige Fälle seien das Ergebnis einer verfehlten Jugend- und Bildungspolitik, sagte er der Berliner Zeitung Tagesspiegel. Wer sich nicht um die Jugendlichen vor Ort kümmert, braucht sich nicht zu wundern, wenn dies NPD oder DVU übernehmen. Kramer forderte die große Koalition auf, die Mittel für Jugendprogramme und Programme gegen Rechtsextremismus nicht zu kürzen. Die Linkspartei wies der Union eine Mitschuld zu. Die teilweise schrillen Töne der Union in der aktuellen Integrationsdebatte tragen dazu bei, daß Migrantinnen und Migranten von vielen nur als belastend und störend empfunden werden, erklärte die Innenexpertin der Linksfraktion, Ulla Jelpke. Ähnlich äußerten sich die Grünen.
In Potsdam soll nach den Worten von Oberbürgermeister Jakobs ein Aktionskreis gegen Rechtsextremismus tagen. Die Gruppe werde überlegen, wie die Stadt ein Zeichen der Toleranz setzen könne, sagte Jakobs. Er äußerte sich schockiert über die Tat, die die Atmosphäre der Weltoffenheit in Potsdam zunichte gemacht habe. Ein für Herbst geplante Ärztekongreß sei deshalb schon von den Veranstaltern abgesagt worden. In einem Fernsehinterview sprach Jakobs von einer Einzeltat. In Potsdam gebe es zwar keine organisierte rechte Szene, aber etwa 100 Sympathisanten.
Text: FAZ.NET mit Material von Reuters, dpa
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