17. Oktober 2006 Fälle wie jener des kleinen Mehmet aus Zwickau sind Ulrike Böhm bestens bekannt. Die 41 Jahre alte Rechtsmedizinerin von der Universität Leipzig leitet ein Forschungsprojekt zu tödlicher Mißhandlung und Vernachlässigung von Kindern. Rund 1000 Todesfälle aus ganz Deutschland in den Jahren 1990 bis 1999 hat die Rechtsmedizinerin mit Kollegen durchgeschaut. Es war eine mühsame Arbeit, denn neben den Sektionsunterlagen zogen die Wissenschaftler alle anderen greifbaren Dokumente heran: Täterverhöre, Zeugenvernehmungen, Gerichtsprotokolle und Urteilsbegründungen.
Ihre Ergebnisse hat Böhm noch nicht veröffentlicht, aber einige Erkenntnisse kann sie gleichwohl bekanntgeben. So sind ein bis vier Jahre alte Kinder besonders von Mißhandlung und Vernachlässigung betroffen. Die häufigste Todesursache ist wiederholt ausgeübte Gewalt gegen den Kopf oder Tritte in den Bauch. Eher selten sind Verhungern und Verdursten. Meist handelt es sich um männliche Täter. So war es nach Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft auch beim vier Jahre alten Mehmet, der am Freitag an Hirnblutungen starb. Mehmets Vater hat gestanden, das Kind mißhandelt zu haben. Allerdings haben die Rechtsmediziner herausgefunden, daß wesentlich häufiger die neuen Partner der Kindsmütter zu Tätern werden.
Schütteltrauma kann leicht verwechselt werden
Die Leipziger Forscher haben für ihr Projekt medizinische, kriminologische und soziologische Ansätze gewählt. Jeden einzelnen Fall untersuchten sie nach bis zu 200 Kriterien. Wer war der Täter? Ist er seinerzeit selbst mißhandelt worden? Sind schon andere Kinder in der Familie auf unnatürliche Weise ums Leben gekommen? Hat der Täter Substanzmißbrauch betrieben? Tatsächlich scheint Suchtverhalten keine so zentrale Rolle zu spielen, wie man nach dem Tod des kleinen Kevin in Bremen (dessen Leichnam sein drogenabhängiger Vater im Kühlschrank verbarg) oder weiterer Fälle annehmen könnte.
Dafür, daß Kinder im Osten Deutschlands häufiger an Mißhandlung oder Vernachlässigung sterben als im Westen, haben die Leipziger Forscher keine Belege gefunden. Auch sieht Böhm die Aussage des Kriminologen Christian Pfeiffer, das Risiko für Kinder in Ostdeutschland, von ihren Eltern mißhandelt zu werden, sei gut doppelt so hoch wie für Kinder in Westdeutschland, durch ihre Ergebnisse nicht bestätigt. Der Unterschied liegt eher zwischen Großstadt und ländlichem Raum. Allerdings wissen die Forscher nicht, ob Mißhandlung und Vernachlässigung in Städten eher auffällt oder Ärzte auf dem Land bei toten Kindern eher von weiteren Untersuchungen absehen. Ein Problem ist beispielsweise das Schütteltrauma, das man leicht mit dem Plötzlichen Kindstod verwechseln kann. Aufklärung bringt erst eine Sektion. Die Rechtsmedizinerin fordert deshalb - wie in Hamburg schon praktiziert - eine Sektionspflicht für alle Kinder, die zu Hause tot aufgefunden werden.
Der Fehler liegt im System
Das Forschungsprojekt soll dazu dienen, staatlichen Stellen Hinweise für ihre Arbeit zu geben. Deshalb lautet eine wichtige Forschungsfrage: War der Fall dem Jugendamt bekannt? Und tatsächlich kannten die Behörden die Fälle von Kindern, die später getötet wurden, häufig. Aber auf die Ämter einzuschlagen ist nicht richtig, denn der Fehler liegt im System. Es gebe viel zu wenige Fachleute für eine intensive und langfristige Betreuung. Als drastisches Beispiel nennt Böhm einen Fall aus Dresden. Dort war vor rund zehn Jahren ein Kind in eine Pflegefamilie gegeben worden, weil es von seinen Eltern mißhandelt wurde. Das Kind entwickelte sich prächtig. Als die leibliche Mutter einen neuen Partner hatte, forderte sie ihr Kind zurück. Wenige Monate später war das Kind dann totgeschlagen. Eine kontinuierliche Nachkontrolle war im System nicht vorgesehen.
Ihre Berufspraxis führt Böhm zu der Erkenntnis, daß die Zahl der Eltern zunimmt, die ihre Kinder nicht adäquat und liebevoll aufziehen können. Die Zahl der Jungen und Mädchen mit Hämatomen, Schädelbrüchen, mehrseitigen Verletzungen und Schütteltrauma sei erschreckend. Es gebe immer mehr erziehungsunfähige Eltern. Und in Teilen sieht Böhm darin ein ostdeutsches Phänomen. Ich spreche von jenen zwischen 20 und 25, die zur Wendezeit aufgewachsen sind. Deren Eltern verloren damals häufig mit der Arbeit auch ihre Orientierung und kümmerten sich nicht mehr um die Kinder. Nun selbst Eltern, seien diese Kinder nicht in der Lage, ihrem Nachwuchs Nestwärme zu geben. Sie wissen nicht, wie man sich verhält, wenn einen ein Kind zur Weißglut bringt, sagt Böhm, selbst Mutter dreier Kinder. Sie haben keine Konfliktbewältigungsstrategien - und schlagen zu.
Text: F.A.Z., 18.10.2006, Nr. 242 / Seite 9
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