Gammelfleisch-Skandal

Münchner Großhändler erhängt sich in seinem Haus

Ermittlungen im Haus des Münchner Großhändlers

Ermittlungen im Haus des Münchner Großhändlers

06. September 2006 Der Hauptbeschuldigte im Gammelfleischskandal, der Münchner Großhändler Georg Bruner, hat sich das Leben genommen. Bruner habe sich am Mittwoch morgen im Keller seines Münchner Wohnhauses erhängt und keinen Abschiedsbrief hinterlassen, berichtete die Polizei. Die Ehefrau habe ihn gegen 7.30 Uhr gefunden. Der Leiter der Münchner Sonderkommission „Kühlhaus“, Josef Wilfling, sagte, die Ermittler seien „einer Art Döner-Mafia“ auf der Spur. Bruner habe weltweit auch minderwertiges Fleisch gekauft und an 2500 Kunden weiterverkauft. Das sei „ein unglaubliches Geflecht“.

Der 74 Jahre alte Großhändler sei am Mittwoch um 6 Uhr zum Frühsport in den Sportraum im Keller gegangen. Als er zum Frühstück noch nicht zurück gewesen sei, habe die Ehefrau nachgesehen und ihn erhängt am Treppenaufgang gefunden. Der Polizei erklärte die Ehefrau, daß ihr Mann in den vergangenen Tagen sehr unter der Medienberichterstattung über den Skandal gelitten habe. Auch anderen Familienmitgliedern habe Bruner mehrmals Andeutungen gemacht, daß er den Druck nicht mehr aushalte, sagte Wilfling. „Er sah sich nicht ganz gerecht behandelt.“ Außerdem habe dem Betrieb offenbar schon vorher die Insolvenz gedroht.

Einer „Döner-Mafia“ auf der Spur

Razzia im Münchner Kühlhaus Johanneskirchen

Razzia im Münchner Kühlhaus Johanneskirchen

In Bruners Tiefkühlhallen hatten Kontrolleure bisher weit mehr als 60 Tonnen ungenießbares Fleisch sichergestellt, sagte der Soko-Chef. „Es gab Umetikettierungen, Haltbarkeitsdaten wurden geschwärzt und überklebt.“ Der Betrieb habe tonnenweise Dönerspieße zum Teil kurz vor Ablauf des Haltbarkeitsdatums aufgekauft, teilweise jahrelang gelagert, aufgetaut, wieder eingefroren und an fast 2500 Kunden in ganz Deutschland weiterverkauft. Weitere 50 Kunden seien in Österreich, den Niederlanden und anderen Nachbarländern.

„Da zeichnet sich so eine Art Döner-Mafia ab“, sagte Wilfling. Die genauen Strukturen von Händlern und Abnehmern seien ziemlich verwirrend, „da stehen wir noch ganz am Anfang“, sagte der Chefermittler. „Es wäre aber unfair, alle Dönerbuden unter Generalverdacht zu stellen.“ Nur ein kleiner Teil versuche sich mit kriminellen Methoden zu bereichern. Der Soko-Chef kritisierte, daß bislang aus dem Kreis der Kunden des Großhändlers wenig verwertbare Informationen kämen. „Wir wären froh wenn sich jemand melden würde, solche Zeugen suchen wir.“

Fleisch aufgekauft, gelagert, aufgetaut, vertrieben

Bruner habe weltweit bis nach Thailand und Brasilien Fleisch aufgekauft. Es sei dann zum Teil jahrelang gelagert, aufgetaut und weitervertrieben worden. „Er hat minderwertige Ware für teures Geld verkauft“, betonte Wilfling. Insgesamt seien in seinen Kühlhallen zuletzt 400 Tonnen Lebensmittel, hauptsächlich Fleisch, gewesen. Die Überprüfung dauere bis mindestens Ende der Woche.

Der Münchner Oberstaatsanwalt Franz Gierschick erklärte, daß dagegen die 16 Mitarbeiter von Bruners Firma wertvolle Aussagen gemacht hätten. Die Buchführung des Unternehmens sei jedoch so verworren, daß kaum festzustellen sei, was, wann, wo gekauft, gelagert und geliefert worden sei. Bruner selbst habe bei seinen Vernehmungen keine Angaben gemacht. Bayerische Kontrollbehörden waren schon im Februar von ihren Kollegen in Mannheim auf eine verdorbene Fleischlieferung aufmerksam gemacht worden, hatten bei einer Prüfung in dem Tiefkühllager aber nichts gefunden.

Merkel für zentrale Informationsdatei

Nach Angaben der Europäischen Union haben zwei bayerische Betriebe Fleisch mit abgelaufenem Haltbarkeitsdatum und andere Lebensmittel in insgesamt neun EU-Staaten geliefert. Die „Bild“-Zeitunga zitiert dazu einen nicht genannten EU-Sprecher. Seinen Äußerungen zufolge seien in einem bayerischen Betrieb zwar rund 50 Tonnen Fleisch, Lebensmittel und Gemüse mit überschrittenen Haltbarkeitsdaten gerade noch gestoppt worden, trotzdem Waren aber noch nach Tschechien, Italien, Dänemark, Frankreich und in die drei Benelux-Staaten geliefert worden, ehe die Behörden eingreifen konnten. „Diese Länder wurden informiert, so daß sie verdächtige Waren aufspüren und vom Markt nehmen können“, so der EU-Sprecher.

Nach den jüngsten Funden von ungenießbarem Fleisch war ein Streit zwischen Bund und Ländern um Kontrollen und das Weiterleiten von Informationen entbrannt. Bundeskanzlerin Angela Merkel schlug die Einrichtung einer zentralen Informationsdatei im Kampf gegen den Handel mit Gammelfleisch vor. Dies heiße nicht, daß die Bundesregierung die Kontrolle übernehme. Es bedeute aber schon, daß die Länder sich zu einer gemeinsamen Plattform bereit erklären müßten, um ihre Informationen auszutauschen. Merkel forderte die Bundesländer zudem auf, dem Verbraucherinformationsgesetz der Bundesregierung zuzustimmen.

Text: FAZ.NET
Bildmaterial: ddp, dpa

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