Prozeß

Eltern der verhungerten Jessica vor Gericht

Kuscheltiere auf Jessicas Grab

Kuscheltiere auf Jessicas Grab

24. August 2005 Unter großem öffentlichem Interesse hat am Mittwoch vor dem Schwurgericht am Landgericht Hamburg der Prozeß gegen die Eltern des Mädchens Jessica begonnen, die ihr Kind verhungern ließen. Zunächst wurde die Anklage verlesen, dann vertagte sich das Gericht.

Der Anwalt der Mutter kündigte an, daß sie sich zu ihrer Schuld bekennen werde. Die Anklage lautet auf Mißhandlung einer Schutzbefohlenen und Mord durch Unterlassung, wobei Grausamkeit als besonderes Mordmerkmal genannt wird. Die Staatsanwaltschaft wirft den Eltern vor, die Tochter „gröblichst vernachlässigt zu haben, so daß diese sich weder körperlich noch geistig auch nur ansatzweise altersgerecht entwickeln konnte“.

Hamburgs Bürgermeister Ole von Beust auf der Beerdigung von Jessica im März

Hamburgs Bürgermeister Ole von Beust auf der Beerdigung von Jessica im März

In gegenseitigem Einverständnis hätten Mutter und Vater beschlossen, ihre Tochter sterben zu lassen. Die Verhandlung ist auf zehn Tage angesetzt. Sechs Sachverständige und sieben Zeugen werden erwartet. Den Eltern drohen fünfzehn Jahre Haft.

Sie hatte nur noch das Gewicht einer Zweijährigen

Der Fall hatte überall in Deutschland Entsetzen hervorgerufen: In einer Hochhauswohnung in Hamburg-Jenfeld starb das sieben Jahre alte Mädchen, nachdem es offenbar monatelang die schrecklichsten Torturen hatte erleiden müssen. Das Kind wurde wie eine Gefangene gehalten. Es durfte sein Zimmer nicht verlassen, auch nicht, um auf Toilette zu gehen. Die Fenster waren zugeklebt. Die Heizung funktionierte nicht, es gab kein Spielzeug.

Offenbar hatte der Vater, wie „Der Spiegel“ schon vorab berichtete, sogar eine Stromfalle gebaut: Ein nackter Kupferdraht ragte aus dem abgerissenen Lichtschalter. Ein Deckenlicht gab es nicht. Auf dem Fußboden, wo ein Kind stehen würde, um den Schalter anzufassen, sei zudem der Teppich und das darunterliegende Linoleum entfernt worden. Offenbar habe diese Stromfalle dazu gedient, einen Hausunfall vortäuschen zu können.

Gestorben ist Jessica an Erbrochenem, als sie keine Nahrung mehr aufnehmen konnte. In ihrem Magen fanden sich Haare, die sie offenbar in ihrer Verzweiflung gegessen hatte. Der Kot war so hart, daß er dem Mädchen große Schmerzen bereitet haben muß. Jessica starb am 1. März. Sie wog da nur noch 9,6 Kilogramm - so viel wie normalerweise ein zweijähriges Kind. Ihre Haut war wie Pergament.

Auch die älteren Kinder verwahrlosten

Die Angeklagten zeigten bislang keinerlei Reue, auch nicht bei den Befragungen der Ermittler. Sie fanden die Behandlung ihres Kindes offenbar normal. Die Katze in der Wohnung hingegen war wohlgenährt - wie überhaupt die Wohnung in deutlich besserem Zustand war als Jessicas Gefängnis.

Der 49 Jahre alte Vater Burkhard M. sagte, daß Kind habe „'n bißchen abgenommen“. Die 35 Jahre alte Mutter Marlies Sch. verwies auf den Schrecken ihrer eigenen Jugend aus Gewalt, Verwahrlosung, Mißbrauch und Alkohol. Schon früher hatte Marlies Sch. drei Kinder verwahrlosen lassen. Das erste wurde zur Adoption freigegeben und konnte so eine normale Entwicklung nehmen.

Um die zwei folgenden Kinder hatte sich schließlich der Vater gekümmert, mit dem Marlies Sch. bis 1998 verheiratet gewesen war. Er berichtete auch, daß die Mutter ihrem Baby den Schnuller mit einer Stoffwindel um den Kopf im Mund festgebunden habe, damit es aufhöre zu schreien. Obwohl die Geschiedenen noch einige Monate lang in der gemeinsamen Wohnung lebten, hatte die Mutter keinen Kontakt mehr zu ihren Kindern, die heute zehn und zwölf Jahre alt sind.

Mahnbescheid über 60 Euro

Marlies Sch. versuchte auch, Jessica abzutreiben. Sie soll dazu einen Schraubenzieher benutzt haben. Marlies Sch. kommt aus schwierigen Verhältnissen. Nur einmal hatte sie Arbeit, 1996 als Näherin in Hamburg. Nach drei Monaten wurde ihr damals gekündigt, weil sie unentschuldigt fehlte. In einer Kneipe lernte sie den vierzehn Jahre älteren Burkhard M. kennen. Der gelernte Anstreicher kommt aus Berlin, aus der Plattenbausiedlung Hohenschönhausen. Vor Jahren war er der Polizei wegen Diebstahls aufgefallen.

Der Fall Jessica erhielt nicht zuletzt auch deshalb so viel Aufmerksamkeit, weil den Behörden zwar aufgefallen war, daß das Kind nicht eingeschult worden war, aber alle Versuche scheiterten, dem Fall nachzugehen.

Mehrfach hatte die Schulbehörde versucht, Kontakt mit der Familie aufzunehmen, stand aber stets vor verschlossener Tür. Es blieb bei einem Mahnbescheid über sechzig Euro, der jedoch gar nicht erst eingetrieben wurde. Es wurde vermutet, daß das Kind inzwischen anderswo wohnen würde. Die Behörden sprechen derweil von einem „tragischen Irrtum“.

Zahl der Mißhandlungen ist gestiegen

Der Verteidiger von Jessicas Eltern sagte vor dem Prozeß, seine Mandantin habe viel Schuld auf sich geladen, aber auch die staatlichen Behörden hätten versagt. Die Eltern meldeten sich am 1. März bei einem Notarzt, nachdem das Kind gestorben war. Der Arzt fand es im Ehebett, wohin es die Eltern offenbar gelegt hatten, um den Fall zu vertuschen.

An der Beisetzung des Kindes nahm Hamburgs Bürgermeister Ole von Beust (CDU) teil. Die Bürgerschaft richtete einen Ausschuß ein, der Wege finden soll, wie ähnliche Fälle verhindert werden können. Dem Ausschuß haben Mitarbeiter des Kinder- und Jugendnotdienstes berichtet, daß im vergangenen Jahr 364 Fälle von Vernachlässigung gemeldet wurden. 2003 waren es noch 251. Die Zahl der Kindesmißhandlungen stieg von 287 auf 301 Fälle.

Text: f.p., F.A.Z., 25.08.2005
Bildmaterial: AP, dpa/dpaweb

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