Inzestfall von Amstetten

Die Begegnung mit den Kindern ist erschütternd

Gespräch unter Fachleuten

Gespräch unter Fachleuten

01. Mai 2008 Die erste Begegnung mit den Opfern ist für die behandelnden Mediziner und Psychologen im Landesklinikum Amstetten-Mauer erschütternd. Der fünfjährige Felix klammert sich ängstlich an seine Mutter, als er am Wochenende zum ersten Mal in seinem Leben mit seinen drei „neuen“ Geschwistern konfrontiert wird. Auch die übrigen Beteiligten wirken, wie Teilnehmer es später beschreiben, „verstört oder verängstigt“. Der schockierende Inzest- Fall im niederösterreichischen Amstetten hat die Psychologen und Therapeuten in der Nervenklinik vor völlig neue Herausforderungen gestellt.

Noch nie wurden sie mit einem Fall konfrontiert, in dem drei Kinder, das älteste von ihnen 19 Jahre alt, in einem unterirdischen Verlies ohne Tageslicht aufwuchsen. Sie waren ohne andere soziale Kontakte, während wenige Meter über ihnen ihre drei Geschwister ein fröhliches, fast sorgenfreies Leben führen konnten. Einziger Halt war ihre Mutter Elisabeth, die aber selbst fast ihr ganzes Leben lang von ihrem Vater misshandelt und missbraucht wurde. Bis zur Geburt der ältesten Tochter verbrachte Elisabeth in diesem Verlies fast fünf Jahre völlig allein - mit einem Vater als einziger Bezugsperson, der sich das Recht herausnahm, sein Kind jederzeit zu missbrauchen.

Wer zu viel schrie, kam ans Licht

Gefüllte Müllsäcke, vermutlich enthalten sie Beweissmittel

Gefüllte Müllsäcke, vermutlich enthalten sie Beweissmittel

In der Nervenklinik Amstetten-Mauer sind die beiden „Kellerkinder“ Stefan (18) und Felix (5) zusammen mit den Kindern untergebracht, die ihr biologischer Vater und Großvater Josef F. im Alter zwischen neun und 15 Monaten aus dem Dunkel zu sich ins Leben nahm, weil sie, wie er beim Verhör sagte, ihm „zu viel geschrien haben“. Die 19- jährige Kerstin, deren schwere Erkrankung vor eineinhalb Wochen letztlich das Ende des Martyriums für Elisabeth und ihre drei Kinder beschleunigt hatte, fehlt. Sie liegt auf der Intensivstation von Amstetten im künstlichen Tiefschlaf.

Auch Rosemarie F. (68), die Ehefrau von Josef F. und Mutter Elisabeths, ist bei der Gruppe. Für sie, die nach eigenen Aussagen von den Untaten ihres Ehemannes nichts gewusst haben will, muss die Befreiung ihrer Tochter und die Konfrontation mit ihren weiteren Enkeln wie ein Schock gekommen sein. Hatte ihr Mann doch immer wieder versichert, die damals 18-jährige sei zu einer Sekte übergetreten. Und jetzt erfährt sie, dass die Enkelkinder, die sie großgezogen hat, auch die Kinder ihres Mannes sind.

Was sagt man zur Mutter?

Doch die ersten Kontakte zwischen den beiden Kindern aus dem Keller und ihren drei Geschwistern verlaufen besser als erwartet. Schon am Sonntagmorgen, so berichtet der Amstettener Bezirksvorsteher Hans-Heinz Lenze, hätten sie zusammengesessen und geredet. Dabei ist die Aufgabe für die Psychologen und Therapeuten unvorstellbar schwierig: Wie begrüßt man einen Bruder, von dem man nicht einmal wusste, dass es ihn überhaupt gibt? Wie redet man mit dem Menschen, von dem man eben erfahren hat, dass er sein ganzes bisheriges Leben in einem dunklen Kellerverlies gefangen war? Und was sagt man zur Mutter, von der man nur wusste, dass sie einen als Baby ausgesetzt haben soll?

„Wir müssen sehr behutsam mit ihnen umgehen“, sagt Berthold Kepplinger, medizinischer Leiter des Klinikums in Mauer. Zunächst einmal wurde die ungewöhnliche Gruppe in einem Haus untergebracht, in dem sie weitgehend von der Außenwelt abgeschirmt werden. „Sie leben jetzt wie in einem Container“, beschreibt es eine Psychotherapeutin. Von Außen kann nichts herein, aber im Inneren wird kommuniziert.“ Für Lisa (15), Monika (14) und Alexander (12), die Kinder aus dem Obergeschoss, die immer soziale Kontakte hatten und zur Schule gingen, dürfte der Anpassungsprozess etwas leichter sein. Doch werden es die „Kellerkinder“ schaffen? Bis zum Wochenende hatten sie keine Ahnung, wie Blumen riechen, oder wie sich Wind anfühlt, wie die „Kronenzeitung“ schrieb. Felix (5) und Stefan (18) staunten über den Mond, als die Polizei sie aus dem Verlies in die Klinik brachten und freuten sich diebisch über entgegenkommende Autos. Ihre erste Erfahrung mit Straßenverkehr!

Keine normale Ausdrucksweise

Ob Kerstin, das Älteste der „Kellerkinder“ überlebt, ist noch ungewiss. Den beiden Geschwistern gehe es den Umständen entsprechend gut. Immerhin hat ihre selbst ständig gepeinigte Mutter Elisabeth sie im Rahmen ihrer bescheidenen Möglichkeiten unterrichtet. „Sie können sprechen und sich verständigen, aber ihre Ausdrucksweise ist von einem normalen Zustand weit entfernt“, berichtet Klinikchef Kepplinger. In Gefängnis wurde nicht viel geredet. Das Fernsehen ersetzte die Gesellschaft. Schulbildung gab es nicht.

Die Ermittlungen gehen weiter

Die Ermittlungen gehen weiter

Doch trotz der unvorstellbaren Probleme, die noch auf die Opfer von Josef F. zukommen werden, glauben die Psychologen, dass es möglich sein wird, die Kinder und ihre Mutter langsam an das öffentliche Leben heranzuführen. „Felix kann sogar schon wieder lachen“, freut sich der Politiker Lenze. Doch der Prozess wird unendlich viel Geduld brauchen, warnt der Psychologe Klaus Neumann. Aus anderen Erfahrungen, so der Experte, wisse man, dass für ein Jahr der Gefangenschaft ein halbes Jahr der Behandlung nötig wird. Für Elisabeth F., die 24 Jahre eingesperrt war, also noch ein langer Weg.

Text: dpa
Bildmaterial: AP, dpa

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