Nach dem Fund der drei Babyleichen

Haftbefehl gegen die Mutter

05. Mai 2008 Nach dem Fund dreier Babyleichen hat das Amtsgericht Siegen am Montag Haftbefehl gegen die 44-jährige Mutter erlassen. Es bestehe in einem Fall Verdacht auf Totschlag, sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Siegen. Bei den beiden anderen Fällen sei offen, ob die Taten möglicherweise verjährt seien.

Nach Aussage der beschuldigten Frau seien die drei tot aufgefundenen Kinder von ihr vermutlich um das Jahr 1988 herum zur Welt gebracht worden. Es handle sich aber nicht um eine Drillingsgeburt. Die Frau habe sich bei ihrer Vernehmung „sehr schuldig“ gefühlt. Sie stehe wie ihre gesamte Familie unter schwerem Schock. „Sie hat geschluchzt und gezittert. Man sah ihr ihre Notlage an“, sagte der Ermittler. Das Wenige, das sie gesagt habe, sei so zu interpretieren, dass sie die Babys zur Welt gebracht habe und sie es gewesen sei, die die Leichen in der Kühltruhe versteckt habe.

In Tüten und in Handtücher eingewickelt

Die 44-Jährige wohnt mit ihrem 47-jährigen Ehemann und den 18 und 23 Jahre alten Söhnen in dem Haus. Die 24-jährige Tochter lebt mittlerweile nicht mehr dort. Weder die Angehörigen der Frau noch das Umfeld der Familie hätten nach bisherigen Ermittlungsergebnissen von den toten Kindern etwas gewusst.

Polizeibeamte durchsuchen auch die Mülltonnen Die Ermittlungen stehen erst am Anfang, und doch ist vieles schon klar Auch im Haus werden die  Ermittlungen fortgesetzt Das Haus, in dem die Leichen gefunden worden sind Trügerische Idylle vor dem Haus der fünfköpfigen Familie Der Eingang des Hauses wurde versiegelt

Die Babyleichen waren den Ermittlern zufolge am Samstagnachmittag von dem 18-jährigen Sohn und dessen 24-jähriger Schwester in der Tiefkühltruhe im Keller des Einfamilienhauses unter einer großen Menge Lebensmittel, die größtenteils abgelaufen waren, entdeckt worden. Die Leichen hätten sich in drei Tüten befunden und seien in blutgetränkte Handtücher und Zeitungen eingewickelt gewesen. Köpfe und Arme seien zu sehen gewesen. Ihre Eltern, die zu dem Zeitpunkt auf einem Ausflug im Schwarzwald waren, hätten der Sohn und die Tochter nach deren Rückkehr am Sonntagabend zur Rede gestellt und seien dann gemeinsam zur Polizei gefahren.

Unauffällig, freundlich und bestens integriert

Die Frau sei vernommen worden; sie habe „in Bruchstücken“ über die Tat gesprochen und eingeräumt, die Kinder „abgelegt“ zu haben, sagte ein Sprecher der Mordkommission Hagen am Montag. Die Frau wurde festgenommen und kam in psychiatrische Behandlung.

Die Hausfrau lebte seit vielen Jahren in dem Ort. Zeugen schildern das Fachwerkhaus als gepflegt, das Umfeld als „Dorfidylle“. Nachbarn beschrieben die Familie als unauffällig, freundlich und bestens integriert. Die Frau ist korpulent; trotzdem zeigten sich Nachbarn fassungslos, dass der Ehemann offenbar drei Schwangerschaften nicht bemerkt hat.

„Jetzt ist es mitten in der Gemeinschaft“

Der Bürgermeister der 20.000-Einwohner-Gemeinde Wenden, Peter Brüser, zeigte sich entsetzt über die Ereignisse. „Ich bin jetzt 14 Jahre Bürgermeister, und das ist bestimmt der schlimmste Tag, den ich erleben musste“, sagte er. „Wir werden hier lange brauchen, das zu verarbeiten.“ Die Familie sei gut ins Dorfleben integriert, hilfsbereit und unauffällig gewesen. „Niemand hätte sich im entferntesten vorstellen können, dass da noch etwas anderes ist.“ Die Menschen im Dorf stünden unter Schock: „Man hat immer wieder gelesen, dass so etwas passiert in der Welt. Aber das war ganz weit weg, und jetzt ist es mitten in der Gemeinschaft“, sagte der Bürgermeister.

Eine 47-jährige Nachbarin sagte: „Das ist unfassbar - vor allem, dass keiner gemerkt hat, dass sie schwanger ist.“ Nachbarin Alexandra Stracke berichtete: „Das war eine nette freundliche Frau.“ Sie selbst habe in ihrer Kindheit gelegentlich in deren Haus gespielt. „Das war immer gutbürgerlich, nichts Besonderes.“



Text: FAZ.NET
Bildmaterial: dpa, REUTERS

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