Von Katja Gelinsky, Washington, und Anne Schneppen, Seoul
18. April 2007 Die ehemaligen Nachbarn der Familie Cho können es gar nicht glauben. Der ruhige Junge, der bis 1992 unter ihnen lebte, soll der Amokläufer von Virginia gewesen sein. Viel ist von der Familie nicht in Erinnerung. Sie lebten zurückgezogen, auf zwei Zimmern im Souterrain, berichtet eine einstige Nachbarin. Eine bescheidene Mietwohnung in ärmlichen Verhältnissen, ein unscheinbarer Stadtteil im Nordosten Seouls. Den Vater haben wir nie zu Gesicht bekommen. Gelegentlich sah man die Mutter, der Sohn, Seung-hui, besuchte die nahe gelegene Grundschule. Eine anständige und ruhige Familie mit guten Manieren, meint die Vermieterin. Allerdings wurde inzwischen bekannt, dass der spätere Amokläufer der Polizei bekannt war und anderthalb Jahre vor seiner Tat in eine psychiatrische Klinik eingewiesen worden war.
Vor fünfzehn Jahren, Seung-hui war gerade acht, zog das Ehepaar Cho mit Tochter und Sohn plötzlich aus. Sie fanden das Leben hier zu hart und sagten, sie würden nach Amerika auswandern, obwohl sie da keinerlei Kontakte hatten, erinnert sich die 67 Jahre alte Vermieterin Lim Bong-ae. Vater Cho aber suchte eine neue Chance und ein neues Leben in Amerika.
Millionen Koreaner träumen
Dort bringen sie es immerhin zu einem kleinen Betrieb, einer Reinigung. Ihren Kindern konnten sie eine College-Ausbildung bieten. Davon träumen Millionen Koreaner, und viele gehen hohe finanzielle Risiken ein, opfern sich auf, um ihre Kinder in Amerika ausbilden zu lassen, ihnen ein vermeintlich besseres Leben zu ermöglichen. Etwa 100.000 südkoreanische Studenten lernen an amerikanischen Universitäten, damit liegt Südkorea auf Platz eins vor Indien.
An der Hochschule des Amokläufers, Virginia Tech, sind 26.000 Studenten eingeschrieben, davon seien, so berichtete am Mittwoch die südkoreanische Zeitung Joong Ang, 1600 Asiaten und davon wiederum 763 Koreaner. Ich habe Angst, dass die Amerikaner jetzt alle asiatischen Studenten wie Kriminelle behandeln, zitiert das Blatt Lee Seung-wook, den Vorsitzenden der koreanischen Studentenvereinigung an der Virginia Tech. Ähnliche Befürchtungen spiegeln auch Befragungen südkoreanischer Medien in der Bevölkerung wider.
Südkorea in Schock
Die Erkenntnis, dass der Täter, dessen Amoklauf 32 Menschen das Leben kostete, ein Landsmann war, hat Südkorea in Schock versetzt. In hilflosem Aktionismus übt sich die Regierung. Präsident Roh Moo-hyun kondolierte innerhalb von zwei Tagen dreimal, am Mittwoch berief er eine Krisensitzung ein, an der auch Außenminister Song Min-soon teilnahm. Den offiziellen Beileidsbekundungen fügte Song noch einen persönlichen Brief an Außenministerin Rice hinzu. Der südkoreanische Botschafter in den Vereinigten Staaten, Lee Tae-shik, kündigte an, er werde 32 Tage lang fasten, im Andenken an die 32 Opfer.
Ein Regierungsbeamter in Seoul erklärte, die Regierung werde versuchen, negative Auswirkungen auf in den Vereinigten Staaten lebende Koreaner zu verhindern. Außerdem sollten Beeinträchtigungen der südkoreanisch-amerikanischen Allianz, die gerade erst durch ein Freihandelsabkommen gestärkt wurde, minimiert werden. Bei allen Spannungen sind die Vereinigten Staaten Südkoreas engster Verbündeter, Zehntausende amerikanische Soldaten sind seit dem Korea-Krieg im Süden der geteilten Halbinsel stationiert.
Motive liegen noch im Dunkeln
Das Verbrechen des gestörten Einzeltäters, dessen Motive noch im Dunkeln liegen und der den größten Teil seines Lebens in Amerika verbrachte, werden auffällig oft mit nationaler Schande in Zusammenhang gebracht. Eine Seouler Studentin bekennt: Als Koreanerin empfinde ich so etwas wie Scham. Ein Beamter entschuldigt sich sogar für die Tat seines Landsmanns. Die Assoziation, der Amoklauf werfe einen Schatten auf Korea, ist für Koreaner nicht abwegig: Höchstleistungen und Niederlagen Einzelner können stark auf die nationale Befindlichkeit abfärben, die kollektive Identität zählt viel in dem geteilten Land, das sich in seiner Geschichte immer wieder seiner großen Nachbarn erwehren musste.
Die vermeintlichen Erfolge des später der Fälschung überführten Klonforschers Hwang waren immer auch die Erfolge Koreas, das sich plötzlich zum Weltzentrum der Genforschung erklärte. Wenn im Ausland Spitzensportler berühmt werden, die auch nur einen koreanischen Großvater haben, dann werden sie zwischen Seoul und Busan zu nationalen Helden. Als im Sommer 2002 zwei koreanische Schülerinnen bei einem von amerikanischen Soldaten verursachten Verkehrsunfall zu Tode kamen, wurde das Land von einer Welle des Mitgefühls, aber auch von antiamerikanischen Demonstrationen überrollt, die Washingtons Diplomaten überforderten und die Präsident Bush auch mit einer Entschuldigung nicht besänftigen konnte.
Schlimmster Amoklauf in Korea
Schmerzvoll ist auch eine andere Erinnerung, die in einigen Blogs der großen koreanischen Internetgemeinde behandelt wird. Den schlimmsten bislang bekannten Amoklauf der Neuzeit verübte 1982 ein koreanischer Polizist. Er war bei Beförderungen nicht zum Zuge gekommen, und seine Hochzeit scheiterte am Geldmangel. Da rastete Woo Bum-kon aus, bediente sich im Waffenarsenal seiner Polizeistation und tötete in der Provinz Gyeongsangnam 57 Menschen und verletzte 37. Woo wütete acht Stunden lang und zündete sogar Granaten, anschließend verübte er Selbstmord.
Cho Seung-hui, der 25 Jahre später und Tausende Kilometer entfernt zuschlug, kam 1992 in die Vereinigten Staaten. Seine Eltern leben in der Nähe von Washington in Centreville (Virginia). Cho, der noch eine Schwester hatte, studierte an der Virginia Tech im Hauptfach Englisch und wohnte im Wohnheim Harper Hall; gemeinsam mit sechs anderen Studenten teilte er sich dort ein Apartment. Am Dienstag und Mittwoch gab es in der Öffentlichkeit zahlreiche subjektive Einschätzungen, Vermutungen, Gerüchte und Spekulationen darüber, wer dieser Cho Seung-hui eigentlich war.
Ungewöhnlich still
Ein Einzelgänger sei er gewesen, berichtet das Mitglied der Universitätsleitung Harry Hinker. Kommilitonen war Cho vor allem deshalb aufgefallen, weil er ungewöhnlich still war. Er war immer sehr, sehr ruhig und irgendwie sonderbar, blieb immer für sich, schildert sein Mitbewohner Joe Aust. Versuche, mit ihm ins Gespräch zu kommen, seien gescheitert. Wenn Cho in seinem Zimmer war, dann habe er viel Zeit am Computer verbracht und Musik, von Rock über Country bis zu Pop, heruntergeladen. Oft habe Cho aber auch nur an seinem Schreibtisch gesessen und stumm vor sich hingestarrt. Auch in der Mensa sei er für sich geblieben. Ungesellig erschien Joe Aust dieses Verhalten: Obwohl sie sich ein Zimmer teilten, habe er Cho Seung-hui kaum gekannt.
Schüchternheit hinter dem abweisenden Verhalten
Einem anderen Mitbewohner, Karan Grewal, schien es, als verberge sich Schüchternheit hinter dem abweisenden Verhalten, hinter der Ausdruckslosigkeit und Leere, die stets Chos Gesichtszüge bestimmt hätten. Ein früherer Kommilitone berichtet aber auch von gewaltgeladenen Drehbüchern, die Cho für ein Seminar in Kreativem Schreiben verfasst habe. Für ihn und die anderen Seminarteilnehmer seien Chos schräge und morbide Arbeiten wegen des extremen Ausmaßes an Gewalt stets ein Albtraum gewesen, schreibt Ian McFarlane in einem Internetblog. Die Seminarteilnehmer hätten sich ernsthaft gefragt, ob Cho womöglich zum Amokläufer werden könnte. Eine Seminarteilnehmerin sagte im Fernsehen: Wir alle hatten die Anzeichen vor Augen, aber wir hätten niemals gedacht, dass tatsächlich so etwas passiert.
Die Englisch-Professorin Lucinda Roy war von Chos Texten so alarmiert, dass sie ihn aus dem Seminar nahm und ihm Einzelunterricht erteilte. Mit ihrer Assistentin sprach sie ein Codewort ab, mit dem sie ohne Aufsehen zu erregen Hilfe hätte anfordern können, wenn das wegen des Studenten erforderlich geworden wäre. In einem seiner Stücke hatte Cho ein Gewaltverbrechen eines Jugendlichen an seinem verhassten Stiefvater dargestellt. Lucinda Roy unterrichtete die Universitätsleitung und auch die Polizei offiziell von ihren Beobachtungen. Cho sei gestört und brauche professionelle Hilfe. Nach Berichten der Washington Post sahen die Verantwortlichen jedoch keine Möglichkeit zum Einschreiten, da Cho niemanden unmittelbar bedroht habe.
Heute werde ich Menschen töten
Dabei hat der Amokläufer seine Tat nach einem Bericht der Los Angeles Times sogar im Internet angekündigt. Auf einer Internetseite der Universität habe er geschrieben: Heute werde ich Menschen an der VTech töten. Amerikanische Zeitungen berichteten weiter, Cho habe sich in jüngster Zeit zunehmend aggressiv und fahrig verhalten. Er habe Medikamente gegen Depressionen geschluckt und Feuer in einem Wohnheimzimmer gelegt.
Zu den vielen Fragen gehört unter anderen, welche Rolle die 18 Jahre alte Emily Hilscher im Leben des jungen Mannes spielte. Cho hatte die Studentin am frühen Montagmorgen in ihrem Zimmer als das erste seiner insgesamt 32 Opfer erschossen. Laut Gerüchten war Cho rasend eifersüchtig auf Hilschers Freund. Chos Mitbewohner hatten davon nichts mitbekommen: So weit sie wüssten, habe er keine Freunde und auch keine Freundin gehabt.
Widersprüchliche Berichte gibt es auch dazu, ob Cho eine Abschiedsnotiz hinterlassen hat. Der Polizeipräsident von Virginia, Steven Flaherty, sagte, dies sei offenbar nicht der Fall gewesen. Doch berichtete der Fernsehsender ABC, dass man in Chos Schlafzimmer ein Schreiben gefunden habe. Ihr habt mich dazu gebracht, dies zu tun, zitiert der Fernsehsender aus der Notiz, in der sich Cho angeblich über reiche Kids, Ausschweifungen und Scharlatane an der Universität beklagt. Auch am Körper des Amokläufers haben Ermittler angeblich eine Botschaft gefunden. Ismail Ax habe er sich mit roter Tinte auf den Arm gekritzelt. Was Cho damit gemeint hat, weiß man, wie so vieles, nicht.
Text: FAZ.NET/gel./F.A.Z. mit Material von AP, dpa, Reuters und AFP
Bildmaterial: AFP, AP, AP Photo/The Roanoke Times, Sam Dean, dpa, F.A.Z., REUTERS