12. Januar 2004 Das Opfer im Kannibalismus-Fall von Rotenburg, ein 43jähriger Computer-Spezialist aus Berlin, hatte nach Aussage seines letzten Lebensgefährten keine außergewöhnlichen sexuellen Vorlieben oder ihm von einem Todeswunsch erzählt.
Es gab keine Schmerzen, und ich stehe auch nicht drauf", sagte der 27jährige Zeuge aus Berlin am Montag vor dem Kasseler Landgericht. Sexuelle Probleme habe es nicht gegeben. Vor dem überraschenden Verschwinden des 43Jährigen im März 2001 hätten beide noch Urlaubspläne gemacht. Es sei ihm außer einem streßbedingten Haarausfall nichts Außergewöhnliches an seinem Lebensgefährten aufgefallen. Seines Wissens habe er auch keine Affären mit Frauen oder Kontakte zu Strichjungen gehabt. Ich suche die Erklärung bis heute", sagte der Zeuge, der in einer chemischen Reinigung arbeitet. Der Angeklagte Armin M. habe ihm später einen Brief geschickt, in dem er sich bei ihm entschuldigt und ihm sein Beileid ausgedrückt habe. Vor Gericht sagte M. am Montag, er mache sich heute auch Gedanken darüber, wieso sich der Ingenieur habe töten und essen lassen wollen.
Widersprüchliche Zeugenaussagen
Ein ebenfalls als Zeuge gehörter Bekannter und Schulfreund von M. sagte aus, der Angeklagte habe ihm mehr als ein Jahr nach der Tat im Alkoholrausch erzählt, er habe per Internet Kontakt zu einem Mann, der fragt mich in regelmäßigen Abständen, ob er reif ist zum Schlachten. In nüchternem Zustand habe M. ihn anschließend gebeten, das Gespräch zu vergessen, sagte der Bekannte aus.
Ein weiterer Zeuge und früherer Liebhaber des Opfers sagte aber aus, daß der 43jährige sich unbedingt den Penis abbeißen lassen wollte. Ich habe den Kontakt abgebrochen wegen dieser sexuellen Wünsche, mit denen ich nicht einverstanden war", sagte der aus Kuba stammende 36-jährige Zeuge am Montag vor dem Kasseler Landgericht. Der Computer-Spezialist habe sich gern beißen lassen und davon geträumt, sich den Penis abbeißen zu lassen. Dies sei ihm ernst gewesen, kein Spiel. Der Mann habe ihm dafür 5.000 Mark geboten, sagte der Zeuge. Beide hätten sich über eine Kontaktanzeige kennen gelernt und mehrere Jahre hinweg regelmäßig getroffen.
Eine 30jährige Frau, die bis 1997 eine Beziehung zu dem Opfer unterhalten hatte, sagte, ihr sei nichts von außergewöhnlichen sexuellen Vorlieben ihres damaligen Freundes bekannt. Für sein späteres Verhalten habe sie keine Erklärung, außer, daß der Computer-Spezialist manchmal recht neugierig gewesen sei. Sie könne sich jedoch nicht vorstellen, daß er sich freiwillig den Penis habe abschneiden oder sich habe töten lassen, sagte die Frau, die mit dem Opfer noch bis zu dessen Verschwinden freundschaftlich verbunden war.
Anklage auf Mord aus sexuellen Motiven
Die Staatsanwaltschaft hat M. wegen Mordes zur Befriedigung des Geschlechtstriebes angeklagt. Die Ermittler werfen dem Computer-Spezialisten aus Rotenburg vor, ab Mitte 1999 im Internet junge Männer für reale Schlachtung und Verspeisung gesucht zu haben. Im März 2001 habe er den Computer-Experten aus Berlin mit dessen Einverständnis getötet und in der Folgezeit sein Fleisch verzehrt. Zu Prozeß-Beginn hatte Meiwes Anfang Dezember ein umfassendes Geständnis abgelegt, dabei jedoch betont, nicht aus sexuellen Motiven getötet zu haben. Sein Anwalt Harald Ermel spricht von Tötung auf Verlangen.
Passiv und zuvorkommend
Der Zeuge beschrieb seinen Lebensgefährten als eher ruhig, passiv und zuvorkommend. Von kannibalistischen Vorlieben habe er nichts mitbekommen. Anfang 2001 habe der 43jährige noch einen neuen Fernseher und einen neuen Kühlschrank angeschafft, sagte er. Beide seien seit 1999 ein Paar gewesen, bis der 43jährige am 9. März einfach verschwunden sei.
Zuletzt habe er seinen Lebensgefährten am Morgen dieses Tages schlafend im Bett gesehen, nachdem der Computer-Spezialist ihm zuvor schon gesagt habe, daß er wegen eines Treffens den Tag über vermutlich nicht zu erreichen sei, sagte der Zeuge. Der 43jährige habe auch nichts Besonderes mitgenommen: Handy, Zigaretten, Schlüssel - das war's", sagte der Zeuge. In der Nacht zum 10. März starb der Computer-Experte in Meiwes' Haus im Rotenburger Ortsteil Wüstefeld.
Text: Reuters, dpa