Serienmörder Fourniret

Der Förster auf der Jagd nach Mädchen

Von Andrea Schneider, Brüssel

Serienmörder mit Geltungssucht: Michel Fourniret

Serienmörder mit Geltungssucht: Michel Fourniret

27. März 2008 Harmlosigkeit war Michel Fournirets Masche, wenn er auf Mädchenjagd ging. Er war der freundliche Autofahrer, der sich verfahren hat. Oder er saß als besorgter Vater hinterm Steuer, der einen Arzt für sein krankes Kind sucht: Kommen Sie, steigen Sie ein, zeigen Sie mir den Weg. So höflich hat er das zu seinen Opfern, den jungen Mädchen und Frauen, gesagt. Die Methode hat funktioniert.

Doch dann hat Monique Olivier über ihren dritten Ehemann Michel Fourniret ausgepackt, der seit Juni 2003 wegen versuchter Entführung in Haft sitzt. Sich selbst hat sie schwer belastet und ihren Mann zu einer Serie von Mordgeständnissen gebracht. „Er wollte Jungfrauen - das war wichtig für ihn.“ Und weil Fournirets Gier unersättlich war, verfolgten die Ermittler eine Blutspur, die von den Ardennen ins Umland von Paris, in den Osten und Westen Frankreichs und schließlich zurück in die Ardennen, die Heimat Fournirets, führt.

„Ich werde Ihnen nichts Böses tun“

Im französischen Charleville-Mézières, nur 20 Kilometer von seiner Geburtsstadt Sedan entfernt, wird Fourniret von Donnerstag an der Prozess gemacht (siehe: Fourniret sorgt für Eklat zu Prozessbeginn). „L'ogre des Ardennes“ (übertragen in etwa „Der Wüterich der Ardennen“), wie Fourniret inzwischen meist genannt wird, steht wegen Mordes und Vergewaltigung von sieben Mädchen und jungen Frauen vor Gericht. Wegen Mordes in einem Fall und der Beihilfe dazu in mehreren Fällen muss sich seine Frau Monique ebenfalls vor den Geschworenen verantworten. Der Beginn der kriminellen Karriere Fournirets, der am 4. April 66 Jahre alt wird, erscheint fast schon banal angesichts seiner späteren Taten. Schon mit Mitte 20 fällt er der Justiz auf. 1966 in Nantes und 1973 in Verdun wird Fourniret wegen Voyeurismus und Exhibitionismus verurteilt. Zum zweiten Mal verheiratet ist er damals. Aus erster Ehe hat er einen Sohn, mit seiner zweiten Frau Zwillingsmädchen und einen Jungen, der später bei einem Unfall ums Leben kommt. Die Familie lebt bei Paris.

Mal dies, mal das und nie auf Dauer arbeitet Fourniret, gern als Handwerker, als Tischler zum Beispiel. Anfang der achtziger Jahre gerät sein Leben endgültig aus den Fugen. Im September 1982 wartet die 14 Jahre alte Dahina le Guennan am Bahnhof von Epernon im Pariser Umland auf ihren Zug, als sich ihr ein Mann nähert. Michel Fourniret hält ihr eine kleine Flasche vors Gesicht: „Das ist Vitriol.“ Die Polizei sei hinter ihm her, er müsse fliehen und sie als Geisel im Auto mitnehmen. „Ich werde Ihnen nichts Böses tun.“ Wie ein Lehrer habe Fourniret gesprochen, von seiner religiösen Erziehung geredet und von der Jungfräulichkeit, so Dahina gegenüber der Zeitung „Libération“.

Ein Mann, der nach Jungfräulichkeit sucht

Ortstermin mit einem Killer

Ortstermin mit einem Killer

Dass er selbst unberührt geheiratet habe, seine Frau aber keine Jungfrau mehr gewesen sei und er sich maßlos betrogen fühle. Fourniret hält an: „Wir werden jetzt eine Vergewaltigung vortäuschen.“ Das solle verhindern, dass sie als Komplizin angesehen werde, ist die perverse Erklärung. Fourniret macht ernst. Dann weint er. „Extrem ruhig“ sei Fourniret während der Tat gewesen, berechnend, „ein Manipulator“, sagt das Opfer. Fourniret lässt das Mädchen frei. Es geht zur Polizei. Erst 1984 kommt Fourniret in Untersuchungshaft. Nach Angaben von „Le Monde“ soll er rund 15 Sexualdelikte seit 1977 gestanden haben. Im Juni 1987 wird er wegen Entführung und Vergewaltigung Minderjähriger zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt, zwei davon auf Bewährung.

Aber schon im Oktober kommt Fourniret aus der Haftanstalt Fleury-Mérogis frei: Ihm wurde die Untersuchungshaft angerechnet und ein weiterer Straferlass zuerkannt. Dabei heißt es in einem psychiatrischen Gutachten vom 29. April 1986, Fourniret sei „ein Mann, der nach Jungfräulichkeit sucht“. „Le Monde“ zitiert weiter aus der Stellungnahme zweier Psychiater, Fourniret habe sich vom Geständnis seiner geschiedenen Frau, keine Jungfrau mehr zu sein, betrogen gefühlt. All sein Denken kreise um das Thema Unberührtheit. Die Suche danach hänge mit kindlicher oder jugendlicher Sexualität zusammen. Außerdem bescheinigen ihm die Sachverständigen neurotische Züge. Das Gutachten erwähnt auch die Trennung der Eltern an Fournirets zwölftem Geburtstag. Ständig habe der Sohn eines Metallarbeiters und einer Bauerstochter versucht, sozial aufzusteigen - „als wolle er sich von seinem Milieu reinwaschen“. Daher sei er ein ehrgeiziger Autodidakt.

Frau als Komplizin

Michel Fourniret nach einem Verhör - geschützt durch eine kugelsichere Weste

Michel Fourniret nach einem Verhör - geschützt durch eine kugelsichere Weste

Wieder auf freiem Fuß, zieht der damals 45 Jahre alte Fourniret seit Herbst 1987 mit der sechs Jahre jüngeren Monique Olivier durchs Leben: Kennengelernt hatte sich das Paar während Fournirets Haft durch eine Kleinanzeige, auch sie hat eine gescheiterte Ehe mit zwei Söhnen hinter sich. Fourniret und Olivier halten sich zeitweilig in dem Dorf Saint-Cyr-les-Colons bei Auxerre in Burgund auf. Dort beginnt Fourniret kurz nach der Entlassung jene Mordserie, die er inzwischen gestanden hat. Monique Olivier, als extrem unterwürfig beschrieben, wird Mitwisserin und Komplizin. Auszüge aus den Schilderungen, die sie zu Protokoll gab, sind durch alle belgischen Zeitungen gegangen.

Das erste Opfer: Isabelle Laville

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, FAZ.NET, picture-alliance / dpa/dpaweb

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