Amoklauf in Blacksburg

„Ihr habt entschieden, mein Blut zu vergießen“

Hass auf seine Umgebung: Cho Seung-Hui

Hass auf seine Umgebung: Cho Seung-Hui

19. April 2007 Seine Kaltblütigkeit ist erschreckend. Der Amokläufer von Blacksburg ist offenbar nach seinen ersten beiden Morden in aller Ruhe zur Post gegangen, um ein Multimediapaket an einen amerikanischen Fernsehsender abzuschicken, bevor er in der Technischen Hochschule von Virginia 30 weitere Menschen und sich selbst tötete. Bis zum Bekanntwerden der Postsendung am Mittwochabend war darüber gerätselt worden, warum zwischen beiden Schießereien eine derart lange Zeit verstrich. Der Fernsehsender NBC sendete am Mittwochabend Ausschnitte aus Cho Seung-Huis gefilmter Erklärung, die er selbst aufgenommen hatte. Darin teilt er mit, dass er mit genusssüchtigen Reichen eine Rechnung begleichen werde.

(Auszüge aus der Erklärung des Amokläufers)

„Ihr hattet hundert Milliarden Chancen, das hier zu vermeiden“, sagte Cho in einem von NBC am Mittwochabend gezeigten Ausschnitt seines Manifests. „Aber ihr habt entschieden, mein Blut zu vergießen. Ihr habt mich in die Ecke getrieben und nur eine Option gelassen. Das war eure Entscheidung. Jetzt habt ihr Blut an euren Händen, das sich nie mehr abwaschen lässt.“ Cho erwähnte auch „Märtyrer wie Eric und Dylan“ - die Amokläufer des Massakers an der Columbine Highschool vor fast genau acht Jahren, die 13 Menschen und sich selbst töteten.

Vergleich mit Jesus Christus

NBC zufolge ist Chos Stellungnahme 1.800 Wörter lang. Etliche Passagen seiner Rede seien zusammenhanglos und vulgär. „All eure Ausschweifungen waren nicht genug. Sie reichten nicht, eure hedonistischen Bedürfnisse zu befriedigen. Ihr hattet alles.“ Sich selbst stellt er als einen Jungen dar, dessen Herz mutwillig zerstört, dessen Seele vergewaltigt und dessen Bewusstsein ausgelöscht worden sei. „Dank euch sterbe ich wie Jesus Christus, um Generationen schwacher und schutzloser Menschen zu inspirieren.“

Ein Zeitstempel auf dem Paket zeige, dass Cho es am Montag um 09.01 Uhr (Ortszeit) in einem Postamt Virginias aufgegeben habe. Das war eine Stunde und 45 Minuten nach seinen ersten tödlichen Schüssen in einem Wohnheim der Virginia Tech. Das würde erklären, wo der Amokläufer war, bevor er auf den Campus zurückkehrte und in einem Lehrgebäude 30 weitere Menschen und sich selbst tötete.

„All die Scheiße an Euch zurück“

Das Paket sei per Eilkurier aufgegeben worden, aber die Postleitzahl war falsch, daher hatte es erst am Mittwoch seinen Empfänger bei NBC erreicht. Der Briefträger machte Mitarbeiter des Fernsehsenders auf den Absender des verdächtigen Pakets aufmerksam: Blacksburg, Virginia. Mitarbeiter des NBC-Sicherheitsdienstes öffneten den Umschlag. Sie trugen dabei Handschuhe - das übliche Vorgehen seit dem versuchten Milzbrand-Anschlag auf Moderator Tom Brokaw im Jahre 2001.

Zur Mittagszeit wurde NBC-Präsident Steve Capus aus einer Konferenz gerufen und über die Postsendung aus Virginia informiert. „Erst habe ich mich gefragt, ob es wohl echt ist, aber wenn man sich das ansieht und die ganzen Bilder sieht, wird einem klar, dass es das tatsächlich ist“, sagte Capus. Das Paket enthielt eine DVD, 23 ausgedruckte Seiten mit Botschaften des Amokläufers sowie 29 Fotos. Auf elf der Bilder zielt er mit der Waffe in die Kamera. Ein Foto zeigt 30 Kugeln mit der Botschaft darunter: „All die Scheiße, die Ihr mir gebracht habt, an Euch zurück.“

NBC informierte die Polizei

NBC setzte sich dann mit den Behörden in Verbindung. Ein Vertreter des Bundespolizei FBI nahm die Originale an sich, Kopien verblieben beim Sender. Das FBI forderte NBC auf, so lange nicht über die Sendung des Attentäters zu berichten, bis die Ermittler das Material ausgewertet hätten. Capus beschrieb diese Bitte als angemessen, so dass die Öffentlichkeit erst auf einer Pressekonferenz am späten Mittwochnachmittag von Chos Hinterlassenschaften erfuhr.

Gegen 18.00 Uhr am Abend erhielt NBC schließlich die Erlaubnis, Auszüge aus den Videobotschaften zu zeigen. Die Nachrichtensendung „Nightly News“ ging um 18.30 Uhr Ortszeit auf Sendung und berichtete über Einzelheiten aus dem Multimedia-Paket.

Psychische Probleme und Gewaltfantasien

Chos Manifest fügte einer stetig wachsenden Liste weitere Elemente hinzu, nach der es schon seit mindestens einem Jahr Hinweise dafür gab, dass der Einzelgänger schwere psychische Probleme und Gewaltfantasien hatte.

Wie amerikanische Medien unterdessen berichteten, wurde Cho 2005 von einem Sonderrichter des Staates Virginia für geistesgestört erklärt und im Dezember für kurze Zeit in eine psychiatrische Klinik eingewiesen. Der Sender CNN zitierte aus einem Gerichtspapier, in dem es heißt, Cho stelle eine Gefahr für sich selbst dar. Aufgeführt wird ferner die Feststellung eines Experten, der zufolge der junge Mann auch eine Gefahr für andere sei. Wie Medien weiter berichteten, wurde Cho dann aber nach weiteren Gutachten wieder aus der Klinik entlassen.

Anzeichen auf ein gestörtes Verhalten

Auch an der Virginia Tech hatten Dozenten und Mitstudenten berichtet, dass es vor der Bluttat viele Anzeichen auf ein gestörtes Verhalten des späteren Täters gegeben habe.

Cho belästigte Kommilitoninnen

In Blacksburg reagierten die verbliebenen Studenten fassungslos auf die Botschaften des Täters: Einige starrten schweigend auf die Bildschirme, andere schüttelten die Köpfe oder weinten. „Die Bilder zu sehen, macht es noch realer“, sagte die 22-jährige Laura Sink, während Tränen ihre Wangen hinabliefen. Sie saß mit rund 50 weiteren Gästen in einem Restaurant nur wenige Meter von der Virginia Tech entfernt.

Der Campus ist seit der Tat weitgehend verlassen, nur wenige Studenten kamen in einem Fernsehraum zusammen, um sich die Nachrichten anzuschauen. „Es ist genau, wie er es geplant hat“, sagte die Studentin Heather Brennan. „Er wusste genau, was er tun wollte, und er hat es getan.“

Zahlreiche Trittbrettfahrer

Nach dem folgenschwersten Amoklauf in der amerikanischen Geschichte gingen bis Mittwoch bei zahlreichen Schulen Drohungen ein. In mindestens zehn Staaten wurden Universitäten, Ober- und Mittelschulen nach Drohungen evakuiert oder geschlossen. In der Universität von Minnesota wurden acht Gebäude geräumt. Der Polizeichef der Universität, Greg Hestness, sagte, es sei klar, dass es nach Blacksburg eine Reihe Fehlalarme geben werde. „Wir können es uns aber nicht leisten, es nicht zu glauben und uns dabei zu irren“, sagte er.

Ein 16-jähriger Oberschüler erschoss sich im amerikanischen Bundesstaat North Carolina, nachdem er zuvor zwei Mitschüler mit seiner Handfeuerwaffe bedroht hatte. Das teilte die Polizei in Huntersville mit. Die Schulen in der Stadt seien nach dem Vorfall geschlossen worden.

Nach Auffassung des Medienwirkungsforschers Achim Hackenberg von der Freien Universität Berlin kann die TV-Ausstrahlung von Selbstdarstellungs-Videos wie die des Amokläufers von Virginia schwerwiegende Folgen haben. „Es gibt einen Typus von
Trittbrettfahrern, die darauf vielleicht anspringen. Wenn das Potenzial für Nachahmertaten vorhanden ist, kann es durch solche Bilder zum Ausbruch kommen.“

Text: FAZ.NET mit Material von dpa, AP und AFP
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, REUTERS

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